OECD bemängelt Parallelgesellschaften in Klassenzimmern


„Integration“, sagte die neue zuständige Staatsministerin Annette Widmann-Mauz bei ihrer Antrittsrede, „ist ein Schlüsselthema für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.“ Nötig sei ein gesellschaftliches Miteinander, kein Nebeneinander.

„Dazu gehört, dass alle, die hier leben, ein Gefühl von Zugehörigkeit entwickeln können“, betonte die CDU-Politikerin, die die Nachfolge von Aydan Özoğuz als Integrationsbeauftragte des Bundes angetreten hat.

In den Schulen, wo der Grundstein für ein erfolgreiches Miteinander gelegt werden sollte, herrscht aber offenbar noch oft ein Nebeneinander vor: Bei Schulerfolg und Lebenszufriedenheit schneiden Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien viel schlechter ab als Schüler ohne Migrationshintergrund. Das zeigt eine Sonderauswertung der Pisa-Bildungsstudie durch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).


So fallen unter den Schülern mit Migrationshintergrund hierzulande 43 Prozent durch sehr schwache Leistungen in der Schule auf. Der Anteil ist damit fast zweieinhalb Mal so hoch wie bei den Schülern ohne ausländische Wurzeln. Im Schnitt der untersuchten Industrieländer liegt das Verhältnis nur bei eins zu 1,7.

In Deutschland gelingt es also seltener als in vielen anderen Ländern, einheitliche Startbedingungen für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund zu schaffen.

An der Motivation kann das nach Einschätzung der OECD-Wissenschaftler kaum liegen, denn die ist bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutlich stärker ausgeprägt als bei den Gleichaltrigen ohne ausländischen Elternteil.

Auch die Herkunft spielt keine entscheidende Rolle. So haben Schüler, die in der Türkei geboren wurden, ein ähnlich hohes Risiko für Leistungsschwächen in der Schule wie Kinder aus Polen.


Bei den Migranten der zweiten Generation, die in Deutschland geboren wurden, unterscheidet sich das Risiko für Kinder türkischer Eltern ebenfalls nicht wesentlich von dem der Schüler aus italienischen Familien.

Ein Grund für das vergleichsweise schlechte Abschneiden vieler Einwandererkinder ist, dass ihre Eltern selbst nur ein niedriges Bildungsniveau haben oder aus einfachen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen stammen. Der soziale Hintergrund allein reicht als Erklärung für die Leistungsschwäche aber nicht aus.

Ein weiterer Grund können nach Ansicht der OECD-Forscher Sprachschwierigkeiten sein. Von den Migranten der ersten Generation, die im Ausland geboren und nach Deutschland eingewandert sind, sprechen knapp 80 Prozent zu Hause kein Deutsch.


Schulklassen in Deutschland sind besonders bunt gemischt

Bei ihren hierzulande geborenen Kindern liegt der Anteil mit knapp 50 Prozent zwar niedriger. Im OECD-Vergleich ist der Anteil der Einwanderer, die zu Hause nicht die Unterrichtssprache sprechen, allerdings deutlich geringer.

Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass etwa bei der Einwanderung in die USA die Wahrscheinlichkeit, dass ein Muttersprachler kommt, wegen der großen Verbreitung des Englischen höher ist als bei der Einwanderung nach Deutschland.

Generell gilt, dass die Schulklassen in Deutschland bunter zusammengesetzt sind als in vielen anderen Industrieländern. So haben von den 15-Jährigen Schülern hierzulande 28 Prozent einen Migrationshintergrund. Im OECD-Schnitt liegt der Anteil mit 23 Prozent deutlich geringer.

Die Zahlen beziehen sich dabei auf das Jahr 2015 – der Flüchtlingszuzug nach Deutschland ist dabei also nur in Ansätzen erfasst.

Hierzulande ist knapp die Hälfte der Schüler mit Migrationshintergrund in Deutschland geboren. In kaum einem anderen OECD-Land sind diese Einwanderer zweiter Generation in den Schulen präsenter.

Vergleichsweise gering ist dagegen der Anteil der Schüler mit einem ausländischen und einem deutschen Elternteil. Dies trifft auf rund jedes dritte Kind aus Einwandererfamilien zu.

Angesichts des relativ hohen Migrantenanteils in deutschen Schulklassen muss bedenklich stimmen, dass diese sich oft ausgegrenzt fühlen. Schüler aus Einwandererfamilien haben eher das Gefühl, in der Schule nicht dazuzugehören, sie klagen häufiger über mit dem Schulbesuch verbundene Ängste und sind auch insgesamt mit ihrem Leben unzufriedener als Kinder ohne Migrationshintergrund.


Und sie beurteilen ihre Aufstiegsoptionen eher skeptisch. In Deutschland erwartet nur ein Viertel der Schüler aus Einwandererfamilien, einen Universitätsabschluss zu erreichen. Im OECD-Schnitt liegt der Anteil mit 41 Prozent wesentlich höher, ebenso wie in der Europäischen Union mit 37 Prozent.

Die Gefahr, dass sich Parallelgesellschaften bilden, steigt, wenn die Politik der Frustration nicht entschlossen entgegenwirkt. Die OECD empfiehlt etwa einen möglichst breiten Zugang zu frühkindlicher Bildung, eine bessere Information über Bildungs- und Karrieremöglichkeiten oder eine stärkere finanzielle Förderung von Schulen mit einem hohen Anteil von Migrantenkindern.

Schlüssel für eine erfolgreiche Integration sei aber eindeutig die Sprache. Die Lehrer müssten besser als bisher in die Lage versetzt und dabei unterstützt werden, in vielsprachigen Klassen mit Schülern aus den unterschiedlichsten Nationen zu unterrichten, schreibt die Industrieländerorganisation. Zu häufig fühlten sich Kinder aus Einwandererfamilien von ihren Lehrern nicht verstanden und unfair behandelt.