Die packende Geschichte von Sandor Kocsis: Volksheld, Flucht und Tragik

An einem heißen Julitag im Jahr 1979 prallte ein Körper auf den glühenden Asphalt vor dem Hospital Quironsalud in Barcelona, westlich des Parque Güell. Ein Mann war auf dem Boden aufgeprallt und durch den vier Stockwerke tiefen Fall sofort tot. Wenig später die Gewissheit: der Tote war Sandor Kocsis, einer der größten Stürmer aller Zeiten. Torjäger des tragischen ungarischen Wunderteams von 1954. Drei Monate vor seinem 50. Geburtstag starb Kocsis schwerkrank und fernab seiner Heimat. 

Geboren wurde Kocsis am 21. September 1929 in Budapest. Seine Eltern waren deutscher Abstammung und Kocsis wurde als Alexander Wagner geboren. Durch die Magyarisierung des Königreichs Ungarn, also das Angleichen der Nicht-Magyaren an die magyarische Bevölkerung, kam er zu dem Namen, mit dem er Fußball-Geschichte schrieb. 

Kindheit auf der Straße

Er wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen in der Metropole Budapest auf. Es war eine harte Zeit für die einst so stolze Stadt, in der 1896 die erste U-Bahn Europas eröffnet wurde. Im 1. Weltkrieg aber musste die Industrie der Hauptstadt schwere Schläge erleiden, Kocsis' Kindheit war geprägt von Lebensmittelknappheit und: vom Fußball. 

Denn die Kinder der Arbeiter trieben sich zwischen verlassenen Fabrikgebäuden und in den engen Gassen herum und fanden Gefallen am Herumkicken provisorisch aus Lumpen, Lederresten und anderen Materialien hergestellter Bälle. Später war Kocsis vor dem Tor auch deshalb so ein Improvisationskünstler, der den Ball aus allen Lagen im Tor unterbrachte, weil er in seiner Kindheit gewohnt war, auf unebenem Untergrund mit Bällen zu spielen, die nie ganz rund waren. 

Aufstieg zum besten Stürmer Ungarns

Er trat mit einem Freund dem Verein Kobanyai TC bei, wo er, nun mit richtigen Bällen, so viele Tore schoss, dass er bald im Stadtviertel bekannt war und Talentsichter von Ferencvaros TC anlockte, dem großen ungarischen Klub, bei dem so viele große ungarische Spieler ihre Anfänge erlebten. Kocsis schoss Tore am Fließband, auch während des 2. Weltkriegs, in dem Ungarn an Deutschlands Seite kämpfte, wurde der Spielbetrieb nicht eingestellt, sodass der heranwachsende Kocsis bei Kriegsende bester Gesundheit war. Im Februar 1945 übernahm die Sowjetunion die Kontrolle in der Hauptstadt und Kocsis nahm das Angebot aus dem Ferencvaros-Lager an. 

Dort erzielte er nach Anfangsproblemen 63 Tore in 60 Spielen. Er war einer der besten Stürmer des Landes, was ihn in den Fokus von Honved Budapest rückte. Der Klub aus dem Stadtteil Kispest wurde vom Verteidigungsministerium zum Armeeklub gemacht. Das Ziel: eine der besten Mannschaften Europas zu werden und so den Kommunismus in die Welt zu tragen und seine Überlegenheit zu demonstrieren. 

Sandor Kocsis

Armeeklub Honved wird zur Macht

Die mit Legende Ferenc Puskas und Jozsef Bozsik ohnehin schon herausragend bestückte Mannschaft wurde subventioniert, wo es nur ging - und mit den besten Spielern des Landes verstärkt. Gusztav Sebes, Nationaltrainer und stellvertretender Verteidigungsminister in Personalunion, übernahm die Geschicke und baute auf das Geheiß von Trainer-Pionier Bela Guttmann eine taktisch und individuell herausragende Mannschaft. 

Stars wie Zoltan Czibor, Laszlo Budai, Gyula Lorant, Gyula Grosics und eben auch Kocsis wurden allesamt quasi zwangseingezogen und verstärkten das Mannschaftsgerüst um Puskas. Die Idee Sebes' war so simpel wie einleuchtend: Wie es in Österreich oder Italien gang und gäbe war, sollten auch in Ungarn die besten Spieler in Verein und Nationalteam zusammen spielen und so eingespielter sein als die Konkurrenz. Die sportlichen Konglomerate der Sowjetunion und ihr Erfolg beruhten später auf ebendiesem Prinzip. 

Und Sebes' Idee ging auf: Honved wurde auf Anhieb zweimal Meister, wiederholte das 1952 und 1954. 24, 30, 36 Tore lautete Kocsis' Bilanz in den ersten drei Jahren Honved. Das Konzept ging nicht nur sportlich, sondern auch politisch auf. Denn das ungarische Volk, das sich stets gegen das sowjetische Regime stellte, liebte das Fußballteam trotzdem. Puskas, Grosics und Kocsis ware die Helden der frühen Fünfziger. 

Eigentlich hätte Kocsis gar nicht bleiben dürfen

Kocsis nannten sie Goldköpfchen, wegen seiner blonden Haare und seiner Kopfballstärke, die ein Teil seines beeindruckenden Repertoires war. Er hatte einen Instinkt, wie man ihn nicht lernen kann, war beidfüßig, pfeilschnell, handlungsschnell, technisch begabt und hatte bei all den Vollbluttorjäger-Qualitäten auch noch stets das Auge für den Nebenmann. In der bisherigen Fußball-Geschichte gab es kaum einen kompletteren Stürmer.

