Pharmakonzern Roche leidet unter gravierendem „Patentkliff“


Auf den ersten Blick wirkt er wie ein typischer Big-Pharma-Konzern. Dennoch ist der Baseler Pharmariese Roche auch eine Ausnahmeerscheinung in der Branche. Das liegt nicht nur daran, dass er als einziger der Top Ten noch mehrheitlich von der Gründerfamilie kontrolliert wird. Er zeichnet sich auch durch eine ungewöhnliche Kombination aus Kontinuität und Wagemut aus.

Anfang der 1990er-Jahre wagte Roche mit dem Mehrheitserwerb an der US-Firma Genentech als erster Pharmahersteller eine große Biotech-Übernahme – für damals sensationelle zwei Milliarden Dollar. Später trieb das Unternehmen als Pionier in der Branche die Entwicklung neuartiger zielgerichteter Krebsmittel auf Antikörperbasis voran.

Die Fokussierung auf das Kerngeschäft, wie sie aktuell in Mode ist in der Branche, vollzog der Baseler Konzern bereits Anfang des vergangenen Jahrzehnts mit dem Verkauf von Sparten wie Vitamine, Duftstoffe und Selbstmedikation. Seither operiert er in nahezu unveränderter Aufstellung mit Pharmaprodukten und Diagnostika.

Der einzige Megadeal, den sich die Baseler in dieser Zeit leisteten, diente nicht der Geschäftsverbreiterung, sondern dem Kauf der restlichen Anteile an Genentech. Ansonsten beschränkten sie sich auf kleinere ergänzende Zukäufe.

Als einzigem der großen etablierten Pharmariesen ist es Roche trotzdem gelungen, sein Pharmageschäft über fast zwei Jahrzehnte hinweg stetig auszubauen – ohne die typischen Schwächephasen als Folge größerer Patentabläufe.

Doch diese operative Kontinuität wird in den nächsten Jahren auf eine besonders harte Probe gestellt. Denn der Baseler Konzern ist aktuell auch eine Ausnahmeerscheinung, was Patentabläufe angeht: Innerhalb von zwei Jahren, bis 2020, werden alle drei Top-Produkte des Konzerns in den wichtigsten Märkten ihren Schutz verlieren und damit unter Konkurrenzdruck durch Nachahmerpräparate geraten. In Europa sind die Patente teilweise bereits abgelaufen.


Die Herausforderung ist enorm: Die drei betroffenen Krebsmittel Avastin, Herceptin und Rituxan erzielten zuletzt zusammen rund 19 Milliarden Euro Umsatz und damit rund die Hälfte des gesamten Pharmageschäfts von Roche. Ein derart gravierendes „Patentkliff“ hatte bisher noch kein Unternehmen der Branche zu bewältigen.

Durststrecke befürchtet

Entsprechend groß ist die Unsicherheit bei Investoren, was sich auch in einem bescheidenen Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 14 widerspiegelt. Viele Analysten sehen Roche vor einer Durststrecke und trauen dem Konzern bestenfalls eine Stagnation in den nächsten Jahren zu.

Allerdings hat der Baseler Pharmakonzern auch mehrere Positivfaktoren auf seiner Seite. Dazu gehören seine Forschungsstärke, eine hohe Finanzkraft und letztlich auch die Besonderheiten seiner Krebsmedikamente.

Denn bei allen drei Produkten handelt es sich um komplizierte Biotech-Wirkstoffe, die nur mithilfe genmodifizierter Mikroorganismen produziert werden können. Sie lassen sich nicht komplett kopieren, sondern nur in Form von ähnlichen Substanzen, sogenannten Biosimilars, die vergleichsweise teuer in der Entwicklung und Herstellung sind.

Der Umsatzverlust der Originalmedikamente fällt daher nach bisherigen Einschätzungen weniger gravierend aus als bei klassischen, chemisch produzierten Wirkstoffen. Geht man von den bisherigen Erfahrungen in Europa aus, muss der Konzern dennoch damit rechnen, mehr als die Hälfte der Umsätze mit seinen drei Bestsellern zu verlieren.


Die Finanzperformance von Roche ist aus seinen offiziellen Bilanzen nicht immer leicht herauszulesen. Denn obwohl er nur noch gut ein Prozent seiner Erlöse auf dem Heimatmarkt erzielt, bilanziert der Baseler Konzern weiterhin in Schweizer Franken. Entsprechend deutlich wird der längerfristige Umsatz- und Ertragstrend durch die Aufwertung des Frankens verzerrt, der gegenüber dem Euro in den letzten zehn Jahren um fast die Hälfte und gegenüber dem Dollar um mehr als ein Fünftel aufgewertet hat.

Während der Konzernumsatz in Franken gerechnet seit 2007 gerade mal um 16 Prozent auf 53 Milliarden Franken zulegte, ist er auf Euro-Basis in dieser Zeit um etwa 70 Prozent (oder rund fünf Prozent pro Jahr) auf zuletzt rund 48 Milliarden Euro gestiegen.

Die Ertragsentwicklung hat damit nicht Schritt gehalten, wenn man sich am offiziellen IFRS-Abschluss orientiert. In Franken gerechnet ist der Betriebsgewinn seit 2007 sogar von 14,3 auf 13 Milliarden Franken geschrumpft, auf Euro-Basis legte das Ebit immerhin um etwa 30 Prozent auf umgerechnet knapp zwölf Milliarden Euro zu.

Die operativen Margen auf IFRS-Basis sind damit in den letzten Jahren unter Druck geraten, unter anderem als Folge steigender Forschungs- und Herstellkosten sowie höherer Abschreibungen auf Patente und Goodwillpositionen.

Hohe Pharma-Renditen

Ein günstigeres Bild vermitteln die bereinigten Ertragszahlen, bei denen – entsprechend den Usancen in der Pharmabranche – Abschreibungen auf immaterielle Vermögenswerte und andere Sonderfaktoren ausgeklammert werden. Der so errechnete „Kernbetriebsgewinn“ erreichte nach Angaben von Roche 2017 umgerechnet rund 17 Milliarden Euro, der Kerngewinn nach Steuern rund zwölf Milliarden Euro.


Das entspricht jeweils einem Plus von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr und knapp einer Verdoppelung über zehn Jahre. Auf dieser Basis hat sich die operative Marge seit 2007 sogar um rund drei Punkte auf 35 Prozent verbessert. Im Pharmageschäft allein lag die Rendite bei 43 Prozent auf bereinigter Basis und bei 32 Prozent laut IFRS.

Damit gehört Roche zu den ertragsstärksten Vertretern der Branche. Zum Vergleich: Novartis und Sanofi publizierten für 2017 adjustierte operative Margen von um die 26 Prozent, Bayer wies für seine Pharmasparte 28 Prozent Rendite aus.

Starker Cashflow

Ähnliches gilt mit Blick auf den Free Cashflow, der sich 2017 auf umgerechnet rund zwölf Milliarden Euro erhöhte und in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelte. Nach Johnson & Johnson und Pfizer ist Roche der drittstärkste Cash-Erzeuger in der Branche. Die Nettoverschuldung bewegt sich trotz mehrerer Akquisitionen im ersten Halbjahr bei moderaten zehn Milliarden Euro. Finanziell verfügt der Konzern damit über jede Menge Spielraum für weitere Zukäufe und den Ausbau seiner Forschung.

Schon heute leistet er sich mit umgerechnet rund zehn Milliarden Euro das größte Forschungsbudget der Pharmaindustrie und gilt als einer der innovationsstärksten Vertreter der Branche. Allerdings haben sich zuletzt keineswegs alle Träume erfüllt.

Besonders schmerzhaft ist es für den Konzern, dass er als amtierender Marktführer in der Onkologie zu spät auf die Krebsimmuntherapie gesetzt hat. Hier wurde Roche von den US-Konkurrenten Merck & Co. und Bristol-Myers Squibb (BMS) überrundet, deren Immunmedikamente inzwischen zehn Milliarden Dollar Umsatz erzielen.

Das Roche-Medikament Tecentriq kam erst 2016 als vierter Wirkstoff aus der neuen Klasse der sogenannten Checkpoint-Inhibitoren auf den Markt und liegt noch weit zurück. Zwar treibt der Konzern ein umfangreiches klinisches Testprogramm mit dem Mittel voran.

Aber bisher sieht es nach den klinischen Daten so aus, dass der Wirkstoff bei den kommerziell besonders wichtigen Indikationen wie etwa Lungenkrebs nicht an vorderster Front eingesetzt wird. Auch die als Nachfolger für die aktuellen Bestseller gedachten Neuentwicklungen wie die Brustkrebsmittel Perjeta und Kadcyla sowie das Blutkrebsmedikament Gazyvo haben bisher nicht voll überzeugt.

Insgesamt kann sich die Innovationsbilanz des Baseler Konzerns mit zehn Neuzulassungen aus eigener Forschung seit 2012 dennoch sehen lassen. Neben sieben neuen Krebsmitteln gelangen den Roche-Forschern auch zwei wichtige Innovationen außerhalb der Onkologie: Das Multiple-Sklerose-Medikament Ocrevus und das Blutermedikament Hemlibra verfügen beide über neue Wirkmechanismen sowie ein breiteres Einsatzspektrum als die etablierten Konkurrenzprodukte.


Sie haben damit nach Einschätzung von Analysten deutliches Blockbuster-Potenzial. 16 weitere Produkte befinden sich in abschließenden klinischen Tests. Für ein neues Grippemittel hat Roche die Zulassung in den USA beantragt.

Dass die Neuentwicklungen dem Geschäft einigen Schwung verleihen, zeigte jüngst ein überraschend starkes Wachstum von sieben Prozent im ersten Halbjahr 2018. Die neuen Produkte der letzten Jahre liefern inzwischen rund ein Fünftel des Konzernumsatzes und brachten im ersten Halbjahr etwa 1,4 Milliarden Euro Zusatzumsatz gegenüber dem Vorjahr.

Allein das MS-Mittel Ocrevus erzielte Erlöse von fast 900 Millionen Euro im Halbjahr und erweist sich damit als erfolgreichste Produkteinführung der Konzerngeschichte. Firmenchef Severin Schwan konnte die Prognose für 2018 daher abermals anheben.

Schwer abzuschätzen bleibt unterdessen, wie stark die Diagnostika-Sparte helfen kann, eine Wachstumsdelle abzufedern. Sie wächst bisher ähnlich stark wie Pharma, verdient aber deutlich schlechter und hat in den letzten Jahren mit rückläufigen Erträgen die Margen des Gesamtkonzerns eher verwässert. Zuletzt lag die bereinigte operative Rendite nur bei 17 Prozent.


Indessen dürfte der Trend hin zu stärker individualisierten, datengetriebenen Therapien, etwa auf Basis genetischer Profile von Patienten, die strategische Bedeutung der Diagnostika-Sparte stärken. Als einziger der führenden Pharmakonzerne hat sich Roche zudem mit substanziellen Investitionen im Bereich Big Data engagiert und für mehr als vier Milliarden Dollar die US-Firmen Flatiron und Foundation Medicin übernommen. Flatiron ist auf die elektronische Auswertung in der Krebstherapie spezialisiert, Foundation auf die digitale Analyse von Genomdaten.

Kurzfristig dürfte die Digitaloffensive zwar kaum dabei helfen, die Patentklippe zu umschiffen. Mittelfristig, so die Hoffnung, könnte sie aber dazu beitragen, das Onkologiegeschäft abzusichern und das Innovationstempo spürbar zu beschleunigen. Das wiederum gibt dem Konzern eine Chance, aus der Wachstumsdelle herauszukommen.

Der weltweite Kampf der Konzerne um Marktanteile war noch nie so hart wie heute. Das Handelsblatt stellt in loser Folge wichtige internationale Akteure vor und analysiert ihre Stärken und Schwächen.