Ohne Russland kein Öl-Deal


Für die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) kam der Durchbruch an einem heißen Tag Ende September 2016 in der algerischen Hauptstadt Algier: Im Rahmen des Internationalen Energieforums, einem globalen Energieministertreffen, einigten sich die ebenfalls oft hitzigen Gemüter des Ölkartells auf eine Förderkürzung. Sie wollten dem Ölpreisverfall endgültig ein Ende setzen. Der Absichtserklärung folgten Detailverhandlungen, das offizielle Abkommen am 30. November und schließlich folgten der Einigung zehn weitere Nicht-Opec-Partner, allen voran Russland.

Ein Jahr später, am Donnerstag dieser Woche, kommen die Opec-Ölminister erneut zum Treffen zusammen. In Wien wollen sie eine Verlängerung des Abkommens aushandeln. Zu Beginn der Woche heißt Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo die Kartellmitglieder mit säuselnden Worten willkommen: „Ich möchte jedem von Ihnen hier zum einjährigen Jubiläum des Zusammenarbeits-Abkommens gratulieren.“


Die Opec habe geschafft, was ihre Kritiker nie für möglich gehalten hätten – sie halten sich tatsächlich an die vereinbarte Förderkürzung. Ein Barrel (159 Liter) des Nordseeöls Brent kostet mit 63 Dollar so viel wie seit zwei Jahren nicht mehr. „Wir sind heute an einem Punkt, wo uns viele andere vor einem Jahr nicht gesehen hätten.“

Was Barkindo ausspart: Auch er und die Opec haben vor einem Jahr nicht an ein solches Wiedersehen gedacht. Die Förderkürzung war ursprünglich auf sechs Monate beschränkt. Mittlerweile wurde das Abkommen bereits einmal verlängert, um eine weitere Ausdehnung wird die Opec allem Anschein nach nicht herumkommen. Das vermeintlich feierliche Jubiläum ist ein fragwürdiges.


Denn Anfang 2017 war der saudische Ölminister Khalid Al-Falih noch zuversichtlich, dass es keine Verlängerung geben würde. Er wirkte sicher, die Kürzungsallianz würde sich an die vereinbarten Einschränkungen um 1,8 Millionen Barrel pro Tag halten, das Überangebot am Markt und die hohen Lagerbestände würden rechtzeitig abgebaut, um das Abkommen Ende Juni 2017 auslaufen zu lassen.

Tatsächlich haben vor allem die Opec-Staaten all ihre Kritiker Lügen gestraft: Die meisten halten sich an ihre Kürzungszusagen. Nach ein paar Startschwierigkeiten zogen auch die Nicht-Opec-Partner nach. Trotzdem mussten sie die Förderkürzung im Mai vorzeitig um weitere neun Monate bis Ende März 2019 verlängern.


Dass das Abkommen am Donnerstag erneut verlängert wird, daran haben Analysten keinen Zweifel: „Ohne eine Produktionsbeschränkung würde das globale Angebot aller Voraussicht nach deutlich stärker als die globale Ölnachfrage steigen. Ein erneuter Aufbau der globalen Öllager wäre der Fall, ein fallender Ölpreis die logische Folge“, erklärt Hannes Loacker, Ölexperte der österreichischen Raiffeisen-Bank.

Denn obwohl die Förderkürzung greift – die Fortschritte kommen langsamer, als es sich die Opec erhofft hatte. Erklärtes Hauptziel ist es, die hohen Öllagerbestände auf einen Fünf-Jahres-Schnitt zu drücken. Erfolge, von denen Barkindo schwärmt, sind durchaus zu erkennen: Betrug der Überhang bei den Lagern der OECD-Länder, also den Industriestaaten, Anfang des Jahres noch knapp 338 Millionen Barrel, sind es heute nur noch 120 Millionen Barrel. Oder aus der anderen Sicht: immer noch 120 Millionen Barrel. Die Schieferölunternehmen aus den USA haben der Kürzungsallianz einen Strich durch die Rechnung gemacht.


Russland noch zögerlich


Allein in diesem Jahr steigerten sie ihre Förderung um 800.000 Barrel. Insgesamt pumpen die USA heute 9,7 Millionen Barrel Öl und damit nahezu so viel wie Saudi-Arabien. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet damit, dass der Aufstieg anhält: „80 Prozent allen zusätzlichen Ölangebots bis 2025 wird aus den USA kommen“, sagt Fatih Birol, Chef der IEA. Die Opec muss also hoffen, dass die Ölnachfrage der Welt schneller als die Produktion in den USA ansteigt.


Fragwürdig ist das Jubiläum aber auch, weil es ohne fremde Hilfe wohl nicht zustande gekommen wäre. Die Opec allein steht für 1,2 Millionen Barrel der täglichen Förderkürzung. Weitere 600.000 steuern die zehn Nicht-Opec-Partner bei, allein die Hälfte davon Russland. Die Russen sind die mächtigsten Partner des Kartells: Sie haben die Nicht-Mitglieder überhaupt erst überzeugt, dem Abkommen beizutreten. Bis zuletzt warben sie auch weitere Länder. Ob dies funktioniert hat, wird sich wohl am Donnerstag offenbaren. „Russland ist sehr wichtig für das Abkommen“, sagt Spencer Welch, Ölanalyst der Energieanalysefirma IHS Markit in London.

Allerdings sei Russland auch der größte Sorgentreiber, wenn es jetzt um eine Verlängerung des Abkommens geht, erklärt Welch: „Russische Ölunternehmen haben bereits öffentlich erklärt, dass sie mit dem Deal unglücklich sind.“ Sie sehen sich als Verlierer. Denn die Vermarktung von Öl aus neuen Ölförderprojekten müssten sie bei einer Verlängerung des Deals verschieben. Bereits im Mai hatte etwa Rosneft-Chef Igor Setschin damit geliebäugelt, seine Produktion so bald wie möglich nach Auslaufen des Kürzungsabkommens wieder auf volle Kraft hochzufahren.


Dafür muss er sich wohl noch etwas gedulden. Jan Edelmann, Analyst der HSH Nordbank, geht sogar noch weiter: „Wir erwarten eine Verlängerung des Opec-Förderabkommens um mindestens sechs weitere Monate bis Ende September 2018, jedoch mit einer Anhebung der Quoten.“

Laut Meldungen von Bloomberg gebe es unter den Opec-Staaten zwar bereits eine grundsätzliche Einigung. Nur Russland scheint offenbar noch nicht überzeugt. Es hakt an Details. Vor allem an der Frage, für wie lang weiter gekürzt werden soll, scheiden sich offenbar die Geister.

Ohne die Russen aber wird es kaum einen neuen Deal geben. Russland gilt neben Saudi-Arabien als Macher des Abkommens. So lange sie nicht an Bord sind, wird die Jubiläumsstimmung allenfalls gedämpft ausfallen.