Olympia 2020 "glatter Wahnsinn" - Bachs Zeitspiel spaltet Sportwelt

SPORT1, Sportinformationsdienst

Die Sportwelt ist gespalten, Thomas Bach sieht weiter "keine idealen Lösungen": Während der IOC-Präsident in der Diskussion um eine Absage der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio auf die Interessen zahlreicher Sportler hinwies, reichten die Reaktionen zu Bachs Haltung von Zustimmung und Unterstützung bis hin zu Ablehnung und Kritik. 

"Die Absage würde den Olympischen Traum von 11.000 Athleten aus 206 Nationalen Olympischen Komitees und dem IOC-Flüchtlingsteam zerstören. Eine solche Absage wäre die am wenigsten faire Lösung", sagte Bach dem SWR.


Geht es nach Virologe Alexander Kekule, ist der Fall klar. "Ich halte das für ausgeschlossen, dass wir in Tokio dieses Jahr die Olympischen Spiele austragen können", sagte der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Halle/Saale im Interview der ARD.

Kekule ist der Ansicht, dass die "ganz große Welle" an Infizierten im Olympia-Gastgeberland Japan noch bevorstehe, zudem sei ein Großereignis dieser Art ein möglicher Herd für eine weitere Verschlimmerung der Situation. "Es gibt für Viren quasi kein tolleres Fest als so eine Veranstaltung", verdeutlichte der Biochemiker die Lage.

Appell Norwegens - Bach: Absage verfrüht

Das Olympische und Paralympische Komitee sowie der Sportverband Norwegens appellierten in einem Brief an Bach, die Sommerspiele erst durchzuführen, wenn das Coronavirus weltweit unter Kontrolle sei. Es sei weder "gerechtfertigt noch wünschenswert, norwegische Athleten zu den Olympischen oder Paralympischen Spielen zu schicken, bevor die Weltgemeinschaft diese Pandemie hinter sich gelassen hat".

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hält bisher an der Austragung der Spiele (24. Juli bis 9. August) fest. Eine Verlegung oder gar eine Absage der Spiele sei für Bach "verfrüht".

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Die Norweger wiesen in ihrem Schreiben allerdings noch einmal darauf hin, dass "die Situation in vielen Teilen der Welt komplex, herausfordernd und gefährlich" sei. Daher sei man über die "Gesundheit und Sicherheit der Sportler besorgt".

Austragung unverantwortlich - soziale Verantwortung und Ungewissheit

Das gilt auch für Denise Schindler. Die Behindertensportlerin aus Cottbus sprach sich für eine Verlegung der Paralympischen Spiele (25. August bis 6. September) aus. "Es ist unverantwortlich, uns Sportler und Sportlerinnen lange hinzuhalten. Unter diesen Umständen können die Spiele kein Fest werden. Die soziale Verantwortung gegenüber der ganzen Welt gebietet eine Absage", sagte die Para-Radsportlerin der Zeitschrift Bunte.

Schwimm-Olympiasieger Michael Groß hat sich sogar in einem offenen Brief an Bach gewendet und eindringlich die Verschiebung der Sommerspiele in Tokio gefordert.

"Lieber Thomas, diesmal geht es darum, dass Du den Traum von Olympia für viele Athleten retten kannst - durch das Verschieben der Spiele auf 2021 oder 2022. JETZT, 2020 wäre eine Durchführung unfair!", schrieb Groß auf Facebook. Dazu postet er das Emoticon "zornig".

Sörgel: "Wettbewerb komplett verzerrt"

Abgesehen von den gesundheitlichen Bedenken, äußern sich weitere Stimmen gegen eine Austragung.

"Olympia kann nicht mehr stattfinden, weil der Wettbewerb komplett verzerrt ist. Man kann keinen Sportler vier Monate vor dem Wettbewerb im Unklaren lassen", sagte Doping-Experte Fritz Sörgel bei SPORT1: "Sportler bereiten sich auf den Tag pointiert vor. Das kann man Sportlern jetzt schon nicht mehr zumuten, dass sie sich ins Ungewisse hinein vorbereiten."


Dass überhaupt noch über die ursprüngliche Planung auf diesen Sommer diskutiert wird, findet Sörgel "unverantwortlich". Weil er dem IOC und Austragungsland Japan angesichts drohender Schadensersatzforderungen eine eigenständige Absage nicht zutraut, sieht er die WHO in der Verantwortung einzugreifen, dann wäre es ein Versicherungsfall.

Sörgel: Das wäre "glatter Wahnsinn"

Eine Austragung der Olympischen Spiele wäre für Sörgel "glatter Wahnsinn" in Zeiten von Social Distancing aufgrund des Coronavirus.

Schließen würden in Tokio viele Menschen aus aller Herren Länder zusammenkommen - nicht nur die Athleten, sondern unter anderem auch Kampfrichter, Helfer, Zuschauer und viele mehr.

"Da ist man schnell bei einer Million Leute. Sie kommen da hin, bringen den Virus mit, vermischen sich und wer ihn noch nicht hat, bekommt die Chance, ihn mit nach Hause nehmen zu dürfen", fürchtet Sörgel ein unüberschaubares Risiko.

Bach: Verlegung? Olympia ist kein Fußballspiel

Das brasilianische Nationale Olympische Komitee (COB) hat sich deshalb bereits für eine Verlegung in den Sommer 2021 ausgesprochen.

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"Olympische Spiele können Sie nicht verschieben wie ein Fußballspiel am nächsten Samstag. Das ist ein sehr komplexes Unternehmen, bei dem Sie nur dann verantwortlich handeln können, wenn sie verlässliche und klare Entscheidungsgrundlagen haben und die beobachten wir tagtäglich, 24 Stunden", hält Bach solchen Vorschlägen entgegen.

Doch immer mehr fordern eine sofortige Verschiebung - der US-Schwimmverband bat in einem Offenen Brief an das Olympische und Paralympische Komitees der USA (USPOC) eindringlich darum, sich für eine Verschiebung der Spiele stark zu machen. 

"Unsere Athleten stehen unter enormem Druck, Stress, und sie haben Angst. Ihre mentale Gesundheit und ihr Wohlergehen sollten aber höchste Priorität haben", heißt es in dem Schreiben, das von Verbandsboss Tim Hinchey unterzeichnet ist. Der US-Leichtathletikverband schloss sich am Samstag dieser Position an.

Afrika will mit den Spielen fortfahren

USPOC-Vorsitzende Susanne Lyons hält dagegen eine Entscheidung über die Absage der Spiele für verfrüht und im Moment nicht notwendig. Damit liegt sie auf IOC-Linie.


Unterstützung erhält der Ringeorden auch aus Afrika. "Alle afrikanischen Olympischen Komitees hatten eine Telefonkonferenz mit dem IOC-Präsidenten, um sich über die Situation zu informieren, und alle Mitglieder unterstützten den Antrag, mit den Spielen fortzufahren", sagte Abner Xoagub, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Namibia (NNOC).

Auch für Tony Estanguet, den Präsidenten des Organisationskomitees der Spiele 2024 in Paris, sei es "noch zu früh, zu entscheiden, ob die Olympischen Spiele verlegt werden sollten".

Deutsche Sportler prüfen Stellungnahme an DOSB

Die deutschen Spitzensportler prüfen derweil eine Stellungnahme an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

"Wir haben morgen eine Telefonkonferenz mit allen Athletenvertretern aus den verschiedenen Sportarten, wo es darum geht, ob wir als Athleten eine Empfehlung an den DOSB geben", sagte Hockey-Olympiasieger Martin Häner im SID-Interview am Samstag.

Der 31-Jährige, der auch als Assistenzarzt im Berliner Martin-Luther-Krankenhaus von der Corona-Pandemie betroffen ist, zeigt durchaus Verständnis für Bach und das IOC: "Wie man es auch macht, kann man glaube ich keine richtige Entscheidung treffen. Das gilt für das IOC, aber auch für die Empfehlungen des DOSB und für uns Athleten genauso".