Panini-Sticker zur WM: "Es ist der archaische Jäger- und Sammlertrieb“

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin
Seit Jahrzehnten bricht rechtzeitig vor jeder Fußball-Weltmeisterschaft die Sammelleidenschaft aus. Warum? (Bild: Getty Images)

Ein paar Tage vor dem WM-Start in Russland werden viele Fans hibbelig. Nicht nur, weil sie den Spielen entgegenfiebern, sondern auch, weil die Lücken in ihrem Panini-Heft sie zunehmend stören. Neben Kindern sammeln auch immer mehr Erwachsene die Bilder, die immer teurer werden. Doch warum eigentlich? Wir haben Experten gefragt!

Neunzig Cent kostet ein Tütchen mit fünf Panini-Bildern, 682 braucht man, um ein Sammelheft voll zu bekommen. Im Idealfall müsste man also 122 Euro für ein vollständiges Panini-Heft ausgeben, doch in Wahrheit sind die Kosten viel höher. Denn je mehr Bilder man hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, in neuen Tütchen doppelte Bilder zu bekommen. Dass der Preis der Bilder seit der letzten WM um 30 Cent gestiegen ist, ist ein Dämpfer, den Sammler in Kauf nehmen. Aber warum machen sie das?

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Dr. Daniel Habit vom Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der LMU München erklärt das gegenüber Yahoo Finanzen so: „Beim Hinterherhecheln nach den fehlenden Bildern kommt der archaische Jäger- und Sammlertrieb wieder hoch. Früher haben die kleinen Jungs Zinnfiguren oder Eisenbahnen oder Briefmarken gesammelt, dann kam zur WM 1986 das erste Panini-Album.“ Das Ideal der angestrebten Vollständigkeit werde ergänzt durch den sozialen Moment des Tauschens. „Die Kinder, meistens Jungs, machen das ja oft heimlich auf dem Pausenhof, weil die Lehrer es verbieten, wenn es überhandnimmt.“ Dazu denken sich die Kinder eigene Regeln aus, weiß Habit: „Neulich habe ich mich mit zwei Jungs unterhalten. Ein Glitzi-Bild zählt 1:4 und die Stadion-Glitzi-Bilder sogar 1:7.“

„Es ist etwas anderes als Handy oder Tablet“

Beim Sammeln und Tausche genießen Kinder wie Eltern auch das Spielerische. „Man ist eben der Homo ludens (dt. der spielende Mensch)“, sagt der Wissenschaftler. „Und es kann etwas Schönes sein, weil sich Kinder für etwas anderes als Handy, Tablet und Bob der Baumeister begeistern.“ Überhaupt spielt der familiäre Aspekt eine wichtige Rolle. Während früher vor allem die Kinder im Sammelwahn waren, rutschen heute auch Erwachsene zwischen ihrem Nachwuchs auf dem Boden herum und versuchen, die Karten im besten Verhältnis zu tauschen. „Das ist so eine Weitergabe des Rituals der Vätergeneration, die heute Mitte 30 bis Anfang 40 ist, früher selbst gesammelt hat und es schön findet, dass die Kinder das jetzt auch machen.“ „Eine neue Verspieltheit von Erwachsenen“ nennt der Kulturwissenschaftler das, und die könne man auch in anderen Bereichen wie etwa der Produktpalette von Lego Technic erkennen, für die man schon fast ein paar Semester in Maschinenbau benötige.

Heute sind die Möglichkeiten, das Album zu füllen, viel größer

Im Gegensatz zu früher hat sich noch eine andere Sache geändert: Die Möglichkeiten, das Album tatsächlich bis auf den letzten Sticker voll zu bekommen, sind heute viel größer als früher. Wer beim Tauschen unter Freunden nicht mehr weiterkommt, kann sich in einer Online-Tauschbörse auf die Suche nach den fehlenden Bildern machen.

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Stefan Kuhn ist der Gründer der 2006 gegründeten Online-Tauschbörse stickermanager.com, auf der man sich kostenlos registrieren kann. Dort gibt man die Sticker ein, die man doppelt hat und die, die man noch braucht und bekommt potentielle Tauschpartner angeboten, die man dann per Internet kontaktieren kann. In diesem Jahr hat Kuhn einen deutlichen Anstieg der Userzahlen verzeichnet, den er gegenüber Yahoo Finanzen vor allem auf die gestiegenen Preise der Panini-Bilder zurückführt. „Das beschäftigt viele Sammler und führt dazu, dass die Leute mehr tauschen und weniger sammeln wollen.“

“Die Glitzi-Sticker werden nicht gleich oft produziert”

200.000 User nutzen die Plattform laut Kuhn, die dort mit einer Ausnahme alle Bilder zum Tauschen vorfinden würden: die insgesamt 50 Glitzi-Bilder. Mit knapp 1,2 Millionen in seiner Tauschbörse verzeichneten Stickern hat er Einblick in eine enorme Menge an Daten, und die lassen seiner Meinung nach nur einen Schluss zu: „Die Glitzi-Sticker werden nicht gleich oft produziert und sind deutlich weniger oft vorhanden.“ Auf der anderen Seite gebe es auch Teams, deren Bilder doppelt so oft im Umlauf seien wie die anderer Mannschaften: „Belgien, Nigeria, Kolumbien, Uruguay, Serbien, Mexiko, Polen und Island.“

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Wäre das tatsächlich der Fall, würde Panini damit den Absatz quasi künstlich erhöhen. Panini allerdings widerspricht solchen Vorwürfen, die immer wieder hochkommen. „Alle Sticker werden gleich oft produziert“, sagt der Geschäftsführer Hermann Paul. Einen Tipp hat Kuhn noch an alle, die egal aus welchen Gründen nicht an die Glitzi-Sticker herankommen. „50 Sticker kann man direkt bei Panini bestellen.“