Pharmahändler machen Profite auf Kosten Osteuropas

Medikamente kosten in Süd- und Osteuropa oft nur die Hälfte. Pharmahändler kaufen sie für deutsche Apotheken. Den Preis zahlen die Patienten der Herkunftsländer. Eine Recherche von Correctiv und RTL-Nachtjournal.


Bukarest, Rumänien: Die Wecker der Familie Dumitru Stefan* klingeln dreimal am Tag gleichzeitig, seit einem Jahr: Um 7:00 Uhr, um 14:30 Uhr und um 19:00 Uhr. Der 13-jährige Sohn des Ehepaares leidet an Epilepsie. Er muss immer zu den gleichen Zeiten das Medikament Trileptal nehmen. „Das Leben meines Kindes hängt von diesem Arzneimittel ab“, sagt sein Vater. Das Präparat gibt es kaum noch in den rumänischen Apotheken – obwohl der Hersteller Novartis das Medikament auch nach Rumänien liefert.

In den Apotheken vor Ort ist Trileptal nur selten erhältlich. Für die Familie ein Desaster: „Nimmt mein Sohn einmal die kleine gelbe Tablette nicht, riskiert er zu sterben“, sagt der Vater. Eine seltene Form von Epilepsie führt bei dem Kind dazu, dass er im Schlaf innerhalb von wenigen Minuten ersticken kann. Wenn das Kind die Therapie mit Trileptal nicht unterbricht, könnte er nach fünf Jahren wieder gesund werden.

Warum gibt es das Arzneimittel nicht in Rumänien? Was sind die Gründe für diese Engpässe?


Als der Vater bei den Apotheken nachfragt, heißt es, dass ein Teil der Medikamente ins Ausland verkauft wird. Vater Dumitru wendet sich an die Patientenvereinigung FABC. Sie stellt seit Jahren fest, dass lebenswichtige Medikamente wie Trileptal aus dem Land verschwinden.

Ursache dieser künstlichen Verknappung ist das Preisgefälle in Europa. Medikamentenpreise orientieren sich an der Kaufkraft eines Landes. Das führt dazu, dass in Rumänien die gleichen Präparate oft weniger als die Hälfte wie in Deutschland kosten. Eine Packung Trileptal (300mg, 50 Tabletten) zum Beispiel kostet in Rumänien 9,69 Euro, in Deutschland dagegen 39,16 Euro. Rumänische oder deutsche Pharmahändler kaufen diese Pillen in Ländern wie Rumänien auf, packen sie in eine deutsche Schachtel um, legen einen deutschen Beipackzettel rein und verkaufen sie wieder in Deutschland, wo sie ganz normal in Apotheken landen.


Nicht nur Rumänen leiden unter diesem Handel, auch Griechen, Bulgaren oder Spanier hören in ihren Apotheken immer wieder, dass das Medikament, das sie brauchen, nicht mehr lieferbar ist. Die Pharmaunternehmen könnten zwar nachliefern in diese Länder. Aber sie haben kein großes Interesse, mehr Pillen in die Billigländer zu liefern, wenn sie davon ausgehen müssen, dass die Ware über Umwege wieder in Hochpreisländern wie Deutschland landet.

Der 13-jährige Sohn der Familie Stefan ist nicht der einzige, der jede Woche erneut bangen muss, ob sein Medikament noch vorrätig ist. Wer in Rumänien örtliche Kleinanzeigen liest, stößt häufig auf Hilferufe verzweifelter Patienten. Auch auf Facebook suchen Familien nach dringend benötigten Präparaten. „Ich brauche dringend Trileptal! Bitte! Es gibt´s nirgendwo mehr zu kaufen“, schreibt eine Frau. „Ich bin durch die ganze Stadt gelaufen und habe nirgendwo Insulin gefunden“, schreibt eine andere Nutzerin.

*Name der Betroffenen auf deren Wunsch geändert, die Red.



Dokumentierter Medikamentenmangel

Es gibt sogar eine offizielle Webseite des Gesundheitsministeriums, auf der der Medikamentenmangel dokumentiert wird. Auf der Seite sieht man das ganze Ausmaß des Problems. Der Mangel betrifft vor allem Impfstoffe, Krebs- und Rheumamedikamente sowie Insulin.

Auf einer Konferenz mehrerer Patientenvereinigungen in Bukarest Ende April berichtete ein Pharmahändler über die Menge dieser Exporte. Demnach sollen 48 Prozent aller Krebsmedikamente, die für Patienten in Rumänien bestimmt sind, das Land wieder verlassen. Bei Diabetes-Präparaten bringen Pharmahändler 21 Prozent wieder außer Landes, bei Medikamenten gegen seltene Krankheiten werden 64 Prozent der für Rumänien bestimmten Präparate wieder exportiert.

