Streit über zweites TV-Duell eskaliert


Überraschend kam das Nein der Kanzlerin zu einem zweiten TV-Duell nicht. Angela Merkel hatte sich in dieser Frage schon früh festgelegt. Und ihre Ablehnung mit dem Argument verteidigt, dass in Deutschland die Bundeskanzler nicht direkt gewählt werden. „Insofern sollte mit Blick auf die kleineren Parteien die Zuspitzung auf nur zwei Personen eher die Ausnahme im Fernsehwahlkampf sein.“

Ihr Herausforderer Martin Schulz (SPD) ließ sich davon aber nicht beirren. Er schrieb Merkel einen Brief, bat sie nach dem ersten Duell am 3. September um ein zweites. Die Antwort kam postwendend und deutlich. „Zu dem Thema ist alles gesagt“, erteilte die CDU-Zentrale dem Wunsch von Schulz eine Abfuhr.

Führende SPD-Politiker reagierten empört. Und auch Schulz ließ es sich nicht nehmen, kräftig gegen Merkel auszuteilen. Vor allem, dass die Absage nicht von ihr persönlich kam, sondern direkt aus dem Konrad-Adenauer-haus ärgert ihn. „Ich bin erstaunt, dass ich dem Bundeskanzleramt einen Brief schreibe, an die Kanzlerin persönlich - und das Adenauerhaus kommentiert das und lehnt das ab“, sagte Schulz am Rande eines Wahlkampfauftrittes in Heppenheim. „Ich bin immer noch davon ausgegangen, dass das Bundeskanzleramt nicht die Parteizentrale der CDU ist, sondern eine Einrichtung, die dem Land dient“, meinte Schulz. „Offensichtlich nicht. Diese Überlappung von Parteiinteressen und Staatsaufgaben, die geht so nicht.“

Offenkundig ist, dass Schulz' Kalkül nicht aufging. Denn wie er war Merkel mit dem Verlauf des ersten Duells nicht wirklich zufrieden. Sie und Schulz waren zwar intensiv zu Flüchtlingen, Integration und der Türkei-Politik befragt worden. Themen wie die Digitalisierung, Rente, Bildung oder Pflege waren von den vier Moderatoren jedoch gar nicht oder nur kurz angesprochen worden.

In dem Brief an die Kanzlerin schreibt Schulz denn auch, auch Merkel selbst habe ja die Themenauswahl beklagt. „Die Bürgerinnen und Bürger verdienen eine umfassende Debatte um die zentralen Zukunftsfragen unseres Landes. Aus diesem Grunde fordere ich ein zweites TV-Duell vor der Bundestagswahl. Ich bin jederzeit dazu bereit.“


Der Berliner Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer hält indes die Forderung von Schulz für unglaubwürdig. „Ich bin mir sicher, dass Martin Schulz kein zweites Duell fordern würde, wenn er das erste gewonnen hätte“, sagte der Professor an der Freien Universität zu Berlin dem Handelsblatt. Zudem sei er „selbst zum Teil daran Schuld, dass die Zeit für manche Themen nicht mehr ausreichte“, fügte Niedermayer hinzu. Schulz habe etwa „Zeit damit verschwendet, das abgedroschene Maut-Thema wieder hervorzuholen, als es eigentlich um die Rente ging“.

Schulz steht aber mit seinem Wunsch nach einem weiteren TV-Duell nicht allein. Im Netz formieren sich derzeit viele Befürworter. Eine kurz nach dem ersten Duell gestartete Online-Petition mit dem Titel „Für ein zweites TV-Duell mit relevanten Themen, die Menschen wirklich betreffen!“ wurde bereits von knapp 26.000 Unterstützern unterschrieben.

Angestoßen wurde die Petition von Bastian Kenn, einem Juso-Mitglied der rheinland-pfälzischen SPD. Das erste TV-Duell zwischen Merkel und Schulz habe ihn „sehr enttäuscht“, begründet er seine Position. „Fünf Minuten zu sozialer Gerechtigkeit und Innenpolitik reichen mir nicht. Anstatt der Diktion rechtspopulistischer Gruppen zu folgen, fordere ich eine Diskussion über die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft.“

Dann erinnert der SPD-Nachwuchspolitiker daran, dass schon RTL-Moderator Peter Kloeppel am Ende des ersten Duells ein zweites vorgeschlagen habe. „Dem schließe ich mich an! Wir brauchen ein zweites Duell über Themen, die Menschen wirklich wichtig sind.“



Auch die Fernsehsender halten zwei Rededuelle nach wie vor für die beste Lösung im TV-Wahlkampf. „Das ZDF hat sich angesichts der Themenfülle immer für zwei Duelle eingesetzt. Unsere Einladung steht“, teilte der Sender in Mainz am Mittwoch mit. Die Kanzlerin habe in der ZDF-Sendung „Klartext, Frau Merkel“ am Donnerstag Gelegenheit, sich persönlich dazu zu äußern.

ARD-Chefredakteur Rainald Becker erklärte, man habe sich schon im Vorfeld zwei TV-Duelle gewünscht. "Dies kann aber nur dann realisiert werden, wenn beide Kandidaten dazu bereit sind, und das war und ist offensichtlich nicht der Fall.“

RTL-Chefredakteur Michael Wulf wäre mit einem zweiten Duell einverstanden: „Wir hatten bereits im März an die Politik adressiert, dass wir uns zwei Duelle wünschen würden, um der Fülle an Themen gerecht werden zu können“, sagte er am Mittwoch. „Dazu stehen wir voll und ganz, denn offene Fragen gibt es auch nach 95-minütigen Duell Anfang September mehr als genug. Klares Signal deshalb aus Köln: Wir stehen bereit.“

Sat.1-Sprecherin Diana Schardt erklärte: „Wir haben von Anfang an für zwei Duelle plädiert. Dies wurde bekanntlich abgelehnt. Die Bundeskanzlerin war und ist offensichtlich nur zu einem TV-Duell bereit. Sollte sich dies ändern, sind wir selbstverständlich bereit.“

Alle vier Sender hatten das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz parallel übertragen.

An Merkels Entscheidung dürfte sich aber wohl nichts mehr ändern. Entsprechend verärgert reagierten deshalb auch andere Sozialdemokraten. Dass Merkel kneife, komme nicht überraschend. „Wenn man keine Positionen hat, fällt es eben schwer, diese öffentlich zu vertreten“, sagte Parteivize Ralf Stegner dem Handelsblatt. Merkel scheue die direkte Auseinandersetzung mit Schulz über Themen, die für Wähler von „immensem Interesse“ seien, wie Lohngerechtigkeit, Rente, Bildung, bezahlbarer Wohnraum oder Digitalisierung. „Das ist ein Armutszeugnis“, sagte Stegner.

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil warf Merkel „mangelnden Respekt vor den Bürgerinnen und Bürgern und der demokratischen Auseinandersetzung“ vor. Die Kanzlerin verweigere die Debatte über die Zukunft der Bildung, der Rente, der Pflege und der Digitalisierung.