Özils Rücktritt ist kein sportlicher Verlust für die Nationalmannschaft

Der Rücktritt von Mesut Özil bewegt sich aktuell fernab der sportlichen Ebene. Doch spätestens im September wird sich Bundestrainer Joachim Löw vor der Frage sehen, wie er den Offensivspieler vom FC Arsenal ersetzen soll. 

Holten den vierten Stern für Deutschland: Joachim Löw und Mesut Özil. (Bild: Getty Images)

Am 6. September startet die Nations League für das DFB-Team gegen Weltmeister Frankreich. Nach aktuellem Stand wird Mesut Özil nicht zur Verfügung stehen. Der 29-Jährige erklärte nach rassistischen Anfeindungen seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

Während das in Deutschland die anhaltende politische Debatte weiter befeuert hat, stellt sich aus rein sportlicher Sicht die Frage, wie groß der Verlust Özils für Bundestrainer Joachim Löw und das deutsche Team ist.

Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen”, polterte Bayern-Präsident Uli Hoeneß am Montagmorgen. Nun ist das DFB-Team allerdings 2014 Weltmeister geworden – mit insgesamt 654 Einsatzminuten von Özil.

Özil war die deutsche Kreativzentrale

Löw galt schon immer als Verfechter des Spielmachers. Özil war bei der WM 2014 in Brasilien so etwas wie die Kreativzentrale der deutschen Mannschaft. Er konnte aus simplem Ballbesitz Chancen kreieren und gegnerische Abwehrreihen mit einem Pass aushebeln.

Zweikämpfe gewinnen, das weiß auch Hoeneß, war damals nicht seine Aufgabe. Das war es auch 2018 nicht – und das dürfte sicherlich einer der Gründe für das frühe Scheitern der deutschen Nationalmannschaft gewesen sein.

Die WM in Russland hat gezeigt, dass kein Spieler sich mehr von defensiver Arbeit freimachen darf. Bei Frankreich verteidigte selbst Mittelstürmer Olivier Giroud wenige Meter vor dem Strafraum aktiv mit und klärte im Finale gleich zweimal im eigenen Strafraum. Anzahl von Girouds Torschüssen in sieben Spielen: 0!

Zwei Turniere wären noch möglich gewesen

Nun war Özil allerdings nicht alleine für das Ausscheiden verantwortlich. Er war höchstens ein Teil der schwachen defensiven Umschaltbewegung beim Titelverteidiger, konnte aber offensiv doch wichtige Beiträge leisten.

Wie sehr wird der 29-Jährige dem DFB-Team damit in den nächsten Partien fehlen? Mindestens ein, wenn nicht zwei Turniere hätte er sicherlich noch spielen können. Doch hätte Löw weiterhin auf Özil gesetzt? Das scheint zumindest fraglich.

Die deutsche Mannschaft muss nach dem WM-Aus neue Wege gehen und sich den Trends anpassen. Löw hat sich darin schon des Öfteren bewiesen. Die Abkehr von seinem bisherigen Stil scheint unabdinglich – und das hätte wohl auch gegen Özil gesprochen.

Spielertyp Özil ist überholt worden

Wenn die Defensive, schnelle Umschaltaktionen und Standards wirklich die Zukunft des Fußballs sind, wird sich ein Spieler wie Özil immer schwerer tun. Er ist zu einseitig und zu sehr davon abhängig, wie das eigene Team auftritt.

Moderne Fußballer müssen inzwischen Bälle gewinnen, verarbeiten, nach vorne treiben und im Zweifelsfall auch selbst abschließen müssen. Die Verteidiger werden technisch immer stärker, die Offensivspieler immer lauffreudiger gegen den Ball.

Özil wirkt da ein wenig wie die Ausnahme von der Regel. Bisher hat das geklappt, die Frage nach seinem sportlichen Wert in der Nationalmannschaft muss aber genauso erlaubt sein wie die für den FC Arsenal unter Unai Emery.

Der Abgang von Özil ist vor allem eine Chance 

Emery ist ein Verfechter von offensivem Fußball, verlangt von seinen Spielern aber auch eine enorme Laufbereitschaft und kompromissloses Nachsetzen nach Ballverlust. Wenn in solchen Szenen nur einer nicht funktioniert, bricht das ganze Team zusammen.

Somit steht Özil vor einer schweren Aufgabe im Verein, er wird seine Spielweise anpassen müssen. Das hätte ihm entgegenkommen können für die Aufgaben im DFB. Dass er dorthin aber nicht mehr zurückkehren will, ist auch für Löw ein Zeichen, weiterzuziehen.

Auch wenn sich Özil die Möglichkeit der Rückkehr offen ließ, wird er wohl nicht mehr berufen werden. Sportlich wäre er ohnehin nur ein Verlust für das DFB-Team gewesen, das bei der WM 2018 gescheitert ist. Sein Rücktritt ist auch die Chance für einen gewinnbringenden und überfälligen Umbau.