Party in den Schwellenländern geht weiter


Wer zu Jahresbeginn in den Schwellenländer-Index MSCI Emerging Markets investiert hat, kann sich bis dato über einen satten Kursgewinn von mehr als 30 Prozent freuen. Zum Vergleich: Der deutsche Leitindex Dax brachte es in diesem Jahr „nur“ auf ein Plus von etwa 14 Prozent und selbst für den Dow Jones ist 2017 trotz Rekordjagd bei einem Kurssprung von rund 25 Prozent Schluss.

Zu den stärksten Treibern im MSCI Emerging Market Index gehörten asiatische Technologiewerte, darunter die chinesischen Internet-Riesen Tencent und Alibaba sowie Samsung aus Südkorea. Nach Ansicht zahlreicher Analysten dürfte sich das Investment in den Schwellenländern auch im kommenden Jahr lohnen – allerdings brauchen Anleger in diesen Ländern weiter gute Nerven, da es zu größeren Schwankungen kommen kann.

Zu den Schwellenländern zählen klassischerweise noch immer die „Bric“-Staaten – Brasilien, Russland, Indien und China. Geprägt wurde der Begriff vor mehr als 15 Jahren. Inzwischen entwickeln sich die Länder sehr unterschiedlich und Staaten wie Südkorea, Taiwan und Indonesien haben an Bedeutung gewonnen. Deutliche Verschiebungen zeigen sich auch in der Zusammensetzung des MSCI Emerging Markets-Index. Neun der zehn größten Einzeltitel stammen aus Asien. Insgesamt machten chinesische Unternehmen zuletzt 30 Prozent des Index aus, rund 16 Prozent stammen aus Südkorea und elf Prozent aus Taiwan. Danach folgen Indien mit knapp neun und Brasilien mit rund sieben Prozent.


Auch die Gewichtung der Wirtschaftssektoren hat sich stark verändert: Energie- und Rohstofftitel machten vor zehn Jahren noch annähernd 40 Prozent des Index aus, Ende November waren es nur knapp 14 Prozent. „Die Gewichtungen von Informationstechnologie (IT)-Titeln und Konsumunternehmen nehmen hingegen stetig zu“, beobachtet Carlos von Hardenberg, Portfolio-Manager in der Emerging Markets-Gruppe des Vermögensverwalters Franklin Templeton. Der IT-Sektor hat mit knapp 30 Prozent aktuell das größte Gewicht. Der Anteil wächst nicht nur wegen der jüngsten Outperformance gegenüber dem Gesamtindex. Grund für die Verschiebungen sind insbesondere strukturelle Veränderungen in den Ländern.

Besonders stark zeigt sich der Wandel in China. „Das Land war lange Zeit die Werkbank der Welt, die sich auf billige Arbeitskräfte verließ. Dieses Wachstumsmodell gehört jedoch der Vergangenheit an“, sagt Emil Wolter, Portfoliomanager Emerging Markets bei der internationalen Fondsgesellschaft Comgest. Die chinesischen Arbeitskräfte seien nicht mehr billig und China wolle in den nächsten sieben oder acht Jahren in die Riege der Länder mit hohem Einkommensstatus aufsteigen. „Heutzutage werden in keinem Land der Welt mehr Roboter verkauft, China hat weltweit die meisten Internetnutzer, steht im globalen Vergleich bei Patentanträgen auf dem dritten Platz, hat die höchste Zahl an MINT-Universitätsabsolventen – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – und ist der größte Exporteur von Produkten mit hohem Mehrwert“, schwärmt Portfoliomanager Wolter. Auch die Innovationsfähigkeit verbessere sich laufend.


