Schulz probt in Elefantenrunde den Wahlkampf 2021

Im TV ging es nach der Wahl hoch her: In der Elefantenrunde schießt ein angefressener Martin Schulz heftig gegen die Kanzlerin. Bei „Anne Will“ hält Kubicki (FDP) den Ball flach, Özdemir (Grüne) zeigt Lust aufs Regieren.


An Bundestagswahl-Abenden läuft kein „Tatort“. Das war aber auch nicht nötig. Die ARD bot mit Talkrunden ein größeres Spektrum an Emotionen als jeder Krimi. In der „Berliner Runde“, die ARD und ZDF um 20.15 Uhr zeitgleich sendeten, schlug insbesondere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz scharfe Töne an.

Schulz war das schlechte Abschneiden seiner Partei deutlich anzumerken, er wirkte angefressen. Mit 20,5 Prozent liegt die SPD noch einmal deutlich unter dem bisher schlechtesten Ergebnis von 23 Prozent im Jahr 2009. Der als Hoffnungsträger gestartete SPD-Kanzlerkandidat versuchte denn auch, gleich zu Beginn die Deutung über das Ergebnis wiederzugewinnen und Land gutzumachen. Eine Fortsetzung der großen Koalition werde es nicht geben. „Unsere Zusammenarbeit ist mit dem heutigen Tag beendet. Diese große Koalition ist abgewählt worden“, so Schulz. „Wir sind eine Partei, die Verantwortung für dieses Land hat. Eine starke Opposition ist in dieser Situation eine wichtige Aufgabe.“

Im Unterschied zum freundlichen Kurs beim TV-Duell Merkel-Schulz vor der Wahl ging der SPD-Chef in der Folge hart mit der Bundeskanzlerin und ihrer Partei ins Gericht. Angela Merkel sei die „größte Verliererin“ des Wahlabends. Mehr noch: Merkel habe einen „skandalösen Wahlkampf“ gemacht und sich um politische Positionierung herumgedrückt, so Schulz. Die Verantwortung für den Einzug der AfD in den Bundestag trage die Kanzlerin.


Auch mit den Moderatoren von ARD und ZDF legte sich der SPD-Chef an. Schulz pocht darauf, ausreden zu können. Bereits im TV-Duell sei er nicht zu Wort gekommen. Dass es zu einem schwarz-gelb-grünen Bündnis kommen werde, steht für den SPD-Chef am Wahlabend außer Zweifel. „Ich glaube, dass die Widerspruchskoalition zwischen CSU und Grünen zustande kommen wird.“ Merkel werde „jede Konzession machen“, um nun in einer Jamaika-Koalition regieren zu können. „Sie kriegen alles durch“, prophezeite er Grünen und FDP. „Frau Merkel wird ihnen da entgegenkommen.“ Und weiter: „Jemand hat sie als Ideenstaubsauger bezeichnet in einem Kommentar. Fand ich ganz nett.“ Merkel blickt Schulz in diesem Moment an, als wolle sie den SPD-Chef auffressen.

Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckhardt ermahnte Schulz, doch nicht gleich schon mit dem Wahlkampf 2021 zu beginnen. Und FDP-Spitzenmann Christian Lindner konterte: „Wir werden nicht zulassen, dass die SPD bestimmt, wer in eine Koalition gezwungen wird, und wer nicht.“ Lindner merkte süffisant an, Schulz rede sich um Kopf und Kragen. „Herr Schulz hat hier gerade gesagt, eine Koalition aus Grün und Gelb sei eine Koalition der Lähmung. Das heißt, Sie nehmen eine schlechte Regierung in Kauf. Das nennen sie dann Verantwortung.“

Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich nach eigenen Angaben „nicht enttäuscht“ vom Wahlergebnis, wirkte aber doch angekratzt. In Reaktion auf Martin Schulz betonte sie: „Ich bin etwas traurig, dass die gute Arbeit, die wir gemacht haben in der großen Koalition nun so schlecht geredet wird.“ Sie registrierte immerhin, wie die Grüne und FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner als ihre mutmaßlichen künftigen Koalitionspartner bereits zu flirten begannen.

Und CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann machte ein ganz neues Fass auf, indem er den öffentlich-rechtlichen Sendern vorwarf, sie hätten durch ihre Sendungen die AfD erst großgemacht. Selbst in der „Berliner Runde“ sei ja vor allem über die AfD gesprochen wurden. Da konnten die Moderatoren Rainald Becker und Peter Frey, Chefredakteure bei ARD und ZDF, allerdings mit Recht darauf verweisen, dass sämtliche Studiogäste bei Fragen zum Thema AfD geradezu übersprudelten.


