Wer vom Offshore-Boom an der Nordseeküste profitiert – und wer verliert

Die Offshore-Windkraft schafft Gewinner und Verlierer – und stellt den Konflikt zwischen Umwelt und Wirtschaft auf den Kopf. Ein Vor-Ort-Besuch.

Seit die Touristen weg sind, geht es dem einzigen Wellnesshotel auf Helgoland prächtig. Vor dem Atoll Ocean Resort sitzen Inselbesucher an hellen Holztischen an der Hafenpromenade und trinken Kaffee. Übernachten können sie dort nicht. „Für die nächsten zehn Jahre ist das Haus komplett an den Windparkbetreiber Wind MW vermietet“, informiert der Betreiber auf seiner Homepage. Statt Touristen schlafen dort Servicetechniker.

Jörg Singer schaut aus seinem Rathausfenster auf das Atoll. „Wir brauchten einen Impuls von außen“, sagt der Inselbürgermeister, „und haben auf das Geschäftsfeld Offshore-Windkraft gesetzt.“ Mit Erfolg. Im Süden der Insel haben Wind MW, Eon und Innogy Wartungshallen gebaut.

Für ihre Techniker ist es der kürzeste Weg raus zu den Windparks in der Nordsee. Helgoland hat das reich gemacht: Von den Energieunternehmen kassiert die noch vor wenigen Jahren ständig klamme Hochseekommune Jahr für Jahr Gewerbesteuern in zweistelliger Millionenhöhe.

Singer hat das weit über Helgoland hinaus Respekt eingebracht. Regelmäßig trifft er Ulrich Getsch, mal auf der Insel, mal am Fähranleger von Cuxhaven. In der niedersächsischen Stadt ist Getsch seit 2011 Oberbürgermeister. Sein Kollege habe das „prima hingekriegt“, findet Getsch.


Wie der selbst ernannte „Chief Ocean Officer“ Singer hat auch der 68-jährige Getsch entschieden, ganz auf die Windkraftindustrie zu setzen. Erfolgreich warb er um die Gunst von Siemens: Anfang Juli hat der Dax-Konzern nach der Fusion mit dem spanischen Turbinenbauer Gamesa ein 200 Millionen Euro teures Turbinenwerk in Cuxhaven eingeweiht, der erste Neubau eines Siemens-Werks auf deutschem Boden seit 20 Jahren.

Schon vor Monaten, nicht mal ein Jahr nach Baubeginn, ist die Produktion angelaufen. „Durch die Siemens-Ansiedlung ist ein richtiger Ruck durch die Stadt gegangen“, sagt Getsch bei jeder Gelegenheit. „Jetzt geht es aufwärts.“

Dilemma für die Umweltschützer

Die Energiewende hat einen Boom der Windkraft auf See ausgelöst. Strukturschwachen Regionen entlang der Nordsee eröffnet das neue Möglichkeiten. Orte wie Helgoland und Cuxhaven, die früher kaum mehr als frischen Fisch und frische Luft zu bieten hatten, jubeln über ihr unverhofftes Glück.

Doch wer die Chance nicht ergreifen konnte, leidet mehr denn je. Laut Bundesverband Windenergie erzeugten zur Jahresmitte 1169 Windräder in Nord- und Ostsee 5,4 Gigawatt Strom. Derzeit macht die Windkraft gerade mal 2,9 Prozent der gesamten Stromproduktion aus. „Wir wollen bis 2025 zumindest zwei Gigawatt an Offshore-Windleistung zusätzlich bauen“, kündigt Sebastian Boie von der Stiftung Offshore-Windenergie an.

Auch Bremerhaven wollte von diesem Boom profitieren. Die Stadt hat Millionen in einen zusätzlichen Hafenterminal gesteckt, damit Windanlagenbauer von dort ihre Bauteile aufs Meer transportieren. Doch der Umweltschutzverband BUND klagte, das Bremer Oberverwaltungsgericht hat den Weiterbau gestoppt. Der Fall legt ein Dilemma der Energiewende für Umweltschützer offen.


Denn anfangs hatte die Stadt den Umweltverband auf ihrer Seite. Dass die Energiewende gelingt, ist den Atom- und Kohlegegnern schließlich wichtig. Doch für den Spezialhafen müsste ein Naturschutzgebiet weichen, das Tausenden Vögeln als Rast- und Brutstätte dient. Hinzu kommt: Vor vier Jahren hat die Bundesregierung die Ausbauziele für Offshore-Windkraft bei 15 Gigawatt bis 2030 gedeckelt.