Dabei sah die Politik Josef Stalins gar nicht vor, dass Puskas und Kocsis bleiben durften. Denn beide waren Ungarndeutsche mit magyarisierten Namen. Die Hälfte der Ungarndeutschen wurde unter Stalin ausgewiesen, die andere Hälfte wurde staatenlos. Hohe Ämter wurden nicht an Ungarndeutsche vergeben und Diskriminierung stand an der Tagesordnung. Puskas und Kocsis half, dass sie so herausragende Fußballer waren. So waren sie unabdingbar für den sportlichen Erfolg, den Stalin ähnlich wie Hitler politisch nutzen wollte. 

Puskas, Kocsis, Hidegkuti: Kongeniales Trio

Bereits 1948 hatte Kocsis in der ungarischen Nationalmannschaft debütiert, in den Fünfzigern war Ungarn eine eingespielte Elf, die von Sebes taktisch hervorragend weiterentwickelt wurde. Der Trainer adaptierte das von seinem Landsmann aus der Not geborene System mit einem hängenden Mittelstürmer und installierte einen Mann namens Nando Hidegkuti als Falsche Neun - ein Schachzug, der voll aufging. Mit 23 wurde Kocsis Olympiasieger, er war die Speerspitze einer überragenden und heute legendären Offensive.

Puskas als linker Mittelstürmer, Kocsis als rechter und Hidegkuti als hängende Spitze und Mixtur aus Spielmacher und Angreifer bildeten ein kongeniales Trio, das nicht nur das Beste der damaligen Zeit war, sondern stilprägend für spätere Taktiker wie Cruyff oder Guardiola war. Denn die ungarische Offensive war ein Vorreiter des Totalen Fußballs, der später in die Geschichte einging. 

Sandor Kocsis

Wembley-Demonstration und Bern-Schock

1953 schlug Ungarn in Wembley England mit 6:3. Es war der erste Sieg einer Mannschaft außerhalb der britischen Inseln und weit mehr als das: Ungarn hatte die stolzen Engländer an die Wand gespielt, gedemütigt. 35:5 Torschüsse standen am Ende in der Statistik. Es war der Beginn des Wunderteams, der Aranycsapat, der Goldenen. Auf der Rückreise wurden sie überall gefeiert, in Paris auf rauschende Feste eingeladen.  

In der Heimat herrschte Aufbruchstimmung. Im Jahr des Todes von Stalin hoffte man auf Besserung, auf Veränderung. Die Nationalmannschaft fungierte in gewisser Weise als Kitt zwischen dem Regime und dem Volk. Als Kocsis und Co. zur WM in die Schweiz fuhren, erhoffte man sich Großes von diesem so furios spielenden ungarischen Team. Der Rest der Geschichte ist hinlänglich bekannt: Ungarn spielte großen Fußball, schlug Deutschland mit 7:3, zog ins Finale in Bern ein. Dort feierte Deutschland sein Wunder, Ungarn kehrte geschockt zurück.

Trauma trotz Torschützenkönig-Titel

Und das trotz der elf Tore von Kocsis, mit denen er überlegen Torschützenkönig geworden war. Obwohl er nie wieder an einer WM teilnahm, ist er noch immer Sechster der ewigen WM-Torschützenliste. Am Ende seiner Nationalmannschaftskarriere hatte er 75 Tore in 68 Spielen erzielt – eine herausragende Statistik in der Kategorie eines Gerd Müller und Eintrittskarte in den Kreis der ganz großen Stürmer.

Und dennoch markierte das Trauma von Bern, zugefügt von Sepp Herberger und Horst Eckel, der Hidegkuti manndeckte, einen Wendepunkt. Der Mannschaftsbus wurde bei der Rückfahrt in der Schweiz aus Angst vor Attacken umgeleitet, der Sohn von Trainer Sebes in der Schule verprügelt, der große Puskas ausgebuht. Und auch das Regime griff durch, verhaftete etwa Torhüter Grosics später wegen Landesverrat.

Flucht zum FC Barcelona

Als sich 1956 die Volkswut im ungarischen Aufstand entlud, flohen viele Stars ins Ausland. Vor der Gewalt, vor dem Regime und vor der Vergangenheit. Puskas heuerte bei Real Madrid an, Czibor gemeinsam mit Kocsis beim FC Barcelona. Laszlo Kubala hatte das Duo überredet, nach Katalonien zu kommen.

In Spanien erzielte Kocsis 42 Tore in 75 Spielen, war noch immer das Goldköpfchen, das für Ungarn so brilliert hatte. Und dennoch: Er wurde alt, müde, dachte immer öfter an den Ruhestand. 1965 beendete er dann seine Karriere und eröffnete das Restaurant "Tete d'Or" in Barcelona, "Goldkopf". Er arbeitete kurz als Trainer, genoss das Leben in der Sonne, als 1975 die Diagnose Leukämie das Glück jäh beendete.

Vier Stockwerke in den Tod

Wenig später kam Magenkrebs dazu, Kocsis war schwer krank. Ihm musste der linke Fuß amputiert werden, die vielen Operationen brauchten sein gesamtes Vermögen auf. Im Jahr 1975 war der einstige Superstar, die Ikone, ein gebrochener Mann. Verarmt, verkrüppelt, verzweifelt.

Am 22. Juli starb er durch den harten Aufprall auf dem glühenden Asphalt vor dem Hospital Quironsalud in Barcelona, westlich des Parque Güell. Bis heute ist ungeklärt, ob es ein tragischer Unfall oder der Suizid eines Mannes, der keinen Ausweg mehr sah, war.