Staatsdebatte nach Trainingseklat: Tritt Pique jetzt zurück?

Kerry Hau
Gerard Pique (Mitte) ist im Training der spanischen Nationalmannschaft das Ziel von Anfeindungen

Thiago Alcantara war sichtlich gereizt.

"Ich bin nicht hier, um über Politik oder das Leben eines Teamkollegen zu sprechen. Wir wollen nur Fußball spielen, an etwas anderes denken wir nicht", sagte der Mittelfeld-Star des FC Bayern auf einer Pressekonferenz im Lager der spanischen Nationalmannschaft.

In dem Madrider Vorort Las Rozas, wo Thiago und seine Kollegen seit Wochenbeginn weilen, interessiert das WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien am Freitag (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) in Wirklichkeit aber fast niemanden mehr.

Und zwar nicht, weil die "Furia Roja" nur noch einen Punkt aus zwei Spielen benötigt, um ihr Ticket für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland zu lösen, sondern weil die seit Jahren bestehende Diskussion um Thiagos Mitspieler Gerard Pique im Rahmen des katalanischen Unabhängigkeitsreferendums endgültig zu einer Staatsaffäre mutiert ist.

Fan-Eklat führt zu Trainingsabbruch 

"Pique, Bastard, raus aus der Nationalmannschaft", hatten fast 1500 Fans bei einer öffentlichen Trainingseinheit am Montag skandiert. "Hau endlich ab, Pique", stand auf zahlreichen Plakaten.

Polizeibeamte versuchten, die aufgebrachte Stimmung zu besänftigen, doch Nationaltrainer Julen Lopetegui sah sich nach nur 23 Minuten genötigt, die Einheit abzubrechen.


"Es ist der traurigste Tag der Nationalmannschaft", schrieb die Madrider Sportzeitung Marca daraufhin und stufte die Situation als "unerträglich" ein. Die in Barcelona ansässige Sport bezeichnete das Verhalten der Zuschauer als "intolerabel".

Der Ärger um Pique war eskaliert, weil sich der Ur-Katalane tags zuvor öffentlich für das verfassungswidrige Referendum eingesetzt und dabei unter Tränen mit seinem vorzeitigen Rücktritt aus der Nationalelf gedroht hatte.

"Pique ist kein Problem"

"Wenn der Trainer oder der Verband denken, dass ich ein Problem für die Nationalmannschaft bin, werde ich vor der WM zurücktreten", hatte Pique angeboten.

Und die Fans in Las Rozas ließen den 30-Jährigen nun deutlich wissen, dass sie ihn nicht mehr in den Farben des Landes sehen wollen, von dem er sich am liebsten abspalten würde. 

Nationaltrainer Lopetegui aber wies das Angebot des Innenverteidigers entschieden zurück - und betonte, dass Fußball immer noch Fußball bleiben müsse.


"Es geht um die Mannschaft. Und Pique brennt darauf, für diese Mannschaft zu spielen. Ansonsten würde ich ihn nicht holen. Er ist kein Problem, sondern ein wichtiger Spieler, auf den wir zählen", sagte Lopetegui dem Radiosender Cadena Cope.

Dieser Meinung schloss sich auch Verbandschef Juan Luis Larrea an. "Pique verlässt uns nicht", sagte er und versicherte, im Team herrsche "keine schlechte Stimmung".

Maulkorb für Ramos

Ganz richtig lag er damit offensichtlich nicht. Denn neben Thiago zeigte sich auch Atletico-Profi Koke ziemlich genervt, als ihn die Journalisten während der Presserunde zu Pique befragten.

"Es ist ermüdend, immer wieder darüber zu sprechen", meinte Koke. Thiago ergänzte nur: "Gerard hat sich verhalten, wie er sich immer verhält. Er ist wie immer mit vollem Einsatz bei der Sache."

Sergio Ramos hätte zu dem Thema wohl mehr zu sagen gehabt.

Nachdem der Kapitän von Real Madrid Pique zuletzt aber immer wieder wegen dessen Kampf für Kataloniens Unabhängigkeit kritisiert hatte, verbat ihm die Presseabteilung der Nationalmannschaft angeblich jegliche Stellungnahmen zu der Dauerdiskussion.

Bei der "Seleccion" hoffen sie jetzt, zumindest bis zum Spiel am Freitagabend Ruhe zu haben. Denn eins ist sicher: In Alicante, wo das Länderspiel gegen Albanien stattfindet, wartet der nächste Spießrutenlauf auf Pique.