Pflanzenforscher sieht in Genschere-Verfahren keine überhöhten Risiken

Der Pflanzenforscher Goetz Hensel hat sich dafür ausgesprochen, neue gentechnische Methoden wie das Genschere-Verfahren Crispr/Cas9 nur unter bestimmten Umständen mit harten Auflagen zu belegen. "Aus meiner Sicht haben diese Methoden keine überhöhten Risiken, die anders wären als bei herkömmlichen Züchtungsmethoden", sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) will am Mittwoch entscheiden, ob Methoden des sogenannten Genome Editing unter die Gentechnik-Verordnung der Europäischen Union fallen. Produkte, die mittels dieses Verfahren hergestellt sind, müssten dann einer umfangreichen Risikobewertung unterzogen und speziell gekennzeichnet werden, bevor sie für den Verkauf zugelassen werden.

Hensel forscht seit mehr als 20 Jahren am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung. Dort hat er sich auf Grundlagenforschung an Getreide spezialisiert. Seit fünf Jahren arbeitet er bereits mit Crispr/Cas9. "Erstmals haben wir ein Werkzeug, mit dem wir gezielt ein Gen ansteuern und verändern können", sagte der Forscher AFP. Das sei ein großer Fortschritt im Vergleich zum "Schrotflinten-Ansatz", der bislang in der Züchtung zum Einsatz komme.

Bei diesem herkömmlichen Verfahren wird die DNA von Pflanzen mittels Chemikalien oder radioaktiver Strahlung zum zufälligen Mutieren gebracht. Anschließend müssen die Züchter viele der Pflanzen wegwerfen, weil sie nicht die gewünschten Eigenschaften entwickelt haben. Auf diesem Weg dauert es laut Hensel acht bis zehn Jahre, bis eine neue Sorte auf den Markt kommt. "3000 so gezüchtete Sorten sind bereits im Anbau und täglichen Verzehr", sagt Hensel. Dank Crispr könnte sich die Entwicklungszeit auf ein bis zwei Jahre verkürzen.

Was Umweltschützer jetzt verlangten, sei eine "hundertprozentige Absicherung". Die habe es aber auch bisher nie gegeben, sagte Hensel. Die Kritiker verlangten einen Nachweis aller Veränderungen im Genom - dabei sei es oft gar nicht möglich, Veränderungen durch Crispr von natürlichen Mutationen zu unterscheiden. Pro Generation verändere sich das Erbgut einer Pflanze natürlicherweise an 150 bis 200 Stellen, erklärte Hensel.

Sollte der EuGH entscheiden, dass alle mittels Crispr hergestellten Produkte unter die EU-Verordnung fallen, könnten sich erneut nur große Saatguthersteller wie Monsanto die Entwicklung leisten. "Dabei gibt es die Technologie her, dass sich auch die kleinen Züchter wieder an der Entwicklung neuer Sorten beteiligen können", argumentierte Hensel. Eine solche Entscheidung könnte auch die Forschung mit Crispr stigmatisieren. Geldgeber könnten ihre Mittel abziehen, was die Erforschung der Methode und damit auch Verbesserungen an deren Sicherheit um Jahre zurückwerfen könne, warnte der Forscher.

Insgesamt werde die Diskussion um die neuen Methoden in Deutschland "sehr unbalanciert" geführt, kritisierte Hensel. Die Gegner seien gut vernetzt und sehr laut. "Wissenschaftler müssen sich gegen unhaltbare Behauptungen verteidigen", beklagte der Forscher. Es sei schwer, sich mit sachlichen Argumenten Gehör zu verschaffen. "Sobald es ums Essen geht, werden die Menschen komisch."