"In der Pfalz arbeiten wir immer noch auf Bewährung"

Eric Leimann
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Blaupause eines neuen Frauentyps: 30 Jahre Lena Odenthal

Zum Dienstjubiläum zieht es Ulrike Folkerts zurück zu einem der größten Skandale, den je ein "Tatort" auslöste. 1991 fühlte sich die gesamte Pfalz durch den Film "Tod im Häcksler" verunglimpft. Lena Odenthal-Darstellerin Folkerts über die schlimmsten und wichtigsten Krimis ihrer Karriere.

1991 spielten Ulrike Folkerts und Ben Becker im "Tatort: Tod im Häcksler" junge Ermittler, die mit mobartigen Menschenjagden in der Pfalz konfrontiert wurden. Zum 30-Jahre-Jubiläum der langlebigsten Kommissarin des ARD-Formats kehrt ihr "Tatort" mit "Die Pfalz von oben" (Sonntag, 17. November, 20.15 Uhr) noch einmal an den Handlungsort zurück. Ben Becker ist wieder dabei. Auch der Drehbuchautor ist derselbe wie damals. Dennoch ist der neue Film kein harmloser Heimat-Krimi, es geht um Polizeikorruption und geplatzte Träume in der fortgeschrittenen Lebensmitte. Ein Anlass für die 58-jährige Ulrike Folkerts, eine ehrliche "Tatort"-Bilanz zu ziehen.

teleschau: Warum kehren Sie zum Dienstjubiläum von Lena Odenthal zu einem alten Fall zurück?

Ulrike Folkerts: Es ist ja kein alter Fall, eher ein alter Ort. Einer mit Bedeutung. Ich fand, das ist eine sehr schöne Idee der SWR-Redaktion. Statt zu versuchen, irgendeinen ganz besonders dollen Krimi zu basteln, kehrt die Erzählung nach knapp 30 Jahren zu einem Stück persönlicher Lena-Vergangenheit zurück, an das sich ältere Zuschauer vielleicht noch erinnern können (lacht).

teleschau: Sie meinen, weil "Tod im Häcksler" damals ein Skandalkrimi war?

Ulrike Folkerts: Der Film zählt zu den ganz selten wiederholten Folgen der "Tatort"-Reihe. Er lag sogar wegen der damaligen Empörung viele Jahre im Giftschrank. Es gibt aber einen anderen Grund, warum ich die Idee besonders schön finde. Stefan Dähnert war 1991 ein ganz junger Drehbuchautor. Ben Becker und ich waren junge Schauspieler am Anfang der Karriere. Es hat etwas Anrührendes, wenn wir deutlich in die Jahre gekommenen Filmschaffenden uns am gleichen fiktiven Ort wie damals einer neuen Geschichte hingeben. Natürlich sollte die auch gut sein - aber das ist sie.

"Das war kurz nach der Wende, Asylberber-Heime wurden in Brand gesetzt"

teleschau: Persönlich ist der Plot auch, weil Lena Odenthal selbst aus der Pfalz stammen soll. Auch, wenn das viele Zuschauer wahrscheinlich gar nicht wussten ...

Ulrike Folkerts: Ja, ihre "Backstory" war schon immer sehr lückenhaft. Im Prinzip ist nichts über Lena Odenthal bekannt. Außer das, was die Zuschauer in den letzten 30 Jahren gesehen haben. Immerhin - es ist mehr als die Hälfte ihres Lebens. Wenn "Die Pfalz von oben" mit der Ben Becker-Figur zu einer alten Liebe zurückkehrt, zu jemandem, der Lena mal wichtig war, sich aber auch sehr verändert hat, dann ist das schon etwas maximal Persönliches im Lena-Kosmos. Es lässt uns alle darüber nachdenken, ob und wie wir uns verändert haben.

teleschau: Wussten Sie 1991, dass Sie einen Skandalfilm drehen?

Ulrike Folkerts: Nein, überhaupt nicht. Die Story war für mich damals das kleine Verliebtsein Lenas in den jungen Dorfpolizisten, gespielt von Ben Becker. Zusammen lösen sie einen Fall in diesem pfälzischen Provinzort, der im Drehbuch Zarten heißt. Ich habe nicht erkannt, dass man Parallelen zwischen der damaligen Situation in Deutschland und Andeutungen in unserer Geschichte sehen konnte.

teleschau: Welche Parallele gab es da?

