Pagenaud schäumt nach Newgardens Wahnsinnsmanöver

Josef Newgarden brachte Simon Pagenaud im Gateway-Oval auf die Palme


Ein deutlicheres Statement im Titelkampf konnte es nicht geben: Josef Newgarden überrumpelte beim IndyCar-Rennen im Gateway Motorsports Park seinen Teamkollegen Simon Pagenaud auf härteste Weise. Ein Manöver, das sich Pagenaud zwar selbst zuzuschreiben hat, da er auf der Innenbahn eine Lücke ließ. Doch mit Vorbande den eigenen Teamkollegen und amtierenden Meister in der Schlussphase dermaßen zu übertölpeln, hat bei Penske einen Stallkrieg entzündet, der schon länger loderte.

Es war der Schlussspurt des Rennens in Madison: Pagenaud war gerade beim Boxenstopp in Führung gegangen. Newgarden, der einen Großteil des Rennens geführt hatte, lag auf der zweiten Position und machte sofort nach dem Restart Druck. Auf der Start-/Zielgeraden blockte Pagenaud die Innenbahn ab, ließ aber gerade eine Fahrzeugbreite zur Boxenmauer Platz. Newgarden schoss in die Lücke, ging wieder ein bisschen nach außen, berührte dabei den Chevrolet seines Teamkollegen, schickte diesen weit nach außen und übernahm die Führung. Pagenaud verlor so viel Schwung, dass er bis hinter Scott Dixon auf Rang drei zurückfiel.

Der Newcomer hatte im Penske-Team mit seinen bärenstarken Leistungen bereits für einiges an Wirbel gesorgt. Schließlich ließ er schon mehrmals in der Saison die Meister Pagenaud und Will Power wie auch Penske-Urgestein Helio Castroneves einige Male alt aussehen. Dass er aber immer stärker wird, je länger die Saison dauert, geht den Altmeistern im Team schon seit einiger Zeit gegen den Strich. Ein Generationswechsel zeichnet sich ab. Das knallharte Überholmanöver hat nun das Pulverfass entzündet. Pagenaud ist mehr als angefressen.

Pagenaud verliert jeden Respekt

Der Franzose schäumt: "Ich denke, wenn das nicht ich gewesen wäre, wäre er mit dem anderen gemeinsam in der Mauer gelandet. Ich bin froh, dass wir nicht diesen Typen (zeigt auf Scott Dixon; Anm. d. Red.) haben gewinnen lassen." Auf die Frage, ob er das Vertrauen in Newgarden verloren habe, antwortet der 33-Jährige: "Absolut. Und den Respekt gleich mit, denn er scheint auch keinen vor mit zu haben."

"Ich habe niemals gesehen, dass ein Scott Dixon so ein Manöver jemals in seiner Karriere gegen einen Teamkollegen gefahren hätte", poltert der amtierende Meister weiter. "Deshalb habe ich vor ihm einen Höllenrespekt. Er ist viermaliger Meister. Bei ihm weiß man, dass man vernünftig Rennen fahren kann. Teamkollegen müssen zusammenarbeiten. Aber wenn wir schlecht zusammenarbeiten, gewinnt er (Dixon) das Rennen. Das wäre die Mutter aller Enttäuschungen." Er kündigt an, dass er nicht direkt mit Newgarden über den Vorfall sprechen will, aber dass es teamintern eine Lösung geben müsse.

IndyCar ließ das Manöver gar nicht erst untersuchen. "Das überrascht mich nicht, weil es keinen Unfall gegeben hat", entgegnet Pagenaud. "Es geht mehr um eine ungeschriebene Regel. Wie sehr man sich gegenseitig respektiert. Wir reden hier nicht über einen Rundkurs. Dort wäre es ein hervorragendes Überholmanöver gewesen. Aber hier reden wir über ein Manöver bei 320 km/h auf einem Oval, das ist etwas völlig anderes. Auf Ovalen wird es brandgefährlich, wenn man einen Unfall hat."

Newgarden provoziert: Mache so weiter

Natürlich sieht Newgarden die Sache etwas anders. "Simon hat mir eine Linie gegeben, mit der ich etwas anfangen konnte", zuckt er mit den Schultern. "Ich hatte einen guten Windschatten, bin innen in die Lücke gestochen und war auf mehr als der Hälfte neben ihm." Dass er ihm dann in die Seite fuhr, lag an der Natur der Strecke: Die Gerade verjüngt sich vor Kurve 1. "Ich wollte ihn nicht zu hart berühren", so der US-Amerikaner. "Wäre ich weiter links geblieben, hätte mich der Randstein ausgehebelt und wir wären beide abgeflogen."

Ob es angesichts der Dixon-Gefahr im Titelkampf Entspannung gibt? Schwer vorstellbar, zumal Newgarden sogar noch weiter provoziert: "Ich werde mich ihm gegenüber nicht ändern. Er weiß, dass wir Rennen fahren und dass wir auch in Zukunft so Rennen fahren werden. Das ist doch nicht das erste Mal, dass wir gegeneinander fahren. Ich hoffe, dass er mir nächstes Mal etwas mehr Raum lässt." Zum Glück für ihn war Pagenaud zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr im Raum.

"Ich war überrascht, dass er mir die Linie überlassen hat", so der 26-Jährige weiter. "Wenn man mir eine Lücke lässt, dann nehme ich sie mir. Vor allem, wenn wir die meisten Runden geführt haben und der Platztausch nur durch einen Boxenstopp (unter gelb; Anm. d. Red.) zustande gekommen ist. Er sollte wissen, dass ich mir dann den Platz zurückholen will. Und wenn man sich ansieht, wie er sein Auto positioniert, hat er es definitiv erwartet. Ich wäre überrascht, wenn er die Kurve so anfahren würde, ohne eine Attacke von mir zu erwarten."

Scott Dixon - auf die Äußerungen von Pagenaud bezüglich seiner Ganassi-Zeit angesprochen, als er sich mit Kalibern wie Dario Franchitti und Dan Wheldon herumschlagen musste - fügt hinzu: "Es waren schon einige harte Jahre dabei. Dario und ich hatten einige echt haarige Situationen. Aber wir haben es nie zu bunt getrieben." Mit freundlichen Grüßen in Richtung Penske. Der Neuseeländer ist als einziger Nicht-Penske-Pilot im Meisterschaftskampf. Aus diesem Grunde kommt ihm der jetzt offen ausgebrochene Machtkampf im gegnerischen Team äußerst gelegen. Newgarden führt jetzt mit 31 Punkten Vorsprung vor Dixon bei noch zwei ausstehenden Rennen.

© Motorsport-Total.com