Sollen Pharmakonzerne Staatsgelder erhalten?

Um die Gesundheit zu verbessern, wollen Pharma-Hersteller staatliche Zuschüsse für die Antibiotika-Forschung. So äußerte sich Stefan Oschmann, Chef des Pharma- und Chemiekonzerns Merck.


Die Pharmabranche – mit so klangvollen Namen wie Pfizer Roche, Novartis oder Bayer – erzielt mit dem Verkauf von Medikamenten wunderbare Gewinnmargen. Zwischen 25 und 30 Prozent des Umsatzes bleiben in der Regel als Gewinn hängen. Damit zählen sie nicht unbedingt zu den hilfsbedürftigen Industrien.




In einem Gastkommentar für die WirtschaftsWoche regte Merck-Chef Oschmann, der gleichzeitig den europäischen Pharmaverband EFPIA führt, nun an, die Hersteller sollten für die Forschung an Antibiotika staatliche Gelder erhalten. Durch Antibiotika lassen sich Krankheiten wie Tuberkulose in den Griff bekommen. Doch immer häufiger bleiben die Mittel wirkungslos, die Zahl der Resistenzen nimmt zu. Die Entwicklung neuer Antibiotika, schreibt Oschmann, sei „wirtschaftlich betrachtet schwierig.“ Denn neuere Antibiotika dürften nur als „Mittel der letzten Reserve“ eingesetzt werden, wenn nichts anderes mehr hilft. Das ist schlecht für den Umsatz.  „Denn weil sie ja gerade möglichst wenig eingesetzt werden sollen, bieten diese Wirkstoffe kaum Anreize für Unternehmen, das entsprechende finanzielle Entwicklungsprojekte auf sich zu nehmen“, so der Merck-Chef. Die Pharmaindustrie brauche daher „alternative Anreizmodelle“. Oschmann nennt zum Beispiel „öffentliche Zuschüsse für die Forschung oder eine einmalige Vergütung für die Entwicklung eines neuen Antibiotikums.“




Solche Vorschläge sind angesichts der hohen Gewinne in der Pharmaindustrie umstritten. Die Zeit für neue Antibiotika drängt jedoch. Ähnlich wie Oschmann äußerte sich am Wochenende Paul Stoffels, Entwicklungsvorstand des amerikanischen Pharma- und Konsumgüterkonzerns Johnson & Johnson (J&J) in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Die Forschung muss gefördert werden“, so Stoffels. Es gebe zwar bei Antibiotika einen großen medizinischen Bedarf, aber einen sehr kleinen Markt, da neue Antibiotika nur unter hohen Auflagen an Patienten abgegeben werden dürften. Ökonomisch rechne sich das für die Pharmaunternehmen nicht. „Die Frage ist, wie wir das aufteilen“, sagte Stoffels. Sowohl J&J als auch Merck engagieren sich stark gegen Krankheiten in Entwicklungsländern. J&J bei Ebola, Merck bei der tödlichen Wurmkrankheit Bilharziose.

Die Beam Alliance, ein Zusammenschluss kleiner und mittlerer Biotech-Unternehmen, die Antibiotika entwickeln, fordert unter anderem  „den Zugang zu verfügbaren Finanzmitteln zu erleichtern, um einen Beitrag zur Wiederbelebung dieser Industrie zu leisten.“ Auf diese Weise, sagt Beam Alliance-Präsidentin Florence Sejourne, könnten die Unternehmen erfolgreich innovative Produkte zur Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen entwickeln.



„Die Analyse von Herrn Oschmann ist nicht falsch“


Die Gesundheitsversorgung in der Dritten Welt war auch – neben Freihandel und Klimaschutz – ein Thema auf dem G 20-Gipfel in Hamburg. Schon im Vorfeld empfahl die Beratung Boston Consulting Group (BCG) in einem Gutachten für das Gesundheitsministerium, der Staat sollte für Hersteller für vorab bestellte Wirkstoffe eine Milliardenprämie ausloben. Nach BCG-Berechnungen bringt ein neues Krebsmittel dem Hersteller durchschnittlich acht Milliarden Dollar Gewinn, während für ein neues Antibiotikum 100 Millionen Dollar Verlust anfallen.



        

„Die Analyse von Herrn Oschmann ist nicht falsch“, sagt Jörg Schaaber von der Buko Pharmakampagne aus Bielefeld – eine Initiative, die sich für eine bessere Gesundheitsversorgung in den Entwicklungsländern engagiert. „Öffentliches Geld für vernachlässigte Forschung ist notwendig“, findet der Gesundheitswissenschaftler. Aber dann müsse man sich auch über die Verwertung der Produkte Gedanken machen. Schaaber schlägt vor, die Forschung zu unterstützen, die Industrie könne sich darum bewerben: „Aber die Ergebnisse werden öffentliches Eigentum, herstellen kann im Prinzip jeder und der Preis wird fair festgesetzt.“  Schaabers Kollegin Claudia Jenkes schlägt einen globalen Forschungsfonds vor, in den Staaten gemäß ihrer Wirtschaftsleistung einzahlen, um so die Forschung für dringend benötigte Arzneimittel anzukurbeln. Dazu hat die BuKo-Pharmakampagne bereits auch eine Online-Petition gestartet.

„Das ist völlig absurd“, sagt die Medizinerin Christiane Fischer, Geschäftsführerin von Mezis, einem Zusammenschluss kritischer, unbestechlicher Ärzte, zu dem Vorschlag, „die Pharmaindustrie braucht nicht mehr Geld, denn davon hat sie genug.“ Es gebe natürlich einen Mangel an Antibiotika und dringenden Handlungsbedarf, sagt Fischer. Um das Problem in den Griff zu bekommen, setzt die kritische Ärztin statt auf finanzielle Anreize auf eine Regulierung der Forschung.  Ihr Vorschlag: Eine unabhängige Kommission soll darüber entscheiden, wofür die Pharmaunternehmen ihre Forschungsgelder verwenden sollen: „Die Baukonzerne dürfen ja auch nicht ohne weiteres Krankenhäuser bauen; da wird ja auch vorher über den Bedarf entschieden.“ Eine solche Kommission könnte international etwa bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angesiedelt sein , auf nationaler Ebene  bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, einem wissenschaftlichen Fachausschuss der Ärzte.