Frankfruter "Tatort": Was steckt hinter dem "Prinzip Hoffnung"?

·Lesedauer: 5 Min.

In seinem zehnten Murot-"Tatort" tauchte Ulrich Tukur in die Welt der Philosophie ab. Auf welche Denk-Konzepte spielte der Krimi an? Und woher kommt das oft zitierte "Prinzip Hoffnung", das heute in seiner Abwandlung "die Hoffnung stirbt zuletzt" gern als Kommentar nach Fußballspielen auftaucht?

Ulrich Tukur als Felix Murot im Frankfurter Tatort
Felix Murot (Ulrich Tukur) kehrt in die alte Villa des toten Star-Philosophen Muthesius zurück. Hier war er früher eine Art Jünger des Professors, der später freiwillig auf der Straße lebte. (Bild: HR / Bettina Müller )

Dreiminütige Slam Poetry-Monologe von Lars Eidinger, der einige Wochen nach seinem finalen Auftritt als Kieler "stiller Gast" schon wieder einen Edel-Exzentriker im "Tatort" mimen durfte! Dazu ein Fall mitsamt Verdächtigen-Familie, der an Künstlichkeit kaum zu überbieten war! Klar sein dürfte: Dieser "Krimi" mit Ulrich Tukur hat die "Tatort"-Familie gespalten. Nur hoffentlich nicht so sehr, wie die deprimierende Täter-Familie im Film, die sich Drehbuch-Autor Martin Rauhaus wohl nur ausgedacht hatte, um Zuschauerinnen und Zuschauern ein paar spannende philosophische und psychologische Konzepte zum Verständnis des Menschen nahebringen zu können. Kann man machen - aber es wird nicht jedem gefallen haben. Sollte der Murot-"Tatort" jedoch fasziniert haben, erfährt man hier, auf welche Denkschulen angespielt wurde.

(Friederike Ott, links, Ulrich Tukur, zweiter von links; Barabara Philipp, dritte von links; Karoline Eichhorn, Lars Eidinger im Tatort Prinzip Hoffnung
Die Ermittelnden Murot (Ulrich Tukur, zweiter von links) und Wächter (Barabara Philipp, dritte von links) haben die Kinder des toten Professors im Fokus: Laura Muthesius (Friederike Ott, links), Inga Muthesius (Karoline Eichhorn) und Paul Muthesius (Lars Eidinger) sind jedenfalls allesamt - auf unterschiedliche Art - ziemlich seltsam. (Bild: HR / Bettina Müller )

 

Worum ging es?

Frankfurt wird von einem Serienmörder in Atem gehalten. Alle Opfer werden per Genickschuss getötet. Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) glaubt jedoch, dass es dem Täter nur um das dritte Opfer ging, den ehemaligen Star-Philosophen Jochen Muthesius, bei dem Murot einst selbst studierte. Der Professor lebte seine letzten Jahre - trotz beträchtlichem Vermögen - freiwillig auf der Straße. Und auch seine erwachsenen Kinder gehen sehr "besondere" Lebenswege: Paul (Lars Eidinger) als dichtender Zyniker und Tagedieb, Inga (Karoline Eichhorn) als Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Familienaufstellung und Nesthäkchen Laura (Friederike Ott), die mit dem Geld ihres Vaters eine Stiftung für Bedürftige gründete. Murot und seine Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) müssen eine der seltsamen TV-Familien aller Zeiten verstehen, um den Fall zu lösen.

Worum ging es wirklich?

