Nordkorea will Wasserstoffbombe getestet haben

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Nordkorea will Wasserstoffbombe getestet haben

Mit Propagandagetöse gibt Pjöngjang zum zweiten Mal den Test einer Wasserstoffbombe bekannt. Am ersten Versuch vor 18 Monaten gab es erhebliche Skepsis. Diesmal hat sich das Staatsfernsehen für Zweifler offenbar etwas einfallen lassen.


Nordkoreas Propagandamaschine arbeitet am Sonntag perfekt. Am Morgen überrascht Diktator Kim Jong Un die Welt mit der Nachricht, dass er nun Wasserstoffbomben in seinem atomaren Arsenal habe, die auf Interkontinentalraketen passen würden. Und während die Fachwelt noch rätselt, ob das denn stimmen könnte, schiebt er kurz nach Mittag Ortszeit einen Beweis nach: einen Atomtest, dessen Gewalt die Behauptungen zu bestätigen scheint. 

 

Kurz nach dem Test zeigte das nordkoreanische Fernsehen dann erst den Führer, wie er den Befehl für den Atomtest signiert und dann den Befehl selbst. Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA triumphiert zeitgleich, dass der Test vollständig mit dem Designspezifikationen für eine zweistufige thermonukleare Bombe übereingestimmt habe. Das Staatsfernsehen meldet, der Test sei ein "absoluter Erfolg" gewesen.


Tatsächlich erschüttert der Test die bisherigen Annahmen der Fachwelt. Kurz zuvor hatte der amerikanische Sicherheitsexperte Harry Kazianis noch getweetet, dass Nordkorea nach Schätzungen der US-Geheimdienste für diesen Schritt noch sechs bis 18 Monate benötigen würde. Doch um 5.36 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit korrigierte Kim den Zeitpunkt nach vorne. 

 

Seismographen in aller Welt zeigen Ausschläge, deren Stärke zu Beginn von Südkoreas Meterologischem Amt auf 5,6 und von deren Kollegen in den USA sogar auf 6,3 der Richter-Skala geschätzt wird. Eine Stunde später folgte eine kleinere Erschütterung, wahrscheinlich von einstürzenden Tunneln bei Nordkoreas Atomtestzentrum in der nördlichen Hamgyeong-Provinz.




Der erste Wert würde auf eine Sprengkraft von 100 Kilotonnen TNT hinweisen, der zweite von einer Megatonne, schätzte der Rüstungsexperte Jeffrey Lewis auf die Schnelle. Und beides wiederum deutet auf eine Wasserstoffbombe hin. Denn die Erschütterungen waren um ein vielfaches größer als den bisherigen fünf Atomtests Nordkoreas. Die hatten in etwa die Stärke einer konventionellen Atombombe, die die USA 1945 auf Hiroshima abgeworfen hatten. 

 

Mit diesem waffentechnischen Fortschritt vergrößert das kleine Land sein Drohpotenzial um ein Vielfaches. Eine Bombe mit 20 Kilotonnen Sprengkraft über Lower Manhattan in New York gezündet würde laut dem Atombombensimulator Nukemap noch in 2,3 Kilometer Entfernung Verbrennungen dritten Grades auslösen und 324.000 Tote und mehr als 717.000 Verletzte fordern. 

 

Bei 100 Kilotonnen wächst der Radius, in dem lebensgefährliche Verbrennungen drohen, auf 4,6 Kilometer. 740.000 Tote und 1,3 Millionen Verletzte wären die simulierte Folge. Eine Megatonne vergrößert den Radius auf 12,6 Kilometer, die Zahl der Toten auf fast 2,2 Millionen und die der Verletzten auf mehr als drei Millionen. 



Anrainer reagieren harsch




Doch Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA stellte am Sonntagmorgen vor dem Tests in ihrer Meldung über die Montage von H-Bomben auf Raketen noch eine weitere Horrorversion in Aussicht. Eine Wasserstoffbombe, deren Sprengkraft von zig bis zu hunderten Kilotonnen eingestellt werden könne, sei „eine multifunktionale thermonukleare Waffe mit großer Zerstörungskraft, die selbst in großer Höhe für superstarke EMP-Angriffe“ einsetzbar wäre.

 

EMP steht dabei für einen elektromagnetischen Impuls, der ungeschützte Elektronik auf der Erde kurzfristig oder gänzlich außer Gefecht setzen könnte. Der EMP kann mit einer Atomwaffe ausgelöst werden, die in mehreren hundert Kilometer Höhe über der Erdatmosphäre detoniert. Die Gammastrahlung der Atomexplosion ionisiert daraufhin schlagartig die obere Erdatmosphäre, wodurch ein elektromagnetischer Impuls ausgelöst wird.


Damit nicht genug: Nordkoreas Führer Kim Jong Un stellte eine schnelle Aufrüstung seiner Atommacht in Aussicht. Alle Bauteile seien in Nordkorea hergestellt. Damit könne das Land „so viele machtvolle Atomwaffen entwickeln wie es will.“ 

 



Dementsprechend harsch reagierten die Anrainer. Als erster Regierungschef verurteilte Japans Ministerpräsident Shinzo Abe den Test als „absolut inakzeptabel. „Wir müssen stärkstens dagegen protestieren.“ Die USA plant bereits eine erste telefonische Eilsitzung mit ihren südkoreanischen und japanischen Verbündeten.



Je größer die Spannungen, desto unkalkulierbarer die Reaktionen



Die Unsicherheit macht die Lage vor Ort umso unbequemer. "Der Test war zwar angekündigt, aber katapultiert uns auf eine neue Ebene", sagt Lars-André Richter, Büroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. "Ich habe die Sorge, dass sich die USA nicht weiter auf der Nase herumtanzen lassen werden."

