Neue TV-Serie "Der Krieg und ich": Krieg aus Kindersicht

Die achtteilige Dramaserie "Der Krieg und ich" erklärt den Zweiten Weltkrieg - für Zuschauer ab acht Jahren. Sind die nicht viel zu jung für Themen wie den Holocaust?

Darf man Kindern im Grundschulalter vom Zweiten Weltkrieg erzählen? Von Nazis, Judenhass, Konzentrationslagern und Kindersoldaten. Ist das nicht zu hart und vor allem zu früh? Nein, sagen die Macher der Serie "Der Krieg und ich", die an den kommenden vier Samstagabenden (ab 31. August, 20.15 Uhr) im öffentlich-rechtlichen Kinderkanal und danach sonntags im Ersten laufen soll (Sonntag, 3. November, 11 Uhr). In acht jeweils 25 Minuten langen Episoden will die Serie altersgerecht erklären, wie Kinder in ganz Europa den Zweiten Weltkrieg erlebten. Die Geschichten berichten von kleinen Protagonisten aus Deutschland, Polen, Frankreich, Großbritannien, Norwegen, Russland und der Tschechischen Republik.

Erzählt wird aus der Perspektive der Kinder, die sich für die Hitlerjugend begeistern ließen oder Bombenangriffe durchmachen mussten. Die letzte Folge spielt im Konzentrationslager Auschwitz. Begonnen wird mit dem zehnjährigen Anton im Jahr 1938. Anton will kein Außenseiter mehr sein und meldet sich gegen den Willen des Vaters (Florian Lukas, "Weissensee") bei der Hitlerjugend an. Dafür fälscht er dessen Unterschrift. Die Sache fliegt auf, Antons Gruppenführer stellt Vater und Sohn zur Rede. Der Vater ist zwar gegen die Nazis, aber sein Sohn will unbedingt bei der Jugendorganisation bleiben. Auch deren Argumente hat er schon übernommen: "Papa, wenn du es mir verbietest, dann bist du nicht nur gegen mich, dann bist du auch gegen unseren Führer, Adolf Hitler."

In der Folge "Anton" wird nicht nur die ideologische Vereinnahmung Antons, sondern auch die Verfolgung der Juden in Deutschland geschildert. Der Zehnjährige ist mit dem jüdischen Nachbarmädchen Greta befreundet. Während der Reichspogromnacht versteckt Antons Vater Gretas Familie. Die kann zwar später ins Ausland fliehen, weil Anton sein Geheimnis aber dem Gruppenführer verrät, wird der Vater verhaftet und kommt erst Tage später nach Hause zurück.

"Müssen es Kindern nüchtern, klar und deutlich erklären"

Neben der Spielhandlung, die immer die Sicht des kindlichen Helden beibehält, erklären Film-Einspieler mit Archivmaterial, was damals passiert ist. In einfachen Worten. Da heißt es dann beispielsweise: "Nicht nur Juden werden verhaftet, sondern auch alle, die ihnen helfen. Die meisten Deutschen sind damit einverstanden, was die Nazis mit den Juden machen. Zu viele schweigen oder schauen weg. Die einen, weil es ihnen egal ist. Die anderen aus Angst, selbst verfolgt zu werden."

Die Episode "Anton" erhielt 2018 den renommierten "Goldenen Spatz". 2019 wurde die Drama-Serie mit dem Kinder-Medien-Preis "Der weiße Elefant" ausgezeichnet. Trotzdem weiß Lene Neckel, verantwortliche Redakteurin beim produzierenden SWR, dass sie mit "Der Krieg und ich" ein heikles Projekt betreut. "Die oberste Regel ist und bleibt natürlich das Wohl der Kinder", sagt sie. "Ganz oft ängstigt Kinder ja nicht, die Dinge an sich zu erfahren. Es ist die Art und Weise, wie wir es ihnen erzählen. Und die Fragen, die offen bleiben. Also wir müssen es nüchtern, klar und deutlich erklären."

Genauso sieht es auch Maya Götz, Leiterin des Münchener Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen. An ihrem Institut, das gemeinsam mit Historikern und Pädagogen die Serie begleitete, liefen seit Anfang 2018 Testvorführungen der Folge "Anton" und einer weiteren Episode, die im KZ spielt - vor vierten Schulklassen. "Eines der großen Probleme in unserem jetzigen Schul-Curriculum", sagt Medienexpertin Götz, "ist, dass das Thema Nationalsozialismus eigentlich erst in der zehnten Klasse kommt. Und die Frage, wer sind eigentlich Juden, wird zum Beispiel erst in der siebten Klasse bei den meisten Schulformen behandelt." Dabei tauchen die Fragen der Kinder bereits viel früher auf.

"Das sollte für uns alle beunruhigend sein"

Götz weiß aus den Testvorführungen, dass Kinder typische Fragen stellen: "Warum haben die Nazis die Juden so gehasst? Warum haben sie das getan? Es sind Fragen, die Kinder durchaus mitnehmen, die sie bewegen. Das sind keine konkreten Ängste. Es ist eher diese Vorstellung, die beunruhigend wirkt. Dass Menschen so etwas aus rassistischen Gründen tun, das beunruhigt. Aber - das sollte für uns alle beunruhigend sein."

In "Anton" ist ein Zehnjähriger Manipulationsversuchen ausgesetzt - und erliegt ihnen zunächst. Genau darin liegt die große Stärke der ersten Episode: Dass sie ihren jungen Protagonisten ernst nimmt - mit all seinen Unsicherheit und Ängsten, aber auch mit seinem untrüglichen Gespür für Gut und Böse. Die Tagebucheinträge echter früherer Kriegskinder, die in die acht Episoden eingeflochten sind, stehen genau für diese Suche nach echter Orientierung.

Am Ende kommt jede Folge zu einem versöhnlichen Abschluss, jedoch ohne Geschichte zu beschönigen. "Ja, unsere Protagonisten lernen alle irgendetwas", fasst Redakteurin Lene Neckel die Erzählweise der Serie zusammen. "Dass, was Anton am Ende dieser Episode lernt, nämlich dass er doch seiner Freundin Greta helfen muss, das haben auch die Kinder, die das damals tatsächlich durchlebt haben, gelernt. Wir wissen das aus zahlreichen Zeitzeugen-Interviews, die wir zum Projekt 'Der Krieg und ich' führten. Vielleicht hat es beim ein oder anderen ein paar Jahre gedauert, aber sie haben es irgendwann gelernt und kapiert. Und ganz oft fielen Sätze wie: Ich wollte mich danach niemals mehr so vereinnahmen lassen."

Tatsächlich ist "Der Krieg und ich" eine sehr gelungene Serie, die kindgerecht zeigt, dass Schweigen und Wegsehen für diese Form der Vereinnahmung einen weitaus besseren Nährboden schaffen, als das verantwortungsvolle, wohl dosierte Heranführen an die Härten unserer Geschichte tut. In der Ausstrahlung des Kinderkanals werden die acht Episoden an vier Samstagen in Doppelfolgen gezeigt. Ab Ende August sollen sie auch unter derkriegundich.de, in der ARDMediathek sowie unter planet-schule.de abrufbar sein.