Eine Pipeline durch das wilde Kurdistan


Mit einem überraschenden Manöver bringt sich Rosneft auf dem internationalen Energiemarkt in Stellung: Der russische Ölkonzern führt mit der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak Verhandlungen über den Bau einer Gaspipeline über die Türkei bis nach Europa.

Rosneft will sich an der Finanzierung beteiligen und die Pipeline nach dem Bau auch betreiben, um die Kosten wieder reinzuholen. Laut dem Konzern sind die Verhandlungen relativ fortgeschritten. „Es wird erwartet, dass eine Vereinbarung zu dem Projekt bis Jahresende unterzeichnet wird“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Rosneft ist bereits in der Region aktiv. Allerdings besitzt der Konzern dort bislang vor allem Öllagerstätten. Zudem gibt es Verträge über den Kauf von irakischem Öl, das Rosneft dann über das Mittelmeer Richtung Europa verschifft und in seinen Raffinerien in Süddeutschland verarbeitet. Der Premier der kurdischen Autonomieregierung, Necirvan Barzani, bezifferte beim Petersburger Wirtschaftsforum die Rosneft-Investitionen in seiner Region auf etwa drei Milliarden Dollar. Auf dem Forum im Juni wurde auch der Bau einer Ölexportleitung aus Kurdistan in die Türkei vereinbart.


Dass sich Rosneft nun auch noch auf dem Gasmarkt versucht, ist hingegen neu: Die Kapazität der Gasleitung soll 30 Milliarden Kubikmeter pro Jahr betragen. Russische Medien schätzen die Kosten der rund 2.000 Kilometer langen Trasse vom irakischen Kirkuk bis an die türkische Mittelmeerküste auf bis zu 1,5 Milliarden Dollar. Teilweise kann in der Türkei wohl auf die Infrastruktur der Trans-Adria-Pipeline (TAP) und der Transanatolischen Pipeline (TANAP) zurückgegriffen werden.

Die Rosneft-Pipeline soll bereits 2019 auf irakischer Seite in Betrieb genommen werden. Ab 2020 ist dann auch der Export Richtung Türkei und auf den europäischen Markt geplant. Über die Ressourcenbasis hat Rosneft bislang keine Angaben gemacht.

Das Projekt ist gleich in doppelter Hinsicht brisant: Insgesamt ist die Region noch lange nicht stabil, auch wenn nicht zuletzt durch Hilfe der Kurden die Terrormiliz Islamischer Staat zurückgetrieben werden konnte. Dafür gibt es zunehmende Spannungen zwischen der kurdischen Regionalregierung und der Zentralregierung in Bagdad. Die Kurden haben inzwischen ein Gebiet unter Kontrolle, das weit über die offiziellen Grenzen der Region hinausgeht. Die von der kurdischen Regionalregierung eingeforderten Gebiete sind sogar noch größer.


Der Streit ist von enormer politischer und wirtschaftlicher Bedeutung, da die Gebiete als ölreich gelten und die autonome Region seit 2014 relativ eigenständig ihre Bodenschätze exportiert. Am 25. September wollen die Kurden über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Bagdad hat dem Referendum seine Anerkennung schon versagt. Das Wiederaufflammen alter Konflikte ist nicht auszuschließen. Der Bau einer Pipeline ohne das Einverständnis Bagdads birgt daher ein großes Risiko.

Die zweite Gefahr für Rosneft lauert in Russland selbst: Denn der Konzern tritt damit in direkte Konkurrenz zum bisherigen Monopolisten Gazprom. Gazprom hat selbst Pläne zum Ausbau seines Pipelinenetzes Richtung Europa. So ist der Ausbau der Ostseepipeline (Nordstream2) geplant. Wichtiger noch: Über den Ausbau von Turkstream will Gazprom potenziell auch Südeuropa an das eigene Gasleitungsnetz anschließen. Dessen Kapazität – 31,5 Milliarden Kubikmeter – entspricht ziemlich genau der Leitungskapazität, die nun Rosneft in Angriff nimmt.


Sberbank-Analyst Waleri Nesterow befürchtet, dass die Pläne Rosnefts einen Machtkampf der beiden Staatskonzerne provozieren könnten. Gazprom hat in der Vergangenheit sein Exportmonopol eitel verteidigt und könnte laut Nesterow auch jetzt scharf reagieren und versuchen, die Frage im Kreml lösen zu lassen.

Das Ergebnis ist schwer vorherzusagen. Gazprom hat eine ausgezeichnete Lobby im Kreml, die Einnahmen aus dem Gasexport sind eine tragende Säule für den russischen Haushalt. Gazprom-Chef Alexej Miller gilt als enger Vertrauter Wladimir Putins noch aus Petersburger Tagen. Doch das gleiche lässt sich für Rosneft-Präsident Igor Setschin festhalten, der als Putins langjähriger Sekretär von vielen politischen Beobachtern als der zweitmächtigste Mann Russlands eingeschätzt wird.