Inzwischen bezweifelt der BUND, dass der Offshore-Terminal den Eingriff in die geschützte Natur wert ist. Stadt und Land überzeugten die Richter bislang nicht vom Gegenteil.

Die Wirtschaft der Seestadt, die mit rund 120.000 Einwohnern mehr als doppelt so groß ist wie Cuxhaven, darbt derweil weiter. OTB, das Kürzel für den verhinderten Fracht-Terminal, ist längst ein Synonym für Bremerhavens Niedergang.

Glück der einen Stadt ist das Unglück der anderen

Tage bevor Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil 40 Autobahnkilometer weiter nördlich das neue Werk einweihte, hatte die Stadt den nächsten Schock zu verdauen: Der Offshore-Windanlagen-Hersteller Adwen gibt seine Produktion auf und entlässt Hunderte Mitarbeiter.

Das Glück der einen Stadt war das Unglück der anderen: Adwen ist eine Tochter von Gamesa – und die Spanier hatten sich im Joint Venture mit Siemens ja nun für Cuxhaven entschieden. „Unvermeidlich“ nannte der Geschäftsführer von Adwen den Schritt.

Oberbürgermeister Melf Grantz verweist zwar darauf, die Arbeitslosenquote im krisengeplagten Bremerhaven – Kollaps der Werften, Niedergang der Hochseefischerei, Abzug der Amerikaner – halbiert zu haben. „Aber von der Offshore-Industrie“, räumt Grantz ein, „hatten wir uns mehr versprochen.“


Verlierer hat nicht nur der Standortwettbewerb. Im Fischereihafen von Büsum hebt Andreas Thaden Eimer mit blauer Farbe aus dem Kofferraum seines Wagens. Thaden, Vater von drei Kindern, ist Krabbenfischer. Am Vorabend hat der 29-Jährige seinen weiß-blauen Kutter „Bleibtreu“ an der Pier festgemacht. Wieder einmal musste er einen Umweg fahren, um mit zehn Knoten das Schleusentor des Büsumer Hafens zu erreichen.

Der Grund sind Hunderte Windräder, die in Gruppen auf See beieinanderstehen und ihn mit dem monotonen Flügelschlag ihrer Rotorblätter gleichsam verhöhnen. Denn näher als 500 Meter darf Thaden mit seinem Kutter nicht heran: Sicherheitsabstand. Die Betreiber, so sehen es die Fischer, sind in ihre Fanggebiete eingedrungen – und sperren sie nun aus.

Thaden kommt eigentlich aus dem benachbarten Friedrichskoog. Doch der dortige Hafen wurde vor drei Jahren geschlossen: Es war einfach zu wenig los. Mit 22 Kollegen musste Thaden samt Kutter umziehen. Bevor er ihn streichen kann, müssen die frischen Krabben von Bord, die ihm auf hoher See in die Netze gegangen sind. „Endlich!“, ruft Thaden, als ein Lkw mit holländischem Kennzeichen und fast zwei Stunden Verspätung vorfährt.

Per Seilwinde zieht Thaden die Krabben in gelben Kisten aus dem Kühlraum unter Deck nach oben, immer fünf übereinandergestapelt, 45 insgesamt, in jeder 20 Kilogramm Krabben. 3,30 Euro zahlen Händler ihm pro Kilo.

Dann aber streifen die Kisten die Schleppnetze am Beckenrand und kippen um, Hunderte rosa Tiefkühlkrabben purzeln auf den Asphalt. Thaden verdreht die Augen, klettert die Eisenleiter zum Steg hoch und schnappt sich eine Schippe. Die wenigen Krabben, die es nicht zurück in die Kisten schaffen, picken Möwen vom Asphalt. Sie kampflos den Vögeln zu überlassen kann sich Thaden nicht leisten.

Kampf gegen Windmühlen

Die Nordsee ist überfischt, immer mehr Fischer können nicht von ihrem Geschäft leben, geben auf. Und nun auch noch der Konflikt um ihre Fanggründe. Es ist ein Kampf gegen, nun ja, Windmühlen. So nennen Andreas Thaden und seine rund 70 Kollegen in und um Büsum verächtlich die etwa 100 Meter hohen, weiß lackierten Kolosse, die ihnen das Geschäft ruinieren.

Thaden wäre es am liebsten, sie verschwänden wieder. Er weiß, dass diese Hoffnung unrealistisch ist. Im Winter dürfen die Fischer grundsätzlich nicht durch die Windparks fahren, im Sommer sind diese bei Reparaturen und schlechtem Wetter gesperrt.


Aber irgendwo werde immer gebaut oder gewartet, klagen die Fischer. Deshalb machen sie nun Druck. Ihr Wortführer ist Dieter Voss. Der 74-Jährige ist Thadens Großvater und war selbst mehr als 40 Jahre Fischer. Heute vertritt er die Interessen seiner Söhne und Enkel. Sein Argument: In dänischen Gewässern dürfen ihre Kollegen doch auch in die Windparks! Mit dem Betreiber Ørsted hat der dortige Fischereiverband vereinbart, dass sie bis auf 100 Meter an die Windräder herankönnen.

Kürzlich saßen Voss und der hiesige Fischereiverband mit Vertretern der Windparkbetreiber und der Behörden in Hamburg zusammen. „Wenn wir jetzt nicht erreichen, dass wir ständig durch die Windparks fahren dürfen“, sagte Voss, „haben wir ganz verloren.“

Doch teilnehmende Fischer berichten, die Betreiber seien „zurückhaltend“ bis „abwehrend“ aufgetreten. Auf Nachfrage verweisen die Unternehmen an die Behörden. Innogy schreibt, man tausche sich „regelmäßig mit den beteiligten Akteuren aus“ und sei ansonsten „an den bestehenden Rechtsrahmen gebunden“. Eon bemerkt, dass die Behörden die Sicherheitszonen festlegen. Ähnlich äußert sich Ørsted.

Krabbenfischer fordern fairen Wettbewerb

Nico Nolte vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sagt, das Anliegen der Berufsfischer werde noch in diesem Jahr geprüft. Eines stellt er aber klar: „Anders als die Behörden in Dänemark halten wir eine Zone von 500 Metern zur Sicherheit der Anlagen und des Schiffverkehrs für notwendig.“ Schleppnetze könnten Fundamente und Stromkabel am Meeresboden beschädigen.

Für die Büsumer Krabbenfischer sind das schlechte Nachrichten. Ihnen geht es längst nicht mehr nur darum, sich gegen übermächtige Eindringlinge zu behaupten. Es geht ihnen um ihre Existenz. Sie wollen einen fairen Wettbewerb, ihre Arbeitsplätze sichern und ihre von Generation zu Generation vererbten Familienbetriebe retten.


Zumal sich Hinweise mehren, dass in den Sicherheitszonen die Fischbestände wachsen. Dort sind die Tiere unbehelligt, neue Rückzugsorte entstehen. Den Fischern ist das nicht entgangen. Doch die Windparkbetreiber machen daraus kurzerhand ein Argument in eigener Sache.

So macht Eon klar: Man erwarte „aufgrund des Rückzugs- und Aufzugscharakters dieser Seegebiete (…), dass hier auch das Umweltbundesamt und Umweltschutzverbände einbezogen werden“. Die Energiekonzerne gerieren sich plötzlich als Schützer von Meeresbewohnern und Artenvielfalt.

Und was ist mit Dreizehenmöwe, Trottellumme und Basstölpel? Sind die seltenen Seevögel nicht gefährdet durch die monoton-wuchtigen Schläge der Rotorblätter? Vogelschützer auf Helgoland zählen die Vögel akribisch und stellen überrascht fest: So einfach ist es nicht. Manche Vögel suchen offenbar bewusst die Nähe zu Windparks. Denn wo viele Fische sind, finden die Tiefflieger unter den Seevögeln reichlich zu fressen.

Auf Helgoland war mancher Einwohner anfangs irritiert, als 500 Servicetechniker in neonfarbenen Jacken auf der Insel einmarschierten. Jetzt industrialisiere man ihre schöne Heimat, schimpften Einheimische, das könne Touristen verjagen. „Ja, wir hatten anfangs heftige Diskussionen“, erinnert sich Jörg Singer.

Windräder im Schichtbetrieb

Inzwischen sind seine Helgoländer besänftigt. Dass die Windindustrie Touristen abschrecke, sei jedenfalls „Tinnef“, Unsinn also, sagt einer, der seit 20 Jahren in einer der bunten Hummerbuden zollfrei Süßes und Parfüm, Tabak und Spirituosen verkauft. Zumal die Windparks so weit draußen im Meer sind, dass man sie von Deutschlands einziger Hochseeinsel aus gar nicht wahrnimmt.

Wartungshallen und Leitstellen der Betreiber lassen Besucher, die per Katamaran am Südhafen anlanden, links liegen. Auch Arbeiter, die einen neuen Umschlaghafen errichten, beachten sie nicht. „Es ist ja nicht so, dass da früher unsere Schlossallee stand“, sagt Singer, „das war Brachland“.

Die Mehrheit der 1500 Helgoländer hat ihn für fünf weitere Jahre zum Bürgermeister gewählt. Zufrieden ist auch die Landesregierung. Vor dem Offshore-Boom bekam das arme Helgoland bis zu fünf Millionen Euro pro Jahr aus dem kommunalen Finanzausgleich. Mittlerweile überweist Singer zwei Drittel der Gewerbesteuereinnahmen, rund 40 Millionen Euro, nach Kiel.

Und der Offshore-Wohlstand dürfte nicht so schnell abflauen. Nordwestlich von Helgoland baut EnBW den nächsten Windpark. 87 Windräder hat der Energiekonzern bei Siemens bestellt. Das schafft weitere Arbeit in Cuxhaven. „Nach meinen Berechnungen hat Siemens Gamesa Aufträge für 900 Turbinen vorliegen“, sagt Oberbürgermeister Getsch.


An die Wand vor seinem Schreibtisch hat er neben ein Miniaturexemplar der Kugelbake, Cuxhavens Wahrzeichen, das Modell einer sogenannten Untiefentonne gehängt, mit der die Fahrtrinne für Schiffe markiert wird. Auszubildende der Schule, die der Diplom-Handelslehrer leitete, haben es ihm geschenkt; viele von ihnen arbeiten heute in der Offshore-Industrie.

Kampf um Arbeitsplätze

Fern der Touristenströme und Großmarkthallen, die mit dem Geruch von frisch gefangenem Fisch locken, lässt Siemens Gamesa auf kaum genutzten Gewerbeflächen direkt am Meer fertigen, neuerdings rund um die Uhr. In drei Schichten produzieren und verladen Mitarbeiter Maschinenhäuser, die Herzstücke jedes Windrads. Samt Zulieferern sind rund 850 Arbeitsplätze entstanden.

Da ist der ehemalige Berufskraftfahrer, der nach 17 Jahren einen Job als Werksreiniger in seiner Heimatstadt angenommen hat. Da ist der junge Elektrotechniker, der dank Meisterprüfung mit Anfang 20 einen Abschnitt der Fertigung leitet. Da ist die Prozessmanagerin, die mit Mann und Kind ein Haus gekauft hat und zurück an die Küste gezogen ist.

Rund 250 Millionen Euro haben das Land Niedersachsen und die Europäische Union ausgegeben, um Siemens nach Cuxhaven zu locken. Die Stadt ist in Vorleistung getreten, sie baut Straßen und den Verladehafen aus. Die Agentur für Arbeit hat Hunderte Fachkräfte und Langzeitarbeitslose geschult, um sie für die Anforderungen im Werk zu qualifizieren.


Getsch hat mehrere städtische Gesellschaften gegründet, um Gewerbeflächen zu vermarkten, Windkraft-Testfelder zu verlagern, Anlagen für den Export in alle Welt zu lizenzieren. Vor allem aber: Er bestand darauf, viel Geld in Ausgleichsflächen zu stecken, um die Naturschützer zu besänftigen.

„Wenn wir zehn Bäume pflanzen wollten und sie 15, dann haben wir eben 15 gepflanzt“, sagt Getsch. „Ich habe immer gesagt: Da dürfen wir nicht auf jeden Cent achten.“ So brachte er BUND und Co. auf Linie. Getsch hat nicht zuletzt aus der Blockade in Bremerhaven gelernt: „Die haben den Widerstand der Umweltverbände unterschätzt.“

Sein Kollege Melf Grantz in Bremerhaven findet die Sache nur noch „nervig“. Der frühere Rechtsanwalt geht davon aus, dass der Offshore-Terminal-Fall beim Bundesverwaltungsgericht landen wird. Grantz setzt weiter auf die Offshore-Windkraft – und darauf, dass deren Lobby funktioniert: Die Energiekonzerne fordern, 2030 statt 15 mindestens 20 Gigawatt Strom in Nord- und Ostsee produzieren zu dürfen.

Sodass am Ende vielleicht auch ein bisschen Boom in Bremerhaven ankommt.