Dass Tukur-"Tatorte" stets Konzeptkrimis sind, dürfte selbst unregelmäßig Zuschauenden aufgefallen sein. Über bisher zehn Folgen gab man sich am häufigsten der cineastischen Hommage hin: an französische Psychokrimis von Claude Chabrol und das Werk des Filmhumoristen Jacques Tati ("Die Ferien des Monsieur Murot"), an den John Carpenter-Klassiker "Assault - Anschlag bei Nacht" und John Wayne ("Anschlag auf Wache 08"), an Edgar Wallace-Filme ("Das Dorf") und natürlich an den Komödienklassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier" ("Murot und das Murmeltier"). Tukur hievte allerdings auch schon "Tatorte" in die Krimi-Primetime, die sich mit philosophischen Fragen wie dem Sein und der menschlichen Identität auseinandersetzten. Vor allem die Folge "Wer bin ich?" blieb im Gedächtnis. In "Murot und das Prinzip Hoffnung" redeten die Figuren nun zwar kompliziert daher, die Botschaft des Films war jedoch relativ einfach: In einem menschlich zutiefst düsteren Fall bringt die Aufklärungsarbeit der Polizei zumindest ein wenig Licht ins Stockfinstere - womit man beim "Prinzip Hoffnung" wäre ...

Was versteht man unter dem "Prinzip Hoffnung"?

Für den deutschen Philosophen Ernst Bloch (1885 bis 1977) war der Mensch ein Mängelwesen. Aber auch eines, das die Fähigkeit besitzt, aus diesem Mangel Utopien zu entwerfen. Dieses "Prinzip Hoffnung" hat Bloch in sein gleichnamiges, dreibändiges Hauptwerk verpackt (1938 bis 1947), in dem er auf 1.600 Seiten analysiert, wie die Hoffnung immer wieder Antriebsfeder des Menschen war, um seine - wie im Krimi oft deprimierende - Lebenssituation zu verbessern. Bloch, der aus Nazi-Deutschland emigrieren musste und nach dem Krieg vorübergehend als Professor in Leipzig lehrte, weil er die DDR als "Utopie" unterstützte (bis er seine Meinung änderte und nach Tübingen übersiedelte), war alles andere als ein optimistischer Mensch. Mit Felix Murot verbindet den deutschen Denker, dass beide aus einer sehr traurigen Wirklichkeit heraus daran arbeiten, die Welt besser zu machen: Utopien sind grundsätzlich machbar, lautete ein Credo Ernst Blochs. Felix Murot würde sagen: Auch der düsterste Mord wird ein wenig heller, wenn er aufgeklärt und der Mörder überführt ist. 

Was war die "Frankfurter Schule"?

Auch wenn Ernst Bloch, der keiner "Denkschule" angehörte und als Philosoph eher ein Eremit war, mit Frankfurt biografisch wenig zu tun hatte - die Stadt am Main entwickelte sich im Nachkriegs-Deutschland während der 60-er zum Zentrum der europäischen Philosophie. Vor allem mit Intellektuellen wie Adorno, Horkheimer und Habermas. "Das war, bevor sie die Bankentürme hochzogen", belehrt Murot seine Mitarbeiterin Wächter, die daraufhin angibt "nur mittlere Reife" und von der "Frankfurter Schule" keine Ahnung zu haben. Tatsächlich hängt die Frankfurter Schule eng mit der Studentenbewegung der 60-er zusammen, da linke Studenten die "Kritische Theorie" der Denker als konkrete politische Veränderungsaufgabe betrachteten.  

Und wer sagte: "Die Hoffnung stirbt zuletzt?"

Nun ja, im Prinzip steckt in diesem Spruch, der medial heute vor allem von "hoffnungslosen" Abstiegskandidaten und fußballerischen Extrem-Außenseitern am Spielfeldrand verbreitet wird, die Grundidee Ernst Blochs noch zu einhundert Prozent drin. Er heißt nichts anderes als: Die Hoffnung sollte das Letzte sein, was man aufgibt. Sprachforscher verorten die Entstehung des Sprichworts tatsächlich erst im 20. Jahrhundert. Ein gewisses Vorbild findet sich jedoch schon bei Cicero: Dum spiro spero ("Solange ich atme, hoffe ich"). Welcher Fußballer ihn in den letzten Jahren so populär machte, dass er mittlerweile längst dem Phrasenschwein-Sprüchefundus zuzuordnen ist, kann nicht mehr aufgeklärt werden. Dafür waren es wohl zu viele, die das Sprichwort in kurzer Zeit vor der Kamera wiederholten.

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