Opec kämpft gegen Windmühlen


Die Disziplin in der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) und bei deren zehn Partnern ist ein Problem. Deshalb hat das aus 14 Ländern bestehende Öl-Kartell zu einer zweitätigen Konferenz nach Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, geladen. Unter dem Vorsitz von Kuwait und Russland suchen die Ölländern gemeinsam nach einem Ausweg aus der Überproduktion.

Laut einer Umfrage von Thomson Reuters hat die Opec im Juli über 26 Millionen Barrel (je 159 Liter) Öl täglich produziert – obwohl Saudi-Arabien, Kuwait und Katar ihre Förderung um annähernd 400.000 Fass verringert haben. Im Juli lag die Umsetzung der von der Opec und Russland beschlossen Produktionskürzung bei gerade einmal 84 Prozent. Vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate und das Bürgerkriegsland Irak haben laut Commerzbank nur 30 Prozent der vereinbarten Kürzungen realisiert. Sie sitzen bei dem Treffen in Abu Dhabi heute und morgen quasi auf der Anklagebank. Zuvor hatten bereits das Opec-Mitglied Ecuador und das Nicht-Opec-Mitglied Kasachstan mitgeteilt, bei der Förderkürzungen nicht mehr mitmachen zu wollen.


Eigentlich müsste die Produktion der Opec und Nicht-Opec-Länder längst deutlich nach unten zeigen. Noch im Mai hatten der saudi-arabische Energie- und Industrieminister und Opec-Präsident Khalid Al-Falih und der russische Energieminister Alexander Nowak in Wien voller Stolz die Verlängerung der Förderkürzung bis nächstes Jahr präsentiert. Seitdem verzichtet die Opec auf 1,2 Millionen Barrel ihrer täglichen Produktion, zehn weitere Nicht-Opec-Staaten, darunter Russland, machen bei dem gemeinsam ausgemachten Abkommen mit und fördern noch einmal 600.000 Barrel weniger. Soweit die Theorie.


„Das Abkommen zwischen Opec und Russland ist langfristig völlig kontraproduktiv“, warnt Eugen Weinberg, Ölexperte der Commerzbank in Frankfurt. Am Markt wachsen die Zweifel, ob es der Opec gelingen wird, das Überangebot bis Ende dieses Jahres wie versprochen abzubauen. „Wir erwarten eine geringere Disziplin, das niedrige Produktionsniveau zu halten“, sagte Agnes Horvath, Chefökonomin des ungarischen Ölkonzerns Mol, dem Handelsblatt. Zurzeit reagiere der Markt sehr empfindlich auf jede Nachricht. „In diesem fragilen Umfeld würde ein abnehmendes Niveau der Gemeinsamkeit negative Wirkungen auf die Preise haben - und was noch viel wichtiger ist, auf eine glaubhafte Strategie der Opec“, sagte Horvath.


Druck auf die Opec steigt


Auch die Energieexperten der Commerzbank warnen. „Wir hören nur große Worte“, sagte Analyst Weinberg. Der Opec werde es nicht gelingen, das Überangebot wie von ihr angestrebt bis zum Jahresende vollständig abzubauen. Ohnehin müssen sich längst nicht alle Opec-Länder an die beschlossene Produktionskürzung halten. Ein Beispiel ist neben Nigeria und dem Krisenland Venezuela das nordafrikanische Bürgerkriegsland Libyen.

Der einflussreiche Chef des staatlichen Öl- und Gaskonzerns NOC, Mustafa Sanalla, prognostizierte für August bereits eine Produktion von einer Million Barrel täglich. Das deckt sich mit den Erwartungen vieler Ölkonzerne. Zuletzt wurde über eine Produktion von 935.000 Fass pro Tag berichtet – ein Vierjahres-Hoch. Zum Vergleich: Zu Jahresende waren es noch 630.000 Fass. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen in Libyen tätige Ölkonzerne den Aufschwung bei der Ölproduktion. Offenbar ist das Verlangen aller beteiligten Bürgerkriegsparteien geringer geworden, Ölpipelines zu unterbrechen oder für den Ölexport wichtige Häfen zu beschädigen.


Der Druck auf die Opec und Russland, mehr Disziplin zu zeigen, steigt. Denn das Tandem, das trotz politischer Interessenskonflikte zusammenhält, steht in einem Duell mit den Ölschieferland USA. Zusammen mit anderen Ölschieferländern wie Kanada oder Brasilien könnten sie mit einer höheren Förderung die Kürzungen schnell wettmachen. „Wir erwarten eine US-Ölproduktion von zehn Millionen Barrel“, sagte Commerzbank-Rohstoffanalyst Eugen Weinberg. Am Dienstag wird das US-Energieministerium die aktuelle Prognose bekannt geben.

Marktteilnehmer machen bereits eine Zeitenwende auf dem globalen Ölmarkt aus. „Es gibt definitiv eine Überversorgungen auf dem Ölmarkt. Aus unserer Sicht ist das offenbar nicht mehr unbedingt ein vorübergehendes Problem, sondern vielmehr ein fundamentaler Wechsel”, resümiert Mol-Chefökonomin Horvath. „Das ist auch der Grund, weshalb die Überversorgung trotz aller Anstrengungen nicht besser reduziert werden konnte. Bis 2018 rechnet der Konzern, der vom ungarischen Staat kontrolliert wird, mit einem Preis zwischen 45 und 55 Dollar pro Barrel. „Diese Prognose setzt voraus, dass es keine politische Destabilisierung gibt und die Vereinbarung zwischen Opec und Russland weiterhin Bestand hat“, ergänzt Commerzbank-Ölexperte Weinberg. Der Preis für die Nordseesorte Brent ging um 1,3 Prozent auf 51,74 Dollar zurück. Die Sorte WTI notierte bei 48,74 Dollar.