Pflegenotstand in Deutschland: Samuel Koch erzählt bei „Hart aber fair“ von seinen Erfahrungen

Am Donnerstag stand bei „Hart aber fair“ das Thema Pflege im Mittelpunkt. (Bild: Screenshot/ARD)

„Notruf aus dem Pflegealltag – Was muss die nächste Regierung tun?“: Über diese Frage diskutierte Moderator Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ am Montagabend unter anderem mit Schauspieler Samuel Koch und Pfleger Andreas Jorde. Über den Handlungsbedarf war man sich dabei einig – wer hingegen handeln soll, darüber waren die Gäste geteilter Meinung.

Es war der angehende Pfleger Andreas Jorde, der im Bundestagswahlkampf das Thema Pflegenotstand medial in den Vordergrund brachte. Der 21-Jährige hatte bei der „Wahlarena“ Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Fragen über die katastrophale Situation in der Pflege konfrontiert – und dafür eine Menge Zustimmung geerntet. Ob er sich von der Kanzlerin verstanden fühle, fragte Moderator Frank Plasberg. Jordes Antwort: „Nein, ich glaube, sie versteht das Problem auch gar nicht. Wenn sie das Problem wirklich verstanden hätte, hätte sie schon viel früher etwas gemacht. Ich finde es lustig – oder eher traurig – nach zwölf Jahren Kanzlerschaft zu sagen: ‚Ich mache dieses Problem jetzt zur Chefsache.’ Das besteht ja nicht erst seit gestern, dieses Problem, das besteht seit Jahren. Da hätte sie schon längst reagieren müssen.“

Auch der Bundesvorsitzende des Verbandes Deutscher Alten- und Behindertenhilfe, Stephan Baumann, sah das ähnlich: „Ich habe das Gefühl, wir diskutieren schon seit zwanzig Jahren über Personalbemessung und schieben das so lange nach hinten, bis die Pflege am Ende ist.“

Ein Ansatz? Personaluntergrenzen sollen Pflegenotstand in Krankenhäusern mildern

Samuel Koch erzählte von seinen persönlichen Erfahrungen. (Bild: Ingo Wagner/dpa)

Der prominenteste Teilnehmer der Gesprächsrunde: Schauspieler Samuel Koch. Koch verunglückte 2010 bei einem Stunt in der Fernsehshow „Wetten, dass..?“ und ist seitdem querschnittsgelähmt. Von Plasberg immer wieder auf sein Privatleben angesprochen, erklärte Koch: „Ich bin etwas überrascht, ich wollte gar nicht so viel über mich reden, sondern konstruktiv über das Problem.” Koch erzählte von seiner Reha, bei der er fast erstickt wäre. Weil er nicht mehr atmen konnte, rief er die Pflegekräfte, von denen aber keine erschien. „Mein Vater hat mir mit einem Beatmungsbeutel das Leben gerettet.“

Koch erzählte außerdem von völlig überlasteten Pflegekräften: „Man muss dazu sagen: Ich war auch in meiner Reha-Zeit in der Schweiz. Dort sind die Schlüssel in der Tat etwas besser. Aber selbst dort war es an der Tages- und Nachtordnung, dass ich immer wieder aufgelöste Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger am Bett hatte, weil sie überlastet waren, weil sie nicht mehr konnten. Obwohl sie eigentlich besser aufgestellt sind als in Deutschland. Und ich auch lange rumlag und teilweise warten musste, bis irgendetwas passiert.“

Wie katastrophal die Pflegelage ist, schilderte auch die langjährige Pflegerin und Neu-Politikerin Claudia Moll mit einer Anekdote: „Wir hatten da einen Norovirus, ich war ganz alleine, der Nachtdienst hat mir vor die Füße gebrochen und ist gegangen. Dann ist mir einer kollabiert, und da habe ich die Putzfrau hinzugezogen“, so Moll, die als SPD-Abgeordnete neu in den deutschen Bundestag gewählt wurde. Die Situation habe sich in den zwanzig Jahren, in denen sie als Pflegerin arbeitet, nicht verbessert, erzählte sie. Im Gegenteil: Es sei alles schlimmer geworden.

Auf nicht viel Gegenliebe stieß Jochen Pimpertz, Gesundheitsökonom am Kölner Institut der deutschen Wirtschaft: „Nicht der Staat muss alles lösen, sondern wir selber“, so Pimpertz. Es gehe um private Vorsorge – Alexander Jorde konterte daraufhin: „Wie soll man denn privat vorsorgen, wenn man zum Beispiel nur den Mindestlohn verdient?”

Auch Moderatorin Andrea Kaiser zeigte sich betroffen: Ihr Vater sei ein Pflegefall, in ein Heim möchte ihn Kaisers Mutter aber nicht stecken. „Ich habe keine Lösung dafür, ich möchte nicht, dass sich meine Mutter aufarbeitet. Ich versuche, ihr Unterstützung zu geben.“ Ihn „wegzusperren“ sei einfach keine Lösung: „Das sind immer noch die eigenen Eltern. Das sind Mama, Papa, die haben uns großgezogen.“ Am Ende des Abends waren sich alle einig: Hier muss sich dringend etwas tun!

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