Paydriver oder Racer? Haas-Kandidat spaltet die Motorsportwelt

Manuel Habermeier
·Lesedauer: 5 Min.

Paydriver oder hochqualifizierter Racer?

Nikita Mazepin könnte zur kommenden Formel-1-Saison ein Cockpit bei Haas F1 Team übernehmen. Direkt bestätigen wollte Teamchef Günther Steiner das bei seinem Auftritt im AvD Motorsport Magazin auf SPORT1 zuletzt nicht: "Mr. Mazepin will seinen Sohn in der Formel 1 - und sein Sohn will das vermutlich noch mehr. Aber wir müssen uns erst entscheiden, in welche Richtung wir gehen."

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Dennoch halten sich die Gerüchte hartnäckig. Sollten sich diese bewahrheiten, könnte er zum neuen Teamkollegen von Mick Schumacher werden, dessen Engagement bei dem US-amerikanischen Motorsportteam nach SPORT1-Informationen fest steht.

Zugleich würde der junge Russe auch in die Fußstapfen von Lance Stroll und Nicholas Latifi treten, die ebenfalls vor allem dank des Geldes ihrer Väter den Sprung in die Königsklasse des Motorsports geschafft haben. Während Stroll senior einfach den Rennstall Racing Point - im kommenden Jahr unter dem Namen Aston Martin der neue Arbeitgeber von Sebastian Vettel - kaufte, hat Michael Latifi Willams Ende 2019 vor dem Bankrott gerettet.

Nun will also der nächste Milliardär seinem Sohn ein Formel-1-Cockpit kaufen. Das hatte Dmitry Mazepin bereits 2018 versucht. Damals wollte er Force India kaufen, der britische Insolvenzverwalter entschied sich jedoch ironischerweise für Stroll und seine Partner.

Jetzt soll es also bei Team Haas mit dem so sehnlich erwarteten Platz in der Formel 1 klappen.

Mazepin kämpft gegen schlechten Ruf

Allerdings stellt sich die Frage, ob der 21-Jährige wirklich reif für den großen Sprung ist. Unter Motorsportfans genießt der Mann aus Moskau nicht den besten Ruf. Grund dafür ist sein hitzköpfiges Verhalten in der Vergangenheit.

In der Formel-3-Saison 2016 sorgte er beim Rennen in Budapest für einen handfesten Skandal.

Da er sich im Qualifying von Callum Ilott behindert fühlte, rastete er in der Boxengasse aus und schlug seinem Kontrahenten mehrfach ins Gesicht - ein blaues Auge und Verletzungen am Kiefer, Nacken und der Wange waren das Resultat. Die Rennkommissare sperrten ihn deswegen für das erste Rennen in Budapest.

Eine zu geringe Strafe, wie Ilotts damaliger Teamchef Frits van Amersfoort festhielt: "Mein Fahrer wurde zweimal attackiert, zweimal. Sie wurden voneinander getrennt und er wurde trotzdem erneut attackiert."

Allerdings muss man dieses - zugegebenermaßen krasse - Fehlverhalten mittlerweile relativieren. Selbst Formel-1-Legenden wie Ayrton Senna, Michael Schumacher oder Nelson Piquet sind während ihrer Karriere durch Handgreiflichkeiten gegenüber Konkurrenten aufgefallen. Dazu wirkt Mazepin junior spätestens seit dieser Saison gereifter. Ähnliche Vorfälle gab es nicht mehr.

Unfall und Mega-Strafe

Allerdings hat er auch in der vergangenen Formel-2-Saison wieder für ein negatives Highlight gesorgt - diesmal auf der Strecke. Bei seinem Heimrennen in Sotschi sorgte er für einen Unfall, in dessen Folge der Japaner Nobuharu Matsushita ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

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Die Sportkommissare sahen in Mazepin den Alleinschuldigen, "der diesen Unfall durch einen völligen Mangel an Sorgfalt im Umgang mit seinen Mitfahrern verursacht" hat. Als Strafe wurde er im nächsten Rennen in Abu Dhabi um 15 Plätze nach hinten versetzt und bekam vier Strafpunkte.

Neben diesem Vorfall lief es auch sonst nicht in seiner ersten Formel-2-Saison. Am Ende landete er mit 255 Punkten Rückstand auf Sieger Nyck de Vries auf Rang 18. In Jahr zwei läuft es nun bedeutend besser. Nach zehn Rennwochenenden hat Mazepin bereits zwei Siege und drei weitere Podestplätze einfahren können. Mit aktuell 140 Punkten liegt er damit auf Rang sechs.

Allerdings gibt es auch eine Kehrseite der Medaille: Auch Ilott und Robert Shwartzman wurden in der Vergangenheit immer wieder mit einem Formel-1-Cockpit in Verbindung gebracht. Die Gesamtwertung zeigt, dass der punktgleiche Shwartzman und Ilott (29 Punkte vor Mazepin) mindestens genauso gut sind.

Liegt es also doch nur am Geld, dass der Milliardärssohn, dessen bestes Karriereergebnis bisher ein zweiter Platz in der Gesamtwertung der GP3-Serie (2018) ist, vor dem Sprung in die Königsklasse steht?

Formel-1-Erfahrung spricht für Mazepin

Ein gewichtiges Pfund ist auch seine Erfahrung mit Formel-1-Autos. Bereits 2016 verpflichtete ihn das damalige Team Force India als Entwicklungsfahrer. In dieser Funktion nahm er an verschiedenen Testfahrten teil und bekam viel Simulatorzeit. Darüber hinaus hat er schon einige Runde in einem Mercedes absolviert.

Anfang 2019 finanzierte ihm sein Vater zwölf Tage lang private Testfahrten im Mercedes-AMG F1 W08, mit dem Lewis Hamilton in der Saison 2017 seinen vierten WM-Titel eingefahren hatte. Nur wenige Monate später fuhr er mit dem damals aktuellen Silberpfeil am letzten offiziellen Testtag der Saison 2019 in Barcelona eine Tagesbestzeit.

Mit 1.15,775 Minuten am zweiten Testtag war er nur 0,264 Sekunden langsamer als Valtteri Bottas bei seiner Tagesbestzeit an Testtag eins. Gleichzeitig war er aber 0,265 Sekunden schneller als Lewis Hamilton an seinem Qualifikationssamstag in Barcelona.

Mazepin junior liefert also auch sportliche Argumente für seine Beförderung in ein Formel-1-Cockpit. Dass ein reicher Vater dabei helfen kann, steht außer Frage.

Geld kauft keine Siege

"Zunächst brauchst du jemanden, der dich unterstützt. Die Familie oder ein Sponsor. Das hilft für den Schritt vom Kart in den Rennwagen oder von Kanada nach Europa", bestätigte auch Lance Stroll in speedweek.com, fügte aber hinzu: "Geld kauft keine Siege. Egal wie viel Unterstützung du hast, am Lenkrad drehst du selber, aufs Gaspedal trittst nur du. Und wenn du das zu wenig gut machst, dann reicht es nicht."

Daher liegt es nun ganz an Nikita Mazepin, seine Kritiker von seinem Talent zu überzeugen. Und sollte es tatsächlich mit Mick Schumacher bei Team Haas sein, könnte er sich gleich gegen einen der größten Namen im Motorsport beweisen. Denn den Teamkollegen gilt es immer zu schlagen - und da zählt kein reicher Vater.

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