2016 wurden aus Rumänien Medikamente im Wert von mindestens 575 Millionen Euro exportiert, berichtet die Handelszeitung „Ziarul Financiar“. Dabei geht es lediglich um den hier beschriebenen Parallelhandel, also um Medikamente, die Pharmahändler in Rumänien einkaufen und sie an Händler oder Apotheker in reicheren Ländern wieder verkaufen. „Alle Arzneimittel, die in Rumänien 15 bis 20 Prozent billiger sind im Vergleich zu Deutschland, sind für den Export lukrativ“, sagt Ștefan Răzvan, Inhaber von sechs Apotheken in der rumänischen Hauptstadt.




Mindestens zwei deutsche Arzneimittelimporteure haben eine Importzulassung für Trileptal aus Rumänien, das Medikament, das der 13-jährige Junge in Bukarest benötigt. So bietet ACA Müller in Deutschland das Epilepsie-Medikament, das in Rumänien weniger als 10 Euro kostet, für 33 Euro an.

Noch mehr Geld lässt sich mit hochpreisigen Medikamenten verdienen: Das Rheuma- und Arthrosemittel Humira gehört zu den teuersten Präparaten in Deutschland – zwei Spritzen kosten 1.862 Euro. Ein Importeur muss nicht lange reisen, um Humira zu einem deutlich niedrigeren Preis einkaufen zu können: In Frankreich bekommt man das Präparat für 898 Euro. Noch billiger bekommt man das Mittel, wenn man Händler und Apotheken in Rumänien aufsucht, wo Humira für 860 Euro zu haben ist. Ein Händler verdient einfach am Preisunterschied – abzüglich der Kosten für Transport, Umverpackung und Vertrieb.


Merzig, Saarland: Edwin Kohl war einer der ersten, der diese Geschäftsidee vor 40 Jahren entwickelt und zur Perfektion geführt hat. Der Unternehmer aus dem Saarland wurde mit dem Parallelhandel von Arzneimitteln zu einem der reichsten Deutschen. Sein Unternehmen zählt sogar zu den größten Pharmaunternehmen hierzulande, obwohl er selbst gar keine Arzneimittel produziert. Ein weitere großer Spieler im Parallelhandel sind die Firmen Emramed/MPA hinter denen der Optiker Günther Fielmann steht.

Bei Kohlpharma kommen die Lastwagen voller Medikamente aus ganz Europa an. Wer sich auf dem Firmengelände umsieht, entdeckt kistenweise das Antiepileptikum Rivotril aus Italien, das Psychopharmaka Abilify aus Spanien, das Krebsmittel Avastin aus Bulgarien.

Jörg Geller ist seit 20 Jahren Geschäftsführer bei Kohlpharma und verteidigt das Modell: „Der einzige Wettbewerb, den es für patentgeschützte Arzneimittel gibt, ist der Parallelimport.“ Medikamente aus dem Ausland drückten die deutsche Preise der Originalpräparate, sagen die Importeure.


Pharmakonzerne oder Importeure?

Sind hier auch die Präparate verfügbar, die Patienten in Rumänien und in anderen Ländern dringend benötigen und die sie dort nicht bekommen? Geller bestreitet, dass sein Geschäftsmodell zu Knappheit in Ländern wie Rumänien führt. Sollte es dort Engpässe geben, seien die Pharmakonzerne und nicht die Importeure Schuld.

„Wir vertrauen unseren Geschäftspartnern, dass sie die Versorgung der heimischen Patienten garantieren“, sagt Geller. Dass Händler in manchen Ländern ziemlich schrankenlos exportieren können, liegt auch an mangelnder staatlichen Regulierung. In Frankreich dagegen, wo Medikamente auch viel günstiger sind als in Deutschland, existiert ein effektives Meldesystem. Droht ein Mangel, wird die Exporterlaubnis für bestimmte Präparate nicht erteilt. In Rumänien dagegen fehlt ein solcher Mechanismus. Pharmahändler nutzen das selbstverständlich aus.

Die rumänische Wettbewerbsbehörde hat die Hintergründe der Engpässe untersucht und ist auf zwei Ursachen gestoßen. Entgegen der Erklärung von Kohlpharma, dass Engpässe an den Herstellern liegen, steht in diesem Bericht, dass dafür auch der Parallelhandel verantwortlich ist.


Eine CORRECTIV-Auswertung der offiziellen Engpassliste der rumänischen Wettbewerbsbehörde zeigt, dass für mindestens die Hälfte der Mangel-Medikamente deutsche Pharmahändler eine Importzulassung beantragt und bekommen haben.