Von Ross Teverson, Chefstratege für Emerging Markets beim Vermögensverwalter Jupiter AM, kommen aber auch kritische Töne. Er halte China nach wie vor für einen „interessanten Markt, der bei einer selektiven Titelauswahl eine Reihe von strukturellen Wachstumschancen bietet“. Aber: Die Unternehmensverschuldung im Land sei in den letzten Jahren stark gestiegen. Diese Entwicklung werde das Wachstum im nächsten Jahr bremsen. Es sei aber extrem schwierig ist, das Timing vorherzusagen. Verglichen mit der Benchmark und den meisten anderen Schwellenländerfonds habe er im Jupiter-Portfolio chinesische Titel deshalb geringer gewichtet.


Tencent und Alibaba überzeugen

Mit Blick auf einzelne chinesische Titel lobt James Syme, Portfoliomanager des JOHCM Global Emerging Markets Opportunities Fund, besonders das Geschäftsmodell des Internetriesen Tencent. Es sei „eines der stärksten der Welt“. „Obwohl der gesamte adressierbare Markt kleiner ist als der von Facebook, trägt das Kerngeschäft weiterhin zum Umsatzwachstum bei, ohne zu sehr von Werbung abhängig zu sein“, so Syme.

Sehr gute Ergebnisse habe in den vergangenen beiden Quartalen auch der Handelskonzern Alibaba geliefert. Oberhalb des Niveaus von 180 Dollar pro Aktie hätten die Papiere aber „nur noch begrenztes Potential“. In Taiwan erscheine auch „die Bewertung von TSMC über dem 15-fachen künftigen Gewinn herausfordernd“. Allerdings sei nicht zu leugnen, dass das Unternehmen mit seinen Hochleistungschips einen Vorsprung habe und auch die Kapitalrendite beeindruckend hoch sei.

Bei der Vermögensverwaltung Columbia Threadneedle steht Asien momentan ebenfalls im Fokus. Der Favorit heißt hier allerdings Japan. „Wir haben unseren Ausblick für den japanischen Aktienmarkt von positiv (favour) auf sehr positiv (strongly favour) angehoben und damit unsere erste derartige Hochstufung eines Aktienmarktes vollzogen“, sagt Toby Nangle, Global Co-Head of Asset Allocation. Überzeugt hätten ihn die höhere Profitabilität der Unternehmen, Hinweise auf erfolgreiche Unternehmensreformen, solide Wachstumsaussichten und rückläufige politische Risiken. Zu den Regionen, die im aktuellen Umfeld am stärksten profitieren könnten, zählt er neben Japan auch Aktien aus Kontinentaleuropa und asiatischen Schwellenländern. „Für diese Märkte sind wir mit Blick auf 2018 am optimistischsten“, so Nangle.


Bei der Vermögensverwaltung Franklin Templeton bezeichnet Portfoliomanager Carlos von Hardenberg Asien sogar als „die aufregendste Region unter den Schwellenländern“. China, Südkorea, Indien, Taiwan aber auch Länder wie Indonesien würden eine Reihe von Chancen bieten.

Trotzdem schaut er auch in andere Länder: „Da wir die Titel nach fundamentalen Aspekten auswählen, sind wir ebenso über einzelne Gelegenheiten in anderen Teilen der Welt erfreut, wie zum Beispiel in Russland, das kürzlich am Markt in Ungnade gefallen ist“, so von Hardenberg. Die Unbeliebtheit des Marktes habe zur Folge, „dass wir das Engagement in Unternehmen mit guten Fundamentaldaten zu Preisen erhöhen konnten, die wir als recht attraktiv erachtet haben“.

Ähnlich sieht Franklin Templeton die Chancen in Lateinamerika. Brasilien habe sich von einer langen Rezession erholt und stehe vor einigen Herausforderungen, darunter die hohe Arbeitslosigkeit sowie umfangreiche Korruptionsskandale. „Wir beurteilen die Möglichkeiten in diesem Markt angesichts des neuen Reformeifers jedoch allgemein positiv. Darüber hinaus entdecken wir attraktive Anlagemöglichkeiten in anderen Ländern Lateinamerikas, insbesondere in Argentinien“, sagt von Hardenberg.

