So kam es zu Vettels Auferstehung

Stefan Schnürle
·Lesedauer: 5 Min.

Eine Eisbahn als Rennstrecke sowie ein fehlender Teamchef - und schon glänzt Ferrari.

Es spricht für sich, unter welchen Umständen die Scuderia das beste Saisonergebnis mit den Plätzen drei und vier beim Großen Preis der Türkei eingefahren hat.

Die Kritiker von Ferrari-Teamchef Mattia Binotto werden vermutlich vorschlagen, dass der Italiener in Zukunft häufiger an Renn-Wochenenden im Ferrari-Hauptquartier in Maranello arbeitet, statt an der Rennstrecke zu agieren.

Fakt ist, dass Sebastian Vettel auf einmal aufblühte und über das ganze Wochenende eine starke Leistung zeigte, die er mit dem sensationellen dritten Platz im Rennen krönte. (DATENCENTER: Die Fahrerwertung der Formel 1)

Binotto gratulierte anschließend aus der Heimat artig: "Ich freue mich sehr für Sebastian. Ich denke, ein Podium ist sehr wichtig für ihn."

Vettel nur hinter Schumacher und Hamilton

Mit dem Podestplatz konnte Vettel eine beeindruckende Serie am Laufenden halten. Es ist die 13. Saison in Folge, in der der viermalige Weltmeister mindestens einmal auf dem Podium stand. Öfter schafften es nur die Rekord-Weltmeister Michael Schumacher (15) und Lewis Hamilton (14).

Vettel wusste aber auch, dass dieser Podestplatz vor allem auch den Bedingungen geschuldet war. "Wir haben ein schwieriges Jahr, da tut eine solche Platzierung gut. Wir machen Fortschritte. Aber es ist klar – heute haben wir von den Verhältnissen profitiert", sagte der Deutsche.

Auch Leclerc, der Platz 3 in der letzten Runde an Vettel verlor, erwartet Podestplätze nicht als neuen Standard: "Wir hatten im Vergleich zum vergangenen Wochenende keine neuen Teile am Auto. Vermutlich sind wir mit den Bedingungen einfach besser zurechtgekommen als die anderen Autos."

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Für die Konstrukteurswertung wären weitere Ergebnisse wie in der Türkei wichtig, denn nach dem starken Abschnitt dort hat die Scuderia den Anschluss an Racing Point, McLaren und Renault gefunden. Bis zu Racing Point auf Rang 3 fehlen Ferrari 24 Punkte, Renault hat sogar nur noch sechs Zähler mehr.

Vettel hilft Racing Point - Duell mit Verstappen

Sofern Vettel vor allem McLaren sowie Renault Punkte wegschnappt und wie in Istanbul zumindest hinter einem Racing-Point-Fahrer ins Ziel kommt, tut er sich auch für 2021 einen Gefallen. Denn verteidigt Racing Point Rang 3, erhält das Team pünktlich zu Vettels Ankunft einen millionenschweren Bonus.

Bereits in der Anfangsphase des Rennens bewarb sich Vettel nach seinem Raketenstart, der ihn von Rang elf bis auf Platz drei vorspülte, für den Titel "Mitarbeiter des Jahres" bei Racing Point. Rundenlang trieb er Max Verstappen hinter sich zur Verzweiflung und sorgte dafür, dass sein zukünftiger Teamkollege Lance Stroll sowie Sergio Pérez sich vorne absetzen konnten.

Auch Vettel wusste, dass sein überragender Start "maßgeblich" war: "Ich habe mich in eine gute Position begeben können". Nachdem er Verstappen entnervte hatte, wiederholte er dieses Spiel kurz darauf mit dem nun siebenmaligen Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton.

Doch auch der spätere Rennsieger konnte Vettel in keinen Fehler treiben und funkte verärgert: "Ich komme einfach nicht vorbei. Ich verliere so viel Zeit." Ferrari tat Hamilton dann den Gefallen, holte Vettel zum Boxenstopp und verpatzte diesen auch noch.

Vettel ärgert sich: Sieg wäre möglich gewesen

Da Vettel danach seinen einzigen Fehler beging und laut eigener Aussage bei der abtrocknenden Strecke "zu konservativ" unterwegs war, fiel er zunächst hinter Leclerc zurück. Doch in der letzten Runde, die Vettel später mit "einfach wow" beschrieb, schob sich der Deutsche noch einmal an Teamkollege Leclerc vorbei.

Wie sehr Vettel noch immer für den Sport brennt, bewies der 33-Jährige nach dem Rennen. Statt sich nach der bisherigen Seuchensaison ausgiebig über den dritten Platz in letzter Sekunde zu freuen, ärgerte er sich sogar ein wenig.

Seiner Meinung nach wäre mindestens Platz zwei oder sogar der Sieg möglich gewesen. Für den zweiten Platz fehlte ihm nur eine Runde, da die Reifen von Pérez komplett hinüber waren. Zum möglichen Sieg fehlte ihm eine riskante Entscheidung, die er gegen den Willen seines Teams hätte treffen müssen.

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Vettel hatte bereits 20 Runden vor Rennende darüber nachgedacht, Slicks aufzuziehen, da "die Strecke konstant blieb und die Intermediates komplett abgefahren waren". Doch über Funk bekam er von Ferrari - wie andere Piloten auch - die Ansage, dass zum Schluss noch einmal Regen kommen würde.

Vettel folgte dem Rat, sagt hinterher aber auch: "Ich denke noch immer: Das hätten wir versuchen sollen. Damit hätte ich eine Chance auf den Sieg gehabt."

Formel-1-Fans wählen Vettel zum Fahrer des Tages

Zum Sieg reichte es zwar nicht - für die Formel-1-Fans war Vettel trotz der ebenfalls beeindruckenden Vorstellung von Hamilton dennoch der Fahrer des Tages. Zum zweiten Mal in dieser Saison wählten die Formel-1-Fans Vettel zum "Driver of the Day".

Aber nicht die Fans und Binotto lobten den Heppenheimer, auch Teamkollege Leclerc "freute sich, dass er (Vettel, Anm. d. Red.) auf der Strecke zeigen konnte, wozu er noch fähig ist". Auch Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko zeigte sich bei Sky begeistert über die Rückkehr des "alten Vettel".

Im Gegensetz zu seinen Kritikern hat Vettel laut eigener Aussage "nie daran gezweifelt, dass ich noch immer ein gutes Ergebnis einfahren kann". In den letzten drei Saisonrennen will er nun noch einmal "alles herausquetschen, um für sich und das Team noch so viel wie möglich herauszuholen".

Binotto will seinen Teil dazu beitragen und hat schon einmal angekündigt, auch bei den beiden Rennen in Bahrain nicht vor Ort zu sein. Nur auf die feuchten Bedingungen werden Vettel und Ferrari in Sachir sehr wahrscheinlich verzichten müssen.