 

Das hieße nicht, dass die USA sofort angreifen würden. "Die USA haben noch andere politische und wirtschaftliche Möglichkeiten über verschärfte Sanktionen", so Richter. So könnten sie nun vehement ein Ölembargo gegen Nordkorea fordern, das Nordkorea durchaus in die Knie zwingen könnte. 




Dies würde wiederum den Druck auf China und Russland erhöhen, im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wirklich schmerzhaften Sanktionen gegen Nordkorea zuzustimmen. Die beiden Ländern hatten vorigen Montag dafür gesorgt, dass die Uno auf einen Mittelstreckenraketentest über Japan hinweg nicht mit härteren Strafen, sondern nur einer verbalen Verurteilung reagiert hat. 



Doch kurzfristig ist die Frage, ob US-Präsident Donald Trump und seine Militärs weiterhin diplomatisch reagieren werden. Schließlich hatte Trump Kim seit seinem Amtsantritt immer wieder gedroht, dass auch militärische Optionen zur Lösung der atomaren Bedrohung durch den Norden geprüft würden. 


Bislang setzten aber selbst seine Generäle lieber auf Diplomatie. Denn selbst eine präventive Attacke würde sehr wahrscheinlich in einen neuen Korea-Krieg münden. Und dessen Folgen beschrieb US-Verteidigungsminister und ehemalige General Jim Mattis mit schlicht einem Wort: „Katastrophal.“


Und Wasserstoffbomben im Arsenal würden die Opferzahlen noch einmal drastisch erhöhen. Aber je größer die Spannungen werden, desto unkalkulierbarer werden die Reaktionen der Beteiligten.

KONTEXT

Kim Jong Un als Alleinherrscher

Seit Kim Jong Un, Sohn des langjährigen Alleinherrschers Kim Jong Il, Ende 2011 die Macht in Nordkorea übernommen hat, sorgt das abgeschottete Land immer wieder für internationale Spannungen. Das kommunistische Regime sieht sich von den USA und anderen Ländern bedroht.

April 2012

Nach internationaler Kritik an einem gescheiterten Raketentest fühlt sich Nordkorea nicht mehr an ein Abkommen mit den USA gebunden, das unter anderem den Verzicht auf Atomversuche vorsah.

Dezember 2012

Trotz internationaler Warnungen befördert das Regime einen Satelliten ins All. Die USA und Südkorea befürchten, dass damit eine Interkontinentalrakete getestet werden sollte, die einer Weltraumrakete ähnlich ist.

Februar/März 2013

Allen Warnungen zum Trotz unternimmt Pjöngjang einen weiteren unterirdischen Atomversuch. Der UN-Sicherheitsrat antwortet mit Sanktionen.

Mai 2015

Nordkoreas staatliche Medien berichten, das Land habe erstmals erfolgreich von einem U-Boot eine neuartige ballistische Rakete abgefeuert.

August 2015

Landminen an der innerkoreanischen Grenze verletzen zwei südkoreanische Soldaten. Nach einem Schusswechsel an der Grenze droht Pjöngjang mit einem Militärschlag. In zähen Krisengesprächen wenden Süd- und Nordkorea eine Eskalation ab.

Januar 2016

Nordkorea hat nach eigenen Angaben erstmals eine Wasserstoffbombe erfolgreich gezündet und löst damit weltweit Empörung aus. Atomexperten in Südkorea und anderen Ländern bestätigen einen Kernwaffentest, bezweifeln aber, dass eine Wasserstoffbombe detonierte.

Februar 2016

Das Regime in Pjöngjang schießt erneut einen Satelliten ins Weltall und brüskiert damit die Weltgemeinschaft.

März 2016

Der UN-Sicherheitsrat verhängt seine bislang schärfsten Sanktionen gegen Nordkorea. Der kommunistische Staat sorgt mit neuen Raketentests für Unruhe.

Februar 2017

Pjöngjang testet eine ballistische Rakete, die über Tausende Kilometer einen Atomsprengkopf transportieren könnte.

März 2017

Nordkorea feuert vier ballistische Raketen ab; drei davon seien erst in der 200-Seemeilen-Zone vor Japan ins Meer gestürzt, heißt es aus Tokio.

28. Juli 2017

Nordkorea testet erneut eine Interkontinentalrakete, die die USA erreichen könnte.

5. August 2017

Einstimmig verhängt der UN-Sicherheitsrat weitreichende Wirtschaftssanktionen gegen Nordkorea. Die Ausfuhr wichtiger Handelsgüter wird verboten. Hauptabnehmer war China.

9. August

Nordkoreas Militär heizt den Konflikt mit der Drohung an, die US-Pazifikinsel Guam mit Raketen anzugreifen. US-Präsident Donald Trump droht "Feuer, Zorn und Macht, wie die Welt es so noch nicht gesehen hat" für den Fall an, dass die Provokationen andauern. Nach heftigen Wortgefechten zieht Kim Jong Il Tage später die Drohung zurück.

29. August 2017

Unbeeindruckt von allen Sanktionen feuert Nordkorea eine Rakete von großer Reichweite über Japan hinweg in Richtung offenes Meer ab.

3. September 2017

Nordkorea unternimmt seinen sechsten Atomwaffentest - nach Auswertungen in den Nachbarländern könnte es der bisher größte sein. Nach Angaben aus Pjöngjang wurde dabei eine Wasserstoffbombe eingesetzt.