Auch Marco Herrmann, Geschäftsführer der Münchener Vermögensverwaltung Fiduka blickt optimistisch auf die Entwicklung von Schwellenländeraktien. „Wir sind in diesem Marktsegment weiter übergewichtet“, sagt er. „Obwohl insbesondere der asiatische Markt schon in diesem Jahr sehr gut gelaufen ist, erwarten wir für 2018 einen weiteren Anstieg.“ Während der Fokus aktuell auf China liege, habe auch Indien ein „riesiges Potential“. In Russland und Brasilien sei die Lage zuletzt schwierig gewesen. „Inzwischen bewegen sich die Märkte aber aus der Rezension heraus und legen ein stattliches Wachstum vor“, so Herrmann. „Dieser Trend dürfte sich auch im neuen Jahr fortsetzen.“


Volatilität gehört dazu

Auf Indien setzt auch Jupiter AM-Fondsmanager Avinash Vazirani: Die indische Wirtschaft werde 2018 voraussichtlich noch mit „kurzfristigen Unwägbarkeiten zu kämpfen haben“, da das Land die in den vergangenen zwölf Monaten umgesetzten Reformen verdauen müsse. Auch die bevorstehenden Kommunalwahlen dürften zur Marktvolatilität beitragen. „Geduld wird jedoch belohnt werden, da die Reformen die langfristige wirtschaftliche Zukunft Indiens stärken“, so Vazirani. Er glaubt sogar, „dass die Unternehmensergebnisse die Erwartungen der Analysten übertreffen werden“, denn mehrere Punkte des Reformprogramms würden zur Erhöhung der Rentabilität indischer Unternehmen beitragen.

Trotz individueller Akzente sind sich die Analysten insgesamt einig, dass Schwellenländeraktien auch 2018 attraktiv bleiben. „Verglichen mit ihren Pendants aus Industriestaaten sind die Bewertungen von Aktien aus Schwellenländern nach wie vor angemessen“, sagt Ross Teverson von Jupiter AM. Auch das längerfristige Risiko-Rendite-Profil dieser Märkte sei attraktiv. „Einige Wachstumstitel im Large-Cap-Segment erscheinen zwar mittlerweile recht teuer, doch auch 2018 lassen sich noch überzeugende Chancen finden.“ Das gelte insbesondere für das Small- und Mid-Cap-Universum und die Frontier-Märkte. Als gutes Zeichen wertet er außerdem, dass der Anteil der Schwellenländerunternehmen, die Dividenden ausschütten, inzwischen höher sei als in den Industriestaaten.


Auch Vermögensverwalter Jan van Eck empfiehlt: „Investoren sollten ihr Augenmerk 2018 vor allem auf die Aktienmärkte der Schwellenländer in Asien richten. Die Märkte dort „werden sich auch in den kommenden Jahren weiter prächtig entwickeln“. Angesichts der positiven Entwicklung der vergangenen Jahre könnten Investoren glauben, dass sie zu spät zur Party kommen, „doch wir denken, dass diese noch Jahre weitergeht“, so van Eck. „In den Schwellenländern leben viele Menschen und die Wirtschaft ist sehr aktiv.“

Allerdings müssen sich Anleger in Schwellenländern grundsätzlich auf größere Marktschwankungen einstellen. So warnt etwa Frankling Templeton-Manager von Hardenberg vor Volatilität. Zum einen könnten die Investitionsströme die sich ständig ändernden Einstellungen zum wahrgenommenen Risiko widerspiegeln. Zum anderen würden weniger reife Märkte häufig sehr von Stimmungen geprägt. Skeptische Einstellungen könnten sich in diesen Ländern deshalb rasch im Aktienkurs widerspiegeln. Anleger sollten in diesen Märkten also eine zusätzliche Portion Gelassenheit mitbringen.


Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 15 Teile und läuft vom 21. Dezember bis 4. Januar 2018. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.):Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 7 (27.12.): Aktien Skandinavien

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis