Die Pandemie macht euch vergesslicher, zeigen Studien — was ihr dagegen tun könnt

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Julia Shaw ist als Erinnerungsforscherin und Rechtspsychologin. Sie gilt als eine der führenden Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der sogenannten Pseudoerinnerungen, Erinnerungen also, die fehlerhaft sind. Jetzt hat sich Shaw genauer angesehen, warum die Pandemie offenbar bei vielen Menschen zu schlechteren Erinnerungsleistungen geführt hat. Denn das sei das Ergebnis diverser Studien, etwa von Wissenschaftlern aus Brasilien und Großbritannien, zur Wirkung des Social Distancing, schreibt Shaw im britischen BBC Science Focus Magazine.

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Demnach fanden brasilianische Wissenschaftler der Universidade Federal de Pelotas im Rahmen von Studien heraus, dass ein Drittel der von ihnen untersuchten Menschen seit dem Lockdown mit einem schlechteren Erinnerungsvermögen zu kämpfen haben. Und das, obwohl es in Brasilien keinen offiziellen Lockdown gab.

Die Neuropsychologin Catherine Loveday von der University of Westminster in Großbritannien nahm sich des Themas ebenfalls an. Sie bat Menschen, ihre Erinnerungsleistungen bezogen auf alltägliche Aufgaben zu bewerten. Sie stellte ihnen dazu Fragen wie folgende: Haben Sie in letzter Zeit vergessen, jemandem etwas mitzuteilen, obwohl sie sich das vorgenommen hatten? Haben Sie etwas zu lesen begonnen und dann festgestellt, dass Sie das schon einmal gelesen haben? Das Ergebnis war ernüchternd: 80 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Erinnerungsleistungen in mindestens einer Hinsicht schlechter geworden sind.

Ein Erklärungsansatz dafür ist keineswegs mysteriös: Es ist schlicht Bewegungsmangel. Dass Bewegung und Sport helfen, den körperlichen und geistigen Verfall aufzuhalten, ist schon länger bekannt. So litten schon Personen, die sich innerhalb von Gebäuden und einzelnen Räumen mehr bewegten, seltener unter Gedächtnisproblemen, wie die Studie von Loveday zeigte. Jede zusätzliche Minute Bewegung brachte Menschen in Zeiten sozialer Distanzierung demnach einen positiven körperlichen Effekt und half ihnen damit auch mental.

Dieser Zusammenhang wird auch in einer Handreichung der Vereinten Nationen betont („Covid-19: The Need for Action on Mental Health“), nach der mangelnde körperliche Bewegung kognitiven Verfall und Demenz fördere.

Noch ein weiterer Faktor begünstigt die Degeneration unserer kognitiven Leistungen: Einsamkeit. Die damit verbundene Stimmung eines Menschen wirkt sich negativ auf seine mentale Gesundheit aus. Das zeigen Forschungen von Wissenschaftlern der Universität Otago in Neuseeland. Die Wirkung des Lockdowns auf das Gedächtnis war demzufolge am Anfang des Lockdowns für die Betroffenen nicht spürbar, wirkte sich sogar zunächst positiv auf die kognitiven Leistungen aus. Nach einer Dauer von 30 Tagen Lockdown nahm die negative Wirkung der Einsamkeit auf das Gedächtnis aber zu, schreibt Studien-Co-Autor Weiwei Zhang. So litt etwa die Erinnerung der Menschen an das, was während des Lockdowns passiert war.

Psychologin Shaw hat drei Tipps für Betroffene. Zum einen rät sie, rasch die körperlichen Betätigungen wieder aufzunehmen, die ein Mensch vor der Pandemie für sich pflegte – oder mit Bewegung und Sport zu beginnen. Bereits kleine Schritte wie das Gehen von einem Raum in den anderen helfen, so Shaw. Ebenso wirkungsvoll sei die Pflege sozialer Beziehungen. Das Miteinander mit anderen fördert eine gute Stimmung und hat einen positiven Effekt auf das Gedächtnis. Shaws dritter Hinweis dürfte für Erleichterung sorgen: Sie rät zu Geduld. Denn die Eintrübung des Erinnerungsvermögens geht vorüber – so wie auch der Lockdown vorüberging.

jsk

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