Perfektionist Heynckes macht der Liga Angst

Martin Volkmar, Jens Middendorf
Jupp Heynckes FC Bayern macht der Liga Angst

Am Sonntag ging Jupp Heynckes mit seinem Hund am Niederrhein spazieren. Das ist insofern eine Nachricht, weil der 72-Jährige seinem liebsten Hobby seit rund vier Wochen nicht mehr nachkommen konnte.

Doch nach dem 3:1 bei Borussia Dortmund erhielt der Chefcoach des FC Bayern ein paar Tage Heimaturlaub, um sich auf seinem Bauernhof in Schwalmtal mit Ehefrau Iris und Schäferhund Cando von der aufreibenden Anfangsphase in München zu erholen.

Seit seiner Rückkehr Anfang Oktober hatte sich Workaholic Heynckes durchgängig in München aufgehalten – und war dort auch nur zwischen Hotel und Vereinsgelände an der Säbenerstraße gependelt.

"Das waren wahnsinnig strapaziöse Wochen. Wir haben in allen Bereichen viel und hart gearbeitet. Das ermüdet irgendwann, deshalb freue ich mich auf die Länderspielpause", gestand Heynckes.

In einem Monat aus der Krise an die Spitze


Arbeit, Arbeit, Arbeit - mit diesem Credo hat der Erfolgstrainer den FCB  innerhalb von einem Monat von einem überaltert wirkenden Krisenteam zum alleinigen Bundesliga-Tabellenführer geformt. (DATENCENTER: Die Tabelle)

Doch Heynckes ist trotz sieben Pflichtspielsiegen in Serie noch lange nicht zufrieden, und so hörten sich seine Aussagen nach dem verdienten Sieg beim Erzrivalen für die Konkurrenz wie eine Drohung an.

"Wenn unsere Verletzten Manuel Neuer, Thomas Müller, Jerome Boateng und Franck Ribery wieder zurückkommen, dann werden wir noch stärker, dann können wir wieder viel besseren Fußball spielen", kündigte der Routinier an.

"Noch viel Luft nach oben"

Der überragende Arjen Robben stimmte seinem Boss zu. "Wir haben noch viel Luft nach oben, das hat der Trainer auch in der Kabine gesagt und das wissen wir auch", meinte der Kapitän.

Heynckes' Worte sind Gesetz bei der Mannschaft - das hat der Coach den Spielern mit seiner akribischen, aber auch pedantischen Art von Anfang an klar gemacht.


So gab es in Dortmund auch keinen Widerspruch von Mats Hummels, als Heynckes ihm den Wunsch nach einer Auswechslung in der Halbzeit wegen muskulärer Probleme verweigerte. "Ich habe ihm gesagt, er muss sich durchbeißen. In so einem engen Spiel kann man keinen Eckpfeiler rausnehmen", erklärte der Trainer.

Dabei hatte er vor allem die vielen angeschlagenen Spieler wie Jerome Boateng, Robert Lewandowski, Javi Martinez oder David Alaba im Blick. Gleich mehrere Profis mussten dem körperlichen Raubbau nach sieben Spielen in 21 Tagen Tribut zollen – woran auch Heynckes nicht unschuldig ist. 

"Wir haben nicht nur viele Spiele absolviert, sondern auch intensiv und mit großem Umfang trainiert. Das hat die Spieler ungemein beansprucht. Deshalb haben zuletzt viele über Muskelbeschwerden geklagt", gab er zu. (DATENCENTER: Spielplan und Ergebnisse)

Ballack: Bewusstes Risiko von Heynckes

"Es ist bemerkenswert. Jupp hat ein paar Mechanismen wieder in Gang gebracht. Die Mannschaft wollte mehr trainieren. Das war ungewöhnlich für die Bayern", erklärte Ex-Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack im Check24-Doppelpass auf SPORT1:


"Jupp kennt die Mannschaft in- und auswendig. Er hat die Trainingsintensität erhöht, das war angesichts der vielen Spiele riskant. Es ist gutgegangen und vor allem stimmen die Ergebnisse."

Heynckes selber erklärte sein deutlich höheres Pensum und auch die muskulären Probleme einiger Spieler mit einem kaum versteckten Hinweis auf die lasche Arbeit unter Vorgänger Carlo Ancelotti: "Wenn ein Trainer nach einem Drittel der Saison kommt, hat er andere Ideen, andere Intensität, anderen Umfang."

"Korrekturen im Training, Powerpoint-Präsentationen, Analysen und so weiter" sei für seine Spieler vielleicht etwas ungewohnt, aber daran werde er auch in Zukunft nichts ändern. Im Gegenteil. "Ich habe eben einen Leistungsanspruch, der sehr hoch ist und bin eigentlich nie zufrieden", sagte der Coach.


Meisterschaft schon entschieden?

Von der logischen Schlussfolgerung, dass sich die Bayern auf dem Weg zur sechsten Meisterschaft in Folge nur noch selber schlagen können, wollte Heynckes dann aber zumindest öffentlich nichts wissen.

"Man sollte den Ball flach halten. Man konnte vor vier Wochen nicht voraussagen, dass wir jetzt sechs Punkte vor Dortmund und vier vor Leipzig stehen. Das haben wir uns hart erarbeitet", erklärte er.

Auch die Mannschaft gab sich zurückhaltend. "Mir hat jetzt schon jemand eine Frage übers Triple gestellt, aber damit müssen wir jetzt sofort aufhören", warnte Robben.

Ein Einbruch wie der des BVB mit nur einem Punkt aus den letzten vier Spielen "kann uns genauso passieren. Es darf keiner von uns sagen, die  Meisterschaft wäre entschieden", meinte auch Joshua Kimmich.

Kommentar: Dortmund fehlt es an Qualität

Allerdings sieht nicht nur der ehemalige Leipziger seinen Ex-Klub als den eigentlichen Rivalen: "RB als Zweiter ist nur vier Punkte hinter uns. Wenn man da ein Spiel patzt, ist alles wieder nah beieinander in der Tabelle, außerdem gibt es ja auch die Spiele in der Rückrunde gegen Leipzig und Dortmund. Wir müssen einfach weiter unsere Hausaufgaben machen."

Doch selbst diese Aussagen kann man mit Blick auf die Ergebnisse der ersten Wochen unter dem strengen Oberlehrer Heynckes durchaus als Drohung verstehen.