Wie die Paketdienste die Rekordzahlen im Lockdown bewältigen

Deters, Jannik
·Lesedauer: 4 Min.

Logistikfirmen setzen in der Vorweihnachtszeit Tausende zusätzliche Fahrzeuge und Mitarbeiter ein. Der Lockdown bringt sie an die Kapazitätsgrenze.

Der Dax-Konzern schöpfe „gerade das Maximum unserer Kapazitäten aus“, sagt ein Sprecher. Foto: dpa
Der Dax-Konzern schöpfe „gerade das Maximum unserer Kapazitäten aus“, sagt ein Sprecher. Foto: dpa

Michael Chui steht vor einem Getränkemarkt in Köln und raucht eine Zigarette. Es sei viel zu tun, aber für einen Kaffee reiche es noch, scherzt Chui. Er arbeitet für den Paketdienstleister DPD, zu erkennen an den rot-weißen Jacken.

Sein Arbeitstag hat um sechs Uhr begonnen: eineinhalb Stunden den Lieferwagen mit der Ware bestücken, dann los. Chui sagt, aktuell landen bis zu 350 Pakete im Fahrzeug. Normal seien es um die 200 Stück.

Chui ist einer von 2000 neuen Mitarbeitern, die DPD in diesem Jahr fest angestellt hat. Die Pandemie und der nun zweite harte Lockdown haben den ohnehin boomenden Onlinehandel noch einmal verstärkt. Davon profitieren auch die ausliefernden Paketdienste.

Streiks bei Amazon in Deutschland begonnen

Die Logistikfirmen brechen Rekord um Rekord. Die Deutsche Post hatte Ende November schon so viele Pakete umgeschlagen wie im gesamten vorigen Jahr. Für das Gesamtjahr geht Post-Vorstand Tobias Meyer von einem „Plus von knapp 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf rund 1,8 Milliarden Pakete“ aus. Konkurrent Fedex steigerte seine Erlöse im vergangenen Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 20 Prozent.

Die Unternehmen mussten schon das ganze Jahr über Tausende neue Kollegen beschäftigen, um die Nachfrage während der Pandemie zu bewältigen. Jetzt, fürs Weihnachtsgeschäft, haben sie nochmals aufgestockt.

Banal, aber wichtig: Platz und Lieferwagen

DHL beschäftigt 10.000 zusätzliche Mitarbeiter – „alle nach Tarifvertrag“, wie ein Sprecher betont. GLS und DPD greifen jeweils auf gut 4000 Kurzzeitkräfte zurück. Kurz vor Weihnachten hetzen die Paketboten durch Straßen, Auffahrten und Hauseingänge. Innerhalb von zehn Minuten begegnen einem am Freitagvormittag vor Heiligabend zwei DPD-Fahrer, ein GLS-Bote und ein DHL-Lieferwagen.

Doch die Firmen kommen an ihre Kapazitätsgrenzen. Ganz einfache, aber in der Logistik essenzielle Ressourcen werden knapp: Platz und Lieferwagen. DPD hat einem Sprecher zufolge mehr als 2000 zusätzliche Transporter im Einsatz. Die miete die Firma über gängige Anbieter wie Europcar.

Weitere Wagen zu bekommen sei jedoch schwierig, erklärt der Sprecher. „Das ist langsam ausgeschöpft, weil natürlich auch andere darauf zugreifen.“ DPD arbeite aber ohnehin „am Anschlag. Wir sind bei 100 Prozent, die Sortierkapazitäten ausgeschöpft.“

Ähnlich äußert sich Konkurrent Hermes: Die personellen Ressourcen und Sortierkapazitäten in den Verteilzentren seien „natürlich nicht beliebig erweiterbar“, sagt eine Sprecherin.

Hermes hält sich nach eigenen Angaben konsequent an Abstandsregelungen und Hygienemaßnahmen. Dadurch werde es „nur bedingt möglich sein“, an den Standorten personell weiter aufzustocken, sagte die Sprecherin.

Nah an der Kapazitätsgrenze sieht sich auch die Deutsche Post. „Wir schöpfen gerade das Maximum unserer Kapazitäten aus“, sagt der Sprecher. Dazu gehört wie schon in den vergangenen Jahren auch, dass Kollegen aus der Verwaltung in den Verteilzentren und beim Ausliefern helfen. Bei der Post sei es eine „vierstellige Zahl“ von Büroangestellten, die den Arbeitsplatz vorübergehend gewechselt hätten, sagt Post-Vorstand Meyer dem Handelsblatt.

Um die Filialen zu entlasten, hat der Konzern nach eigenen Angaben in Berlin, Stuttgart und München DHL-Paketbusse bereitgestellt und nutzt in Ballungsgebieten wie Dortmund, Hannover, Köln, Leipzig und Stuttgart Transportfahrzeuge als mobile Annahmestellen für Pakete.

Der Tag mit den meisten Lieferungen könnte den Unternehmen erst noch bevorstehen. Weil fast alle Geschäfte, die stationär Weihnachtsgeschenke verkaufen, wegen des harten Lockdowns geschlossen sind, dürfte sich der Zulauf kurz entschlossener Geschenkekäufer auf den großen E-Commerce-Plattformen noch einmal verstärkt haben.

Eine Ebay-Sprecherin teilt aber mit, die Nachfrage sei seit Mittwoch, dem Beginn des Lockdowns, gestiegen. Ob Zalando einen Effekt ausmacht, verriet der Konzern nicht. Eine Sprecherin des Otto-Konzerns sagt, die Nachfrage liege „deutlich über Plan“. Ein konkreter Effekt durch die Schließung des stationären Handels sei jedoch nicht erkennbar. Zahlen nennen die Plattformen nicht – Amazon ließ eine Handelsblatt-Anfrage unbeantwortet.

Verdi: Firmen müssen Fürsorgepflicht nachkommen

Hermes geht davon aus, „dass die ohnehin bereits sehr hohen Paketmengen in den Tagen vor Heiligabend durch den Lockdown nochmals zunehmen werden“. Eine genaue Prognose sei aber „nicht seriös möglich“.

Sicher ist: Die Corona-Pandemie beschert den Logistikunternehmen ein prächtiges Geschäft. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi appelliert angesichts von Rekordumsätzen und hoher Beschäftigung an die Firmen, die Mitarbeiter zu entlasten. Der Druck auf „den einzelnen Zusteller oder den einzelnen Sortierer“ sei enorm. Viele der „rund 30.000 Aushilfen“ aktuell hätten lediglich einen befristeten Vertrag angeboten bekommen.

Wie für alle Arbeitnehmer ist das Virus eine Herausforderung. Verdi verlangt von den Firmen, ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen. Die Beschäftigten seien „tagtäglich einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt“. Daher sei es „umso wichtiger“, dass sie nicht über ihre gesetzliche Arbeitszeit hinaus arbeiteten.

Michael Chuis Arbeitstag endet eigentlich um 15 Uhr. Momentan habe er zwar eher um 18 Uhr Feierabend, sagt er, das sei aber normal im Weihnachtsgeschäft. Die Überstunden würden bezahlt.

Laut DPD-Sprecher könnte es sein, dass Zusteller wie Chui am 24. nachmittags noch bei Kunden klingeln und die letzten Geschenke abgeben. Dann hätten aber auch sie frei. Sie seien schließlich „auch Menschen und wollen Weihnachten feiern“.

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