Ohne Soloselbstständige geht es nicht

Sieben von zehn Unternehmen halten freie Mitarbeiter im IT-Bereich für unverzichtbar. Sie erledigen rund ein Fünftel der Arbeit, meldet der aktuelle Etengo-Freelancer-Index – Tendenz in Zukunft eher steigend.


Zwei Themen beschäftigen den aktuellen Sozialwahlkampf der linken Parteien, also von Linken, SPD und Grünen: prekäre Beschäftigte und Soloselbstständige samt ihrer angeblich unzureichenden sozialen Absicherung bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) verspricht eine bessere Absicherung für die Zukunft. Das betrifft das Verbot der sachgrundlosen Befristung ebenso wie eine Versicherungspflicht für Soloselbstständige in der Deutschen Rentenversicherung. Manchem Unionspolitiker wäre eine andere Lösung lieber: Alle Selbstständigen ohne eigene Angestellte würden von ihren Auftraggebern sozialversicherungspflichtig angestellt.

Dann wäre der soziale Schutz dieser Erwerbstätigengruppe gewährleistet, und nebenher wäre die Finanzierungsbasis der umlagefinanzierten Sozialversicherung gesichert. Denn diese droht unter Druck zu geraten, sollte das klassische Normal-Arbeitsverhältnis durch die Digitalisierung der Wirtschaft ausfransen – zugunsten von Freelancern.


Genau das könnte passieren. Es wäre aber trotzdem kein Beinbruch, meint Nikolas Reuter, Chief Executive Officer der Etengo Unternehmensgruppe. Der Personaldienstleister hat sich darauf spezialisiert, Freelancer im IT-Bereich passgenau an Unternehmen zu vermitteln. Seit Anfang 2016 veröffentlicht er außerdem einen Freelancer-Index, um die Entwicklung der Nachfrage nach Soloselbstständigen abzubilden. Befragt wird dabei jedes Halbjahr eine repräsentative Stichprobe von Unternehmen mit 500 und mehr Beschäftigten.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Zwar ist die Zahl der Unternehmen, die dem Einsatz von Freelancern bei IT-Projekten eine sehr große bis eher große Bedeutung beimisst, seit Februar 2016 von 83 Prozent auf 70 Prozent gesunken. Aber damit sind immer noch sieben von zehn Unternehmen der Meinung, dass sie im IT-Bereich nicht auf „Freiberufler“ verzichten können. Jedes zweite Unternehmen (51 Prozent) erwartet, dass Freiberufliche in den nächsten Monaten wieder an Bedeutung gewinnen werden. 53 Prozent glauben, dass der Anteil, den Freiberufler in ihren IT-Projekten übernehmen, eher weiter steigen wird. Aktuell wird im Durchschnitt ein Fünftel der Arbeiten von Freelancern erledigt. Für die kommenden sechs Monate wird erwartet, dass dieser Anteil auf 25 Prozent ansteigen wird.


Dabei wird es immer komplizierter, den passenden Soloselbstständigen zu finden: 25 Prozent der Unternehmen haben das Gefühl, auf dem Freelancer-Markt schwieriger die geeignete Fachkraft für Projekte zu finden. Im Durchschnitt braucht es vier Termine mit verschiedenen Kandidaten, bis der passende Soloselbstständige gefunden ist.

Oft scheitert der Arbeitseinsatz dann aber doch noch: Grund dafür sind die begrenzten Budgets der Unternehmen, denn IT-Freelancer sind teuer. Etengo zahlt seinen Leuten 84 Euro die Stunde. Die Etats vieler Unternehmen geben das am Ende nicht her. 66 Prozent der befragten Firmen geben an, dass sie mit Budgetproblemen zu kämpfen haben.

Deswegen ist es oft schwierig, den geeigneten Mann oder die geeignete Frau dann auch tatsächlich für den Job zu gewinnen, wobei Frauen auf dem Markt der soloselbstständigen IT-Fachleute bisher nur eine sehr kleine Rolle spielen. „Am Ende zieht der Bewerber dann doch eine Tür weiter, weil ihm dort eine bessere Bezahlung geboten wird“, weiß Reuter. 59 Prozent berichten hier von Schwierigkeiten.


