Diplomatischer Drahtseilakt für den Papst in Myanmar

Der Papst und De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi

In einem diplomatischen Drahtseilakt hat Papst Franziskus in Myanmar zur "Achtung jeder Volksgruppe" aufgerufen, die gewaltsam unterdrückte Rohingya-Minderheit aber nicht beim Namen genannt. Gerechtigkeit und die Achtung der Menschenrechte seien unerlässlich für den Frieden, sagte der Papst in einer vielbeachteten Rede am Dienstag. Auch De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi, die wegen des Schicksals der Rohingya international in der Kritik steht, erwähnte die Minderheit nicht.

"Die Zukunft Myanmars muss der Friede sein", sagte Franziskus im Beisein von Suu Kyi und vor Vertretern der Zivilgesellschaft und Diplomaten. Franziskus war am Montag als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche zu einem Besuch in dem mehrheitlich buddhistischen Land eingetroffen. Die Reise gilt wegen der Rohingya-Krise als heikel. Franziskus hat sich in den vergangenen Monaten mehrmals besorgt über die Verfolgung der Rohingya geäußert.

Ranguns Erzbischof Charles Bo hatte dem Papst vor seiner Reise empfohlen, in Myanmar die Bezeichnung "Rohingya" nicht zu verwenden. In dem südostasiatischen Land werden die staatenlosen Rohingya als illegale Einwanderer aus Bangladesch angesehen und als "Bengalen" bezeichnet - obwohl viele von ihnen seit Generationen in Myanmar leben.

Suu Kyki versicherte, ihre Regierung bemühe sich darum, die Rechte "aller" Menschen in Myanmar zu schützen. Ihr Ziel sei auch, zur Schaffung von Frieden Toleranz zu fördern und Sicherheit "für alle" zu gewährleisten. Auch Suu Kyi nannte die Rohingya nicht beim Namen. Sie sagte aber, die Krise im nördlichen Bundesstaat Rakhine sei eine der "vielen Herausforderungen, vor denen unsere Regierung steht".

Am Montag aberkannte die englische Universitätsstadt Oxford Suu Kyi die einst verliehene Freiheitsmedaille - wegen ihrer "Untätigkeit" angesichts der Unterdrückung der Rohingya, wie es hieß.

Angesichts der Spannungen sei die Rede des Papst "sehr vorsichtig formuliert" gewesen, sagte der Politologe Richard Horsey in Myanmar. Womöglich äußere sich Franziskus aber bei privaten Treffen mit der Führung Myanmars offensiver. Ein Rohingya-Aktivist im Kutupalong-Flüchtlingslager äußerte sich hingegen "sehr enttäuscht" von der Rede.

In Myanmar sind nur rund ein Prozent der 51 Millionen Einwohner katholisch. Etwa 200.000 Gläubige pilgerten aus allen Teilen des Landes in die Wirtschaftsmetropole Rangun, wo Franziskus am Mittwochmorgen eine riesige Freiluftmesse feiern wollte.

Die muslimischen Rohingya werden in Myanmar seit Jahrzehnten systematisch unterdrückt. Ende August war der Konflikt eskaliert, als Rohingya-Rebellen Soldaten und Polizisten angriffen und dutzende Sicherheitskräfte töteten. Das Militär reagierte mit brutaler Gegengewalt. Seither wurden durch das Militär hunderte Rohingya getötet, rund 620.000 Rohingya flüchteten ins verarmte Nachbarland Bangladesch.

Am Montagabend hatte Franziskus in Rangun bereits den mächtigen Armeechef Min Aung Hlaing getroffen, der für das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Rohingya verantwortlich gemacht wird. Der General wies bei dem Treffen alle Berichte über deren Diskriminierung zurück. Nach dem Besuch in Myanmar reist der Papst am Donnerstag weiter nach Bangladesch.

Myanmar und Bangladesch hatten sich in der vergangenen Woche auf eine Rückführung der Rohingya-Flüchtlinge geeignet. Am Dienstag gab die Regierung in Dhaka zudem grünes Licht für die umstrittene Ansiedlung von Rohingya-Flüchtlingen auf einer bislang unbewohnten Insel.

Derweil kündigte der UN-Menschenrechtsrat für kommende Woche eine Sondersitzung zur Lage der Rohingya und anderer Minderheiten in Rakhine an. Die Beratungen am Dienstag fänden auf Antrag Bangladeschs und Saudi-Arabiens statt.