Kohlpharma hat nach eigenen Angaben drei der sechs in Rumänien in den vergangenen Jahren am meisten vermissten Präparate im Jahr 2017 exportiert. Die Frage, ob Kohlpharma diese Präparate auch schon vor 2017 exportiert hatte, beantwortete das Unternehmen nicht. „Eine klare Definition, was unter Knappheit zu verstehen ist, gibt es nicht“, teilt Kohlpharma dagegen schriftlich mit. Grundsätzlich sei „Rumänien noch nie für uns ein relevantes Einkaufsland“ gewesen.

Als die Regierung in Rumänien im Jahr 2013, ähnlich wie zuvor Griechenland, die Slowakei und Portugal, den Export einschränken will, schreitet die Pharmahändler-Lobby sofort ein. So kontaktiert Edwin Kohls Verband der Deutschen Arzneimittelimporteure (VAD) das rumänische Gesundheitsministerium und reicht eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission ein. Rumänien befürchtet ein Vertragsverletzungsverfahren und hebt die Einschränkung auf.

„Klar geht es hier um einen legalen Handel“, sagt Cezar Irimia von der Föderation der Patientenvereinigungen für Krebskranke in Rumänien, „gegenüber den Patienten ist es aber höchst unmoralisch. Die Moral spielt bei diesem Handel aber keine Rolle. Das ganze ist nichts anderes als ein Geschäft, auch das Leben der Patienten ist ein Geschäft.“


Eine intensive Lobbytätigkeit begleitet den Alltag bei Kohlpharma um das Geschäft am Leben zu halten. Denn sowohl in Deutschland als auch in der EU wird der Parallelhandel immer wieder in Frage gestellt.

Bereits elf EU-Staaten wollten in den vergangenen Jahren die Ausfuhr vom Medikamenten einschränken oder zumindest regulieren. Gegen viele dieser Länder haben Kohls VAD und Brüsseler Lobbyisten, die die Interessen von Kohlpharma vertreten, Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht.

Kohlpharma selbst hat Anfang 2014 einen Berater verpflichtet, der sich bestens auf dem europäischen Medikamentenmarkt auskennt: Oliver Luksic, ehemaliger FDP-Bundestagsabgeordneter und derzeit wieder Spitzenkandidat für die saarländische FDP. Im europäischen Parlament ist Luksic registriert als Lobbyist für den europäischen Dachverband der Arzneimittel-Importeure (EAEPC). Er lässt sich bei diesem Verband „Head of Government Affairs“ nennen und kämpft gegen Einschränkungen des Geschäfts der Pharmahändler.

Luksic, der auch Landesvorsitzender der Saar-FDP ist, sieht kein Problem mit seiner beruflichen Tätigkeit für Kohlpharma. „Im Falle meiner Wahl habe ich vor, mich in anderen Themengebieten zu betätigen“, sagt er.


Kontakte von Pharmahändlern

Auf Anfrage von CORRECTIV bestreitet Kohlpharma, dass Luksic für die Firma als Berater tätig ist. Dabei geht der FDP-Mann selbst offen damit um, gibt zum Beispiel auf seinem LinkedIn-Profil öffentlich an, dass er bis heute für das Unternehmen arbeitet.

Enge Kontakte von Pharmahändlern zur FDP lassen sich immer wieder feststellen: Ein häufiger Fürsprecher in Brüssel für Kohlpharma war bis 2014 der ehemalige FDP-Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis. Auch wenn die FDP seit 2013 nicht mehr im Bundestag vertreten ist, hält Kohlpharma der Partei die Treue. So macht die Firma in ihrer Hauspostille „kohlaktuell” bis heute Werbung für die FDP.

Zur Landschaftspflege gehört auch, dass Kohlpharma den saarländischen Landtag zwischen 2006 und 2010 mit mehr als 86.000 Euro sponserte. Das geht aus einer kleinen Anfrage der saarländische SPD-Landtagsabgeordnete Isolde Reis hervor. Kohlpharma dagegen teilt auf Anfrage von CORRECTIV mit: „Sponsoring politischer Einrichtungen betreibt kohlpharma nicht.”

Im Januar 2017 feierte der CDU-Landesverband Saar seinen Neujahrsempfang gleich direkt in den Räumlichkeiten von Kohlpharma. Die Lokalzeitung freute sich und berichtete: „Prof. Edwin Kohl gab den Gästen einen genauen Überblick über die Vielfältigkeit seines Unternehmens.”

Das Geschäftsmodell von Edwin Kohl und den Arzneimittelimporteuren wird vom Gesetzgeber seit 1989 auf einer besonderen Weise unterstützt.  


2013 haben die Krankenkassen 91 Millionen Euro dadurch eingespart, dass Apotheken günstiger Importarzneimittel an Patienten abgegeben haben. Hört sich viel an, ist angesichts von mehr als 36 Milliarden Euro Ausgaben für Arzneimittel insgesamt aber weniger als 0,3 Prozent Einsparung.

Kohlpharma geht von höheren Einsparungen aus, die eine Prognos-Studie (im Auftrag von Kohls Verband) ergeben hätten. Kohls Verband schickte die Studie mehrmals an das Gesundheitsministerium, um die Wichtigkeit der Importquote für die deutschen Krankenkassen zu betonen.

Krankenkassen sparen ein bisschen Geld dadurch, dass Importeure Medikamente im Ausland einkaufen. Patienten in diesen Ländern können aber infolge dieses Handels ihre Medikamente nicht mehr bekommen.


Krankenkassen stellen die Importquote mittlerweile in Frage

„Es ist zu begrüßen, wenn deutsche Krankenkassen Einsparungen zugunsten der Beitragszahler erzielen”, sagt Cezar Irimia, Vorsitzender der Patientenvereinigungen für Krebskranke in Rumänien. „Leider sind aber Maßnahmen wie die Importquote gegenüber dem rumänischen Patient ungerecht.”

Aus diesem Grund stellen auch Krankenkassen die Importquote mittlerweile in Frage. Die AOK in Baden-Württemberg spricht sich deshalb jetzt als erste Kasse sogar für die Abschaffung der Importquote sich aus.

„Die Ware wird in anderen europäischen Ländern verknappt und die Versorgung dann schwieriger“, sagt Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg. Die Krankenkasse sparte im vergangenen Jahr sieben Millionen Euro dank Importarzneimitteln ein. Wenn Hermann diese Summe mit dem administrativen Aufwand abwägt, ergibt sich bei ihm ein eindeutiges Fazit: „Die Importquote ist ein bürokratisches Monster“, sagt der AOK-Chef. Außerdem „passt es nicht mehr in den heutigen Wettbewerbsmarkt, dass man Reimporte mit einer Quote subventioniert.“

Der Stuttgarter AOK-Boss ist in dieser Frage aber weiter als die übrigen Krankenkassen in Deutschland.


Geschlossen dagegen sind inzwischen auch die Apotheker, die ebenfalls über die bürokratische Last klagen. „Apotheker haben aber wenig Spielraum sich gegen ein Importarzneimittel zu entscheiden“, sagt Reiner Kern, Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA).

In Rumänien ist die Krise so offenkundig, dass selbst die Pharmahändler dort eingestehen, dass der Parallelhandel Schuld an den Engpässen ist. Der Chef des zweitgrößten rumänischen Pharmahändlers Farmexpert, der selber Medikamente ins Ausland exportiert, sagt: „Das reale Problem ist der Export der Medikamente in das EU-Ausland. Und der Großteil dieser Medikamente sind lebenswichtig.“

Dafür, dass deutsche Krankenkassen ein paar Euro bei Medikamenten sparen, leiden Patienten in Rumänien, Bulgarien, Griechenland oder Spanien. Auch wenn es dazu keine Studien gibt, kann man davon ausgehen, dass der Mangel an lebenswichtiger Medizin in diesen EU-Ländern zu Todesfällen führt.


Cezar Irimia, der Vertreter der rumänischen Patientenvereinigungen, hat einen Brief an die deutsche Kanzlerin und an die Bundesärztekammer geschrieben. Wenn man in der EU den Handel mit Medikamenten nicht ausreichend regulieren kann, soll Angela Merkel zumindest eine Empfehlung ausgeben: Importeure sollen erst mal keine Arzneimittel aus Rumänien aufkaufen bis sich die Lage dort sich stabilisiert.

Bis die Kanzlerin auf den Brief reagiert, muss der Vater des 13-jährigen Epileptikers in Bukarest weiterhin dafür sorgen, dass das Medikament vorhanden ist. In seiner Stadt kann er Trileptal immer noch nicht kaufen. Er fährt einmal im Monat nach Ungarn und zahlt dort das Doppelte für das Medikament. Und muss mit der Angst leben, dass irgendwann der Wecker klingelt, und er vor seinem Sohn mit leeren Händen da steht.

 

Die Autorin ist Redakteurin des Recherchezentrums CORRECTIV. Die Redaktion, mit der unsere Zeitung kooperiert, finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: Mit gründlicher Recherche Missstände aufzudecken und unvoreingenommen darüber zu berichten. Wenn Sie CORRECTIV unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter correctiv.org