„Scheinselbstständigkeit“

Neben der Personalfindung sind auch rechtliche Hürden ein wachsendes Problem. 57 Prozent der Unternehmen haben Angst, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, wenn sie einen Freelancer engagieren. Dieses Problem hat sich verschärft, denn unter der Großen Koalition wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen härter gefasst: Ein Freelancer läuft in der Folge viel schneller Gefahr, in einem Statusfeststellungsverfahren bei der Bundesagentur für Arbeit als „Scheinselbstständiger“ identifiziert zu werden.

Aus der selbstständigen Projektarbeit wird dann ein Anstellungsverhältnis mit Weiterbeschäftigungsanspruch – und die Rentenversicherung kann im Nachhinein Sozialabgaben einfordern. Hinzu kommt, dass die Rentenversicherung seit einiger Zeit beim Thema „Scheinselbstständigkeit“ schärfer hinsieht. Die Allianz für selbstständige Wissensarbeit (ADESW) sagt, dass es eine deutliche Tendenz gebe, Soloselbstständige im Zweifelsfall zu Arbeitnehmern zu erklären. Für Reuter ist völlig klar, dass der Rückgang beim Freelancer-Index genau auf diese Gesetzgebung und die seit einiger Zeit striktere Prüfpraxis der Rentenversicherung zurückgeht.


Die ADESW hat sich als Vertretung führender Dienstleister für den projektbasierten Einsatz hochqualifizierter selbstständiger Wissensarbeiter gegründet. Seine Mitgliedsunternehmen beschäftigen nach eigenen Angaben derzeit mehr als 4.500 fest angestellte Mitarbeiter, die einen Branchenumsatz mit der Vermittlung „selbstständiger Wissensarbeiter“ von 15 Milliarden Euro pro Jahr erzielen. Dabei nimmt das Unternehmen vor allem die hochqualifizierten Soloselbstständigen in den Blick.

Mit der „Schmuddelseite“ der Soloselbstständigkeit will es bewusst nichts zu tun haben. Verbandschef Carlos Frischmuth erklärt, dass sie den Missbrauch von Dienst- und Werkverträgen für Lohndumping ablehnen. Der Politik wirft der Verband jedoch vor, beim Versuch, Erwerbstätige vor Ausbeutung zu schützen und die soziale Sicherheit auch für Soloselbstständige sicherzustellen, übers Ziel hinauszuschießen.


„Es kann nicht sein, dass ein Freelancer im IT-Bereich, der mehr im Monat verdient als ein Bundestagsabgeordneter, per Gesetz gezwungen wird, in die gesetzliche Rentenversicherung einzutreten, wie dies die linken Parteien fordern“, sagt Reuter, dessen Unternehmen „Entengo“ zu den Gründern des Verbands gehört. Er sei dafür, den Status des Freelancers in Zukunft an drei einfach zu überprüfenden Kriterien festzumachen. „Jeder muss nachweisen, dass er einen ausreichenden Krankenversicherungsschutz hat, eine Mindestsicherung für das Alter und ein tragfähiges Geschäftsmodell.“

Ein funktionierendes Geschäftsmodell sieht Reuter dann als gegeben an, wenn der „Wissensarbeiter“ einen Stundenlohn von mindestens 40 Euro erzielt. Könne er das nachweisen, solle er mindestens für zwei Jahre als Soloselbstständiger arbeiten dürfen. Danach könne ja wieder geprüft werden.

Der Vorschlag hat Charme, würde sich so doch die Spreu der vielleicht von Altersarmut bedrohten Soloselbstständigen vom Weizen der erfolgreichen Unternehmer ohne Angestellte trennen. Doch bisher ist in der Politik niemand auf den Vorschlag angesprungen. Etengo-CEO Reuter hofft auf einen neuen Anlauf bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst.