Olympia: Russischer Dopingskandal weiter im Blickpunkt

Neue Anschuldigungen von Grigorij Rodtschenkow, weitere Sperren gegen russische Athleten - aber dennoch mehren sich die Stimmen gegen einen Komplettausschluss der Sport-Großmacht.

Neue Anschuldigungen von Grigorij Rodtschenkow, weitere Sperren gegen russische Athleten - aber dennoch mehren sich die Stimmen gegen einen Komplettausschluss der Sport-Großmacht.

Weniger als eine Woche vor der Entscheidung über einen Olympiastart Russlands schlägt der Dopingskandal weiter hohe Wellen. Zumal die gesperrten russischen Athleten sich weigern, ihre bei den Winterspielen in Sotschi gewonnenen Medaillen zurückzugeben.

Rodtschenkow erhöhte mit weiteren Enthüllungen dagegen den Druck vor der mit Spannung erwarteten Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am kommenden Dienstag.

In zwei eng und von Hand beschriebenen Tagebüchern, welche die New York Times exklusiv einsehen durfte, wird der ehemalige Sportminister und jetzige Vizepremier Witali Mutko zur zentralen Figur der Manipulationen bei den Spielen in Sotschi erklärt.

Laut Rodtschenkows Aufzeichnungen war Mutko bis ins Detail in das russische Doping- und Manipulationssystem eingeweiht. Dies wäre ein weiterer Beweis dafür, dass auch der russische Staat bis in höchste Kreise in den Skandal verwickelt war. Bisher hatte Russland jede staatliche Verwicklung abgestritten. Am Montag hatte die Oswald-Kommission des IOC Rodtschenkow als glaubwürdigen Zeugen eingestuft.

Rodtschenkow notierte kurz vor dem Beginn der Spiele in seinem Tagebuch, dass er Mutko eine Liste mit Dutzenden russischer Sportler überreicht habe, die einen eigens entwickelten Doping-Cocktail erhalten hatten und deren Urinproben während der Spiele gegen sauberen Urin auszutauschen seien.

Auch wegen der Aussagen Rodtschenkows sperrte das IOC am Mittwoch drei weitere Bobsportler lebenslang für Olympia. Darunter in dem Sotschi-Vierten Alexander Kasjanow auch einen der Hauptkonkurrenten der deutschen Bobfahrer im Kampf um Olympiamedaillen in Pyeongchang. Kasjanow hatte am vergangenen Wochenende den Weltcup in Whistler gewonnen. Die Zahl der vom IOC gesperrten russischen Athleten erhöht sich damit auf 22.

Der Bob- und Skeleton-Weltverband IBSF folgte anders als andere internationale Verbände bislang den Entscheidungen des IOC und verhängte gegen die betroffenen Sportler auch provisorische Suspendierungen für den Weltcup. Das galt am Mittwoch auch für Kasjanow und dessen Mitstreiter.

Mit heftiger Kritik reagierte der Anwalt des ebenfalls lebenslang für Olympia gesperrten russischen Skilangläufers Alexander Legkow, der in Sotschi Gold über 50 km gewonnen hatte. "Man hätte sich die Anhörungen ersparen können. Die Kommission hatte bereits ein Urteil, bevor wir die Tür zum Versammlungsraum öffneten", heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung des deutschen Anwalts Christof Wieschemann.

Kritik am Komplettausschluss

Ungeachtet der Sperren sprachen sich inzwischen der Eishockey-Weltverband IIHF, der Rodel-Weltverband FIL und der Curling-Weltverband WCF gegen einen Komplett-Ausschluss Russlands aus. IIHF-Präsident Rene Fasel bezeichnete die Kollektivstrafe als ungerecht. In dem Fall würde man "viele russische Athleten unfair bestrafen, die nichts mit Doping zu tun haben", sagte der Verbands-Boss. Josef Fendt, deutscher FIL-Präsident, bezeichnete es in der Sport Bild (Mittwochausgabe) als "unfair", wenn saubere Sportler kollektiv bestraft würden.

Auf ihre Medaillen müssen die durch die Sperre der Russen potenziell nachrückenden Sportler warten. Eine Rückgabe durch die russischen Athleten sei vor der Verhandlung der Einsprüche nicht denkbar, teilte das russische Sportministerium am Mittwoch mit.

"Der Bobverband und der Skilanglaufverband sind bereit, vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS zu ziehen", heißt es in der von der Nachrichtenagentur Interfax zitierten Mitteilung. Die Athleten hätten daher "keine Absicht, ihre Medaillen zurückzugeben." Die gesperrte Biathletin Jana Romanowa hatte am Dienstag erklärt, ihre Silbermedaille von Sotschi "eher in die Tonne zu werfen, als sie dem IOC zu geben."

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