Ulrike Folkerts: In "Tod im Häcksler" geht ein Mob auf einen Fremden, einen Aussiedler, los. Das ganze Dorf verfolgt diesen Mann, der sich weigert, dem Verkauf von Land für einen Staudamm zuzustimmen. Wie eine Meute hetzen sie ihr Opfer durch den Wald. Das war kurz nach der Wende. Asylberber-Heime wurden in Brand gesetzt. Mobs versammelten sich davor und versetzten die Bewohner in Angst und Schrecken.

teleschau: Fanden Sie die Szene der Menschenjagd damals nicht überzogen?

Ulrike Folkerts: Nein, die fand ich total real. Wenn Interessen so stark auseinandergehen, sich dann ein Mob bildet und jemand die Führung übernimmt, der zur Jagd auf einen Menschen bläst, dann kann das genau so passieren. Es ist nicht schön, ich halte aber den Menschen fähig dazu, dass so etwas passiert. Es ist ja auch nicht so, dass derlei Hetzjagden noch nicht passiert wären.

teleschau: Nur die Pfälzer fanden damals, dass sie für diese Art hässliche Fratze der Menschheit nicht unbedingt im "Tatort" Modell stehen wollten ...

Ulrike Folkerts: Richtig - und das hatten wir Filmemacher damals total unterschätzt. Natürlich kann so etwas überall passieren. Wir hatten uns die Pfalz nicht ausgesucht, weil wir glaubten, dass die Menschen dort so sind. Dann fiel im Drehbuch noch das Wort "Pfälzisch-Sibirien". Ein Schimpfwort, das man in der Region nicht gerne hört. Und fertig war der Skandal.

"Wir müssen die Leute in der Pfalz mit Samthandschuhen anfassen"

teleschau: Merkt man beim Drehen nicht, wenn sich ein Film über eine Gegend lustig macht?

Ulrike Folkerts: Wir drehten damals im Januar, es waren zum Teil minus 20 Grad. Da kommt einem der Spruch vom Pfälzisch-Siberien leicht über die Lippen. Wir wollten nie jemanden beleidigen oder uns über Menschen lustig machen. Ich musste nach den Protesten gegen den Film mit dem FDP-Politiker Rainer Brüderle in der Pfalz wandern gehen. Er war damals Wirtschaftsminister des Landes Rheinland-Pfalz. Ich sollte mir ein Bild davon machen, wie schön es dort wirklich ist.

teleschau: Dazu wurde Sie zum Wandern gezwungen?

Ulrike Folkerts: Ich bekam eine offizielle Einladung, wollte da aber nicht hin. Der Sender meinte jedoch, dass ich es besser machen solle. Ich Nachhinein finde ich es richtig, dass wir die Einladung angenommen haben. Wir wollten die Region nie verunglimpfen. Es ist einfach schiefgelaufen, ein Missverständnis!

teleschau: Haben Sie das Rainer Brüderle erklärt? War er danach besänftigt?

Ulrike Folkerts: Naja, ich erinnere mich, dass er wirklich ganz schön stinkig war. Ich glaube, Brüderle fasste den Film als persönliche Beleidigung auf. Er war ihm wirklich wichtig, dass man diesen Landstrich richtig versteht - und dass man ihn so schön zeichnet, wie er ist. Die Pfalz kann ja auch sehr schön sein. Das habe ich auch beim Dreh jetzt wieder bemerkt. Trotzdem ist es natürlich auch eine einsame Gegend. Diese kleinen Orte dort können durchaus eine gewisse Tristesse ausstrahlen. Oft gibt es keine Arbeit. Die jungen Leute müssen weg, wenn sie einen Job finden wollen. Natürlich ist Landflucht kein spezifisches Problem der Pfalz. Man kennt das von strukturell vergleichbaren Regionen in Deutschland.

teleschau: Die Gemeinde, in der Sie 1991 drehten, wollte nun aber nicht mehr im Film vorkommen ...

Ulrike Folkerts: Nein, sie wollten nicht, dass wir da noch einmal drehen. Ich glaube, sie haben sogar immer noch denselben Bürgermeister. Wir haben gefragt und das Projekt erklärt, aber es kam eine klare Absage. Nun drehten wir in Meisenheim, wo man uns sehr nett aufgenommen hat. Wir veranstalten da auch eine Preview und haben als Team während der Dreharbeiten im Ort gewohnt, damit wir uns weiter mit dem Landstrich versöhnen.

teleschau: Der Begriff Pfälzisch-Sibirien kommt dennoch im Film vor!

Ulrike Folkerts: Ja, aber nur als Zitat. In einem Gespräch zwischen Stefan Tries, der Ben Becker-Figur, und Lena Odenthal, wenn sie sich an die alten Zeiten und ihre Gedanken von damals erinnern. Es ist ein schöner Querverweis, aber er wird sehr respektvoll eingesetzt. Wir müssen die Leute in der Pfalz tatsächlich mit Samthandschuhen anfassen, denn wir arbeiten dort immer noch auf Bewährung (lacht).

"Da kapierte ich erst, wer Lena Odenthal eigentlich ist"

teleschau: Nun sind Sie über die Hälfte Ihres Lebens Lena Odenthal. Immer wieder haben Sie mit der Rolle gehadert. Wie sieht es aktuell aus?

Ulrike Folkerts: Ich bin ziemlich versöhnt. Lange Jahre habe ich gekämpft, weil ich wegen Lena Odenthal kaum andere Rollen bekam. Man muss das auch ein bisschen verstehen. Wenn man 30 Jahre lang eine Figur spielt und außerdem durch die vielen "Tatort"-Wiederholungen im deutschen Fernsehen immer wieder als diese eine Figur präsent ist, fällt es schwer, dieses Gesicht ohne die "zugehörige" Rolle zu akzeptieren. In den letzten zehn Jahren spielte ich dann wieder mehr Theater. Das tat mir sehr gut. Ich habe Abstand gewonnen und konnte dadurch auch wieder Nähe zur Figur Lena Odenthal herstellen.

teleschau: Ist Lena Odenthal Ihr goldener Käfig?

Ulrike Folkerts: Eine Zeit lang empfand ich es ein bisschen so, aber ich habe mich von dieser Sichtweise freigeschwommen. In letzter Zeit drehte ich auch ein paar ganz andere Filme: Rosamunde Pilcher, Katie Fjorde, Herzkino. Das war eine große Freude. Es waren Rollen mit einem wirklich guten Humor. Die Crew lag mir zu Füßen: Ulrike, du kannst ja komisch sein! Tatsächlich bin ich Schauspielerin und nicht Lena Odenthal, diese eher ernste Figur. Heute kann ich darüber lachen, wenn ich es mit Schubladen zu tun bekomme. Lena Odenthal hat mir auch ganz viel gegeben, das vergesse ich nicht. In den letzten Jahren versuchen wir zudem, den "Tatort"-Standort Ludwigshafen durch interessante Themen, die wir für unsere Filme finden, zu stärken. Auch das versöhnt mich mit 30 Jahren Lena Odenthal. Ich bin ja ein Mensch, der immer nach vorne denkt.

teleschau: Welche Odenthal-Filme blieben besonders bei Ihnen hängen?

Ulrike Folkerts: Es sind über 70. Da fällt es schwer, eine kurze Bestenliste zu erstellen. "Rendezvous" von 1990 fällt mir ein. Das war der zweite Odenthal-Film, übrigens mit dem ebenfalls sehr jungen Jürgen Vogel. Der Film war wichtig, weil ich da erst kapierte, wer Lena Odenthal eigentlich ist. Das war im ersten "Tatort" noch ziemlich schwammig. Danach hat mir die Rolle erst Spaß gemacht.

teleschau: Welche Filme haben neben "Tod im Häcksler" am meisten Ärger gemacht?

Ulrike Folkerts: Ich erinnere mich an "Tod im All" von 1997. Da spielte Dietmar Schönherr einen verschwundenen Ufologen, und in der letzten Szene hebt ein unbekanntes Flugobjekt vom Boden ab. Dieser "Tatort" wurde ebenso angefeindet und verspottet, wie die beiden Filme von Axel Ranisch, die improvisiert waren und ohne Drehbuch entstanden. Ich finde es immer noch wichtig, dass wir das versucht haben. Es hat viel Spaß gemacht. Ich verstehe aber auch Leute, die damit nichts anfangen können.

teleschau: Welche Odenthal-"Tatorte" waren die wichtigsten?

Ulrike Folkerts: Auch da gab es einige. Die Folge "Schatten der Angst" von 2008 über Ehrenmord fällt mir ein. Oder "Der glückliche Tod" aus dem gleichen Jahr von Aelrun Goette über Sterbehilfe bei einem Kind. Es waren Filme, die viele Diskussionen auslösten und die in meinen Augen wichtig waren.