„Ein Angriff auf das Herz der Marke Opel“

Immerzu Verluste. Seit fast 20 Jahren schreibt der Autobauer Opel rote Zahlen. Neun Vorstandschefs waren nicht in der Lage, daran etwas zu ändern. Mit Michael Lohscheller versucht nun der zehnte Manager, den Turnaround bei dem Rüsselsheimer Traditionsunternehmen einzuleiten.

„Jetzt wird es einmal richtig gemacht“, erklärte Lohscheller vor einigen Wochen. Und tatsächlich hat der begeisterte Marathonläufer bereits einiges erreicht, um die Fixkosten bei Opel zu senken. Der 49-Jährige einigte sich mit den Arbeitnehmern auf ein Sanierungsprogramm; 3700 Beschäftigte von insgesamt 18.000 werden den Konzern verlassen.

Die drei Werke in Kaiserslautern, Eisenach und am Stammsitz in Rüsselsheim erhalten Schritt für Schritt die beiden Plattformen des französchen Konzerns PSA (Peugeot, Citroën), zu dem Opel seit etwa einem Jahr gehört. Das spart Geld.

Zum Vergleich: Unter dem Dach der Ex-Opel-Mutter General Motors (GM) operierte die Marke mit dem Blitz noch mit neun Plattformen. Auf Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen will Lohscheller dennoch verzichten. Geplant ist eine maßvolle Sanierung. Doch kann das wirklich gelingen bei einem Konzern, der chronisch defizitär wirtschaftet? Die Antwort lautet: nein.

Lohscheller und das PSA-Management planen notgedrungen deutlich radikalere Schritte. Demnach erwägt Opel, große Teile des Forschungs- und Entwicklungszentrums (ITEZ) zu veräußern. Konkret geht es um die Verwertung der Antriebssparte, der Fahrzeugentwicklung, des Werkzeugbaus und der Teststrecke. Am ITEZ in Rüsselsheim arbeiten fast 8000 Ingenieure. Opel scheint aber für nur noch etwa die Hälfte von ihnen eine längerfristige Verwendung zu sehen.


Das Handelsblatt hatte bereits Ende Mai über derartige Pläne berichtet. Allerdings gab es damals noch keine ernsthaften Interessenten. Das ist nun anders. Wie die französische Zeitung „Le Monde“ berichtet, wurden die Kernsparten der Opel-Entwicklung mehreren Ingenieurbüros zum Kauf angeboten, darunter den französischen Konzernen Altran, Akka, Segula und der deutschen Firma Bertrandt. Mit Altran soll sich PSA bereits in fortgeschrittenen Verhandlungen befinden.

Der Opel-Betriebsrat reagierte scharf auf die Überlegungen des Managements. „Unsere Haltung dazu ist klar: Ein (Aus-)Verkauf der Opel-Entwicklung würde Opel die Zukunft nehmen“, heißt es in einem internen Rundschreiben an die Beschäftigten. Einen solchen „Angriff auf das Herz der Marke Opel“ würden die Arbeitnehmer „nicht kampflos hinnehmen“.

Jörg Köhlinger, Bezirksleiter der IG Metall Mitte, erklärte, man sei von der Meldung „völlig überrascht“ worden. PSA und Opel hätten das Vertrauen der Beschäftigten, des Betriebsrates und der IG Metall eindeutig gebrochen. „Wir werden uns mit allen Mitteln dafür einsetzen, dass Opel nicht zur verlängerten Werkbank wird. Und wir werden uns dafür einsetzen, dass die deutsche Mitbestimmung künftig auch vom PSA-Management respektiert wird.“

Der Betriebsrat verlangt vom Management Aufklärung und beruft für Donnerstag kurzfristig eine Betriebsversammlung ein. Dezidiert eingeladen: Opel-Chef Lohscheller. Doch der winkt dankend ab. „Herr Lohscheller wird nicht vor Ort sein“, bestätigte ein Konzernsprecher. Hintergrund ist, dass es noch keine Entscheidung zum Verkauf von Sparten gibt. In Rüsselsheim wird betont, dass man die Beschäftigung am Standort sichern wolle.
Opel entwickelt sich zunehmend zu einer „PSA-Verkaufsabteilung“


„Wir wissen jedoch, dass die Auftragsvolumen von GM in den kommenden Jahren drastisch abnehmen werden“, erklärte Lohscheller in einem schriftlichen Statement. „Deshalb prüfen wir unterschiedliche Optionen, wie eine nachhaltige und erfolgreiche Aufstellung im ITEZ erreicht werden kann.“ Bei PSA in Paris versichert man zudem, Rüsselsheim werde weiterhin Motoren für Opel und Vauxhall entwickeln. Die Zusage, dass das Entwicklungszentrum 15 technologische Kompetenzen für die PSA-Gruppe erhalte, darunter die Erforschung der Brennstoffzelle, gelte weiterhin. Doch habe Opel sehr viel für General Motors gearbeitet, diese Aufträge entfielen aber bald vollständig.
Wie hoch die Auslastung des Zentrums dann noch sein wird, sagt man in Paris nicht. Doch könne der Wert von 55 Prozent ungefähr zutreffen. „Deshalb stand bereits im Rahmenabkommen vom Dezember, dass bestimmte Aktivitäten als Partnerschaften fortgeführt werden könnten“, heißt es in der französischen Hauptstadt. Es gebe reges Interesse seitens verschiedener Ingenieurbüros.
Die Verkaufsüberlegungen machen deutlich, welche Rolle PSA für Opel im Konzernverbund künftig vorsieht. „In zehn Jahren wird man keinen Unterschied mehr machen, was vom Opel- oder vom früheren PSA-Entwicklungsteam entwickelt wurde“, hatte PSA-Chef Carlos Tavares bereits vielsagend vor einem Jahr erklärt.


Für Ferdinand Dudenhöffer ist klar: „Opel entwickelt sich zu einer PSA-Verkaufsabteilung.“ Der Leiter des Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen geht zwar davon aus, dass die Rüsselsheimer dadurch tatsächlich in die Gewinnzone geführt werden können. Aber das habe einen sehr hohen Preis. Denn der Wert der Marke Opel stecke letztlich in seinen mehr als 1,2 Millionen Kunden. Und das Risiko nehme zu, dass die Kundschaft verstärkt zur Konkurrenz abwandert, wenn hinter der Marke Opel keine deutsche Ingenieurskunst mehr stecke.
Schon jetzt befindet sich der Marktanteil der Rüsselsheimer auf einem Allzeittief. Nur noch 5,4 Prozent aller neu zugelassenen Autos in Europa sind Opel-Modelle. So schlecht stand der Konzern noch nie da. Schlimmer noch: In Deutschland ist der Marktanteil von Opel zuletzt auf den schlechtesten Wert seit den 50er-Jahren abgesackt. Nur noch etwas mehr als sechs Prozent der neu zugelassenen Pkw hierzulande sind Opel-Fahrzeuge.
Zum Vergleich: Mitte der 1990er-Jahre war der Marktanteil der Firma noch weit mehr als doppelt so hoch. Doch an diese Erfolge kann Opel schon lange nicht mehr anknüpfen. Um beim Absatz nicht noch weiter ins Hintertreffen zu geraten, gewährt Opel zudem weiterhin hohe Rabatte, während viele andere Autohersteller ihre Ausgaben zur Verkaufsförderung runterschrauben. Opel bleibt damit vorerst, was das Unternehmen schon seit 20 Jahren ist: ein Sanierungsfall.