Obama-Berater hält Trumps Zollpläne für fatal – „Wir werden alle Verlierer sein“


Nach der Finanzkrise vor zehn Jahren hat Steven Rattner für den damaligen US-Präsidenten Barack Obama die Autoindustrie umstrukturiert und wurde seitdem als Auto-Zar bezeichnet. Nun leitet er das Family Office Willet Advisors, das sowohl das private Vermögen von Milliardär Michael Bloomberg als auch die Gelder der Bloomberg-Stiftung anlegt.

Herr Rattner, wegen des Handelskonflikts und anderer geopolitischer Krisen ist die Unsicherheit so groß wie lange nicht mehr. Wie investieren Sie in diesen Zeiten?
Wir legen langfristig an. Es ist in etwa so, als würde man die Queen Mary steuern. Da kann man nicht kurzfristig die Richtung wechseln. Außerdem ist es wirklich schwer, die Märkte zu timen. Wir bleiben investiert.

In welchen Regionen engagieren Sie sich?
Europa haben wir schon immer untergewichtet. Wir sind skeptisch, was das europäische Projekt angeht, und Italien ist derzeit nur gerade das drängendste Problem. Auf China schauen wir dagegen weiterhin enthusiastisch, auch wenn die Märkte dort aktuell etwas turbulent sind. Aber langfristig glauben wir an Chinas Wachstum, und es gibt dort einen wahren Antrieb, erfolgreich sein zu wollen. Wir stehen auch weiter zu den USA. Amerika ist wahrscheinlich das beste Haus in einer schlechten Nachbarschaft.


Allerdings wird das Haus durch die Eskapaden von Präsident Donald Trump immer wieder durchgerüttelt. Sie haben nach der Finanzkrise die Auto-Industrie vor dem Untergang bewahrt. Jetzt müssen Sie zusehen, wie dieser Erfolg bedroht wird.
Es ist ironisch. Vor neun Jahren hat Präsident Obama die Autoindustrie gerettet, und sein Nachfolger schlägt nun eine Reihe von Zöllen und Handelsschranken vor, die der Autobranche schaden würden. Es ist Teil des größeren Bildes. Die Handelspolitik dieser Regierung wird unseren Unternehmen und unserer Wirtschaft sehr schaden. Es ist zu früh, um aggregierte statistische Daten zu finden, die das belegen. Aber es gibt anekdotische Berichte von einzelnen Unternehmen und wie sie damit umgehen. Harley Davidson ist da nur ein Beispiel.

Wie lässt sich die Situation lösen?
Trump versteht nicht, wie globalisiert Lieferketten geworden sind. Zwischen Europa und Großbritannien gehen Produkte mehrmals hin und her, gleiches gilt für die USA und Mexiko. Unternehmen hatten 20 Jahre Zeit, um ihre Lieferketten zu adjustieren. Wenn man das nun abrupt beendet, ist das extrem teuer und disruptiv. Weder die USA noch Europa werden gewinnen, weil plötzlich auf beiden Seiten Zölle eingeführt werden. Wir werden alle Verlierer sein, und das eine ganze Weile, bis die Unternehmen ihre Lieferketten neu organisieren. Wer Adam Smith gelesen hat, weiß, dass weniger Handel auch eine Welt mit langsameren Wachstumsraten bedeutet.

Was halten Sie von dem Vorschlag, alle Auto-Zölle zwischen der EU und den USA abzuschaffen?
Das ist eine interessante Idee. Die USA erheben ja 25 Prozent Zoll auf Trucks, die Europäer zehn Prozent auf Pkw. Wenn man sich die durchschnittlichen gewichteten Zölle ansieht, liegen die Werte sehr nah beieinander. Wenn man sie abschafft, würde man also weder die eine noch die andere Partei bevorzugen.


Die US-Wirtschaft schlägt sich trotz des Handelsstreits noch sehr gut. Wie kommt das?
Unsere Wirtschaft ist in besserer Verfassung als die in Europa und weniger abhängig vom Export als die Europäer und die Chinesen. Wir werden ein starkes zweites Quartal haben, was vor allem auf die Steuersenkungen zurückzuführen ist. Im Moment geht es unserer Wirtschaft gut, und egal, was man von unserem Präsidenten hält, dem muss man zustimmen. Wie lange das noch so sein wird, weiß ich nicht.

Wie lange wird der Effekt der Steuerreform noch anhalten?
Das ist ein einmaliger Schub. Nach 2018 wird die Steuerreform nicht mehr wirklich helfen. Man kann nicht erwarten, dass die Quartalsgewinne in diesem Tempo weiterwachsen werden.

Wie viel der Steuerreform kommt bei den Verbrauchern an?
Der Großteil der Steuersenkungen ging ja an Unternehmen und reiche Einzelpersonen. Der gestiegene Ölpreis hat einigen Berechnungen zufolge bereits die Hälfte der Steuereffekte des Durchschnittsamerikaners wieder aufgehoben. Es ist also kein großer Effekt.

Herr Rattner, vielen Dank für das Interview.