Kann Odriozola Bayern wirklich weiterhelfen?

SPORT1, Florian Plettenberg

Als ein Jugend-Trainer Álvaro Odriozola einst erklärte, dass er künftig in der Abwehr spielen werde, soll er Tränen in den Augen gehabt haben.

Der Spanier wollte lieber angreifen, wollte lieber Tore vorlegen, Tore schießen. Denn in jungen Jahren lief der heute 24 Jahre alte Profi von Real Madrid als offensiver Flügelspieler auf.


Und schon allein deswegen ist es zumindest nicht überraschend, dass Odriozola beim FC Bayern gelandet ist. Schließlich könnte er beim deutschen Rekordmeister rechts hinten mit Joshua Kimmich einen Spieler ersetzen, der ebenfalls stets den Weg nach vorne sucht.

Wie der deutsche Rekordmeister am späten Mittwochvormittag bestätigte, wird der Rechtsverteidiger für ein halbes Jahr von Real Madrid ausgeliehen.

"Nach internen Gesprächen haben wir beschlossen, dem Wunsch unseres Cheftrainers Hansi Flick nach Verstärkung für die Defensive zu entsprechen und uns gemeinsam für Álvaro Odriozola entschieden", wird Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge auf der Vereinshomepage zitiert. "Wir freuen uns sehr über die Verpflichtung und bedanken uns bei den Verantwortlichen von Real Madrid für die sehr freundschaftlichen und partnerschaftlichen Gespräche."

Wie der spanische Radiosender Cadena Cope berichtet, sollen die Münchner für den jungen Mann aus San Sebastian keine Kaufoption besitzen. Am Dienstag hatte er bereits im Real-Training gefehlt, Trainer Zinedine Zidane erteilte ihm auf einer Pressekonferenz die Freigabe. 

Das zeichnet Odriozola aus

"Mehr Optionen" versprach sich Flick bereits im Trainingslager von einem Neuzugang. Der Plan: Kimmich könnte sich endlich auf der Wunschposition im zentralen Mittelfeld fest spielen, Benjamin Pavard seinen angedachten Platz in der Innenverteidigung einnehmen.

Aber ist Odriozola tatsächlich die Lösung? Dessen abrupter Aufstieg zum spanischen WM-Fahrer 2018 ist bei Real zuletzt mächtig ins Stottern geraten. Ganze fünf Pflichtspiel-Einsätze stehen in der aktuellen Spielzeit zu Buche.

Bis 2017 spielte der Rechtsfuß bei seinem Jugendklub Real Sociedad San Sebástian, wo er innerhalb kürzester Zeit zum Stammspieler und wenig später zum Nationalspieler aufstieg. Nicht mal ein Jahr nach seinem Debüt für die Furia Roja wechselte er im Sommer 2018 zu den Königlichen. Ein großer Sprung, doch das nötige Potenzial hatte er schon damals: Odriozola ist schnell, dribbelstark und bringt jede Menge Offensiv-Power mit. Seine Flanken kommen gefährlich, verletzt ist er selten.


Alles Attribute, die auch beim FC Bayern gefragt sind. Und dennoch sind Zweifel an dem möglichen Transfer angebracht. 

Das seltsame Doppelleben bei Real Madrid

Denn bei Real musste er sich mit einem für Profis seltsamen Doppelleben anfreunden. Wie kaum ein anderer Spieler wurde Odriozola aus der Startelf auf die Tribüne und wieder zurückrotiert.

Sein Problem: Am etatmäßigen Rechtsverteidiger Dani Carvajal kam er nicht vorbei, obwohl er seinen Job häufig gut machte. Wenn Carvajal auflief, fand sich Odriozola nicht selten auf der Tribüne wieder. 17 Mal stand er in der Saison 2018/19 gar nicht erst im Kader, obwohl er fit gewesen wäre. Nur neun Mal durfte er dagegen auf der Bank Platz nehmen, wenn er nicht in der Startformation gebraucht wurde.

Nur wenn Carvajal eine Pause bekam, spielte er fast immer über 90 Minuten durch. In seinen 22 Einsätzen brachte er es dabei in der Saison 2018/19 auf stolze neun Vorlagen und einen Treffer.

Auch diese Zahlen klingen wie ein Bewerbungsschreiben an einen Klub wie den FC Bayern, bei dem die Außenverteidiger eine wichtige Rolle im Offensivspiel einnehmen. 

"Wir sind überzeugt, dass Álvaro Odriozola unserer Mannschaft mit seinen Qualitäten helfen wird", erklärte FCB-Sportdirektor Hasan Salihamidzic. "Ich bin froh, dass wir so einen Außenverteidiger gefunden haben.“

Spanien-Experte Miguel Gutiérrez beschreibt besagte Qualitäten bei SPORT1 folgendermaßen: "Odriozola bringt ein gewisses Tempo mit und läuft, wenn er kann, bis zur Grundlinie, versucht dann reinzuflanken. Man muss auch sagen, dass er defensiv in einer Mannschaft wie Real nicht sehr gefordert wurde." Warum er sich nicht gegen Carvajal durchsetzen konnte? "Weil dieser sehr viel Gewicht in der Mannschaft hat, aus der eigenen Jugend kommt und einfach erfahrener ist."

Die Erfahrung fehlt dem Bayern-Kandidaten

Und auch das ist nicht ohne Bedeutung: Odriozola wurde meist nur gegen vermeintlich schwächere Mannschaften aufs Feld geschickt. Gegen die Topklubs aus La Liga und der Champions League musste er stets zuschauen. Auch bei der WM in Russland kam er nicht zum Zug und wurde seitdem auch nicht mehr für die Nationalelf nominiert.


Soll heißen: Die Erfahrung aus großen Spielen gegen Gegner auf internationalem Topniveau fehlen dem talentierten Rechtsverteidiger noch. Und laut Flick machen Wintertransfers nur dann Sinn, wenn sie "sofort weiterhelfen".

Odriozola bringt viele Fähigkeiten mit, die ihn für Bayern attraktiv gemacht haben – ob er die Münchner gleich auf ein neues Level hebt, darf jedoch bezweifelt werden.