Es ging also hoch her in der mit sieben Gästen seit langem größten „Elefantenrunde“ der im neuen Bundestag vertretenen Parteien - und das setzte sich im Anschluss in Anne Wills Talkshow weiter fort. Dort prophezeite der einzige Nicht-Politiker der Runde, „Stern“-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, im ersten Redebeitrag, dass wegen des Wahlausgangs die Führungen der Volksparteien „alle mittelfristig abgelöst“ würden. Außer Schulz, bei dem sich das bereits abzeichne, werde das auch Merkel und erst recht Horst Seehofer treffen, bemerkte der Journalist im Gestus einer aufgekratzten Kassandra.

Die CDU vertrat Ursula von der Leyen, die sich in umständlichen Sätzen erst mal erfreut äußerte, dass die bürgerliche Mitte klar stärker sei als „die extremen Ränder“, zu denen sie außer der AfD auch die Linke zählte. Erst auf Nachfrage bekundete die noch amtierende Verteidigungsministerin, dass das Wahlergebnis ihrer Partei nicht gut sei.

Im Verlauf von Wahlabend-Diskussionen hätten ja immer alle die Wahl gewonnen, hob Cem Özdemir an. Er aber wolle trotz des guten Ergebnisses seiner Grünen nicht daran anknüpfen – wegen der „Erdrutsch“-artigen AfD-Gewinne. „In meinem Land gibt's 'ne tiefe Spaltung!“, sagte Özdemir. „Sehen Sie das erst jetzt?“, bemerkte Moderatorin Will schlagfertig.



SPD im „Schmollwinkel“ oder in der Opposition?



Die SPD vertrat mit bitterernster Miene Mecklenburg-Vorpommerns neue Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Der neue Bundestag brauche „eine lebendige Opposition“, verteidigte sie den rasch gefassten Beschluss ihrer Partei, nicht für eine weitere Regierung zur Verfügung zu stehen – den Özdemir den „Schmollwinkel“ nannte. Der Grüne erinnerte an die Verantwortung, die die SPD in vergangenen Epochen übernommen hatte, etwa bevor die Nazis 1933 die Demokratie abschafften. Schwesig schien sich bereits in der neuen Fundamentaloppositions-Rolle gegen CDU, FDP und Grüne zu üben, während Özdemir enorm staatsmännisch („Ab und zu geht's auch mal ums Land und nicht nur um die Partei“) seine Lust aufs Regieren zeigte.

Wolfgang Kubicki vom Koalitionspartner in spe FDP nutzte die Steilvorlagen, um den Ball flach zu halten. "Wir diskutieren, als ob die Machtergreifung der AfD bevorstünde", sagte er, dabei habe die AfD doch bloß gut 13 Prozent der Stimmen errungen.

Tatsächlich saß AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland ebenfalls im Studio. Von ihm waren bereits mehrere längst breit zitierte Wahlkampf-Sätze erneut zitiert worden, bevor er nach einer halben Stunde erstmals direkt zu Wort kam. Es werde lieber „über uns statt mit uns“ geredet, konstatierte er, ohne sich zu ärgern. Dass das der AfD eher nütze als schade, habe die Wahl ja bewiesen. Dann beschwerte er sich aber doch über die „rechtsradikale Keule“, mit der seiner Partei immer konfrontiert würde. Woraufhin von der Leyen flexibel von der „Masche, die wir bei Trump erlebt haben“, sprach.



In der zweiten Talkshow-Hälfte wurde wie gewohnt lange parallel gesprochen, so dass einzelne Argumente oft kaum zu verstehen waren. Bloß hoch her ging es offensichtlich. Einmal erinnerte Gauland an „die großen Debatten“, die er als junger Mann im Radio aus dem Bundestag gehört habe, etwa zwischen Willy Brandt und Rainer Barzel. Und da hatte der AfD-Vertreter tatsächlich einen Punkt.

Wills gute Frage, ob der neue Bundestag ein „besseres Abbild der Gesellschaft“ biete, bejahte „Stern“-Journalist Jörges uneingeschränkt („Der letzte Bundestag war schrecklich“). Kubickis FDP freut sich natürlich, wieder drin zu sein. Dass im alten Bundestag nicht alles gut gelaufen war, kleidete Özdemir in die gegenüber seinem mutmaßlichen künftigen großen Partner gegenüber milde Formulierung, dass die Große Koalition „nicht so einen tollen Job“ gemacht habe.

Wenn die Debatten, die in den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen gelegentlich in Fernseh-Talkshows stattfanden, künftig auch wieder im Parlament mit seinen anderen Regeln – zum Beispiel darf immer nur einer reden, und die Beiträge dürfen länger sein – passieren, kann das der Demokratie nur gut tun. Wenn nicht mehr eine kleine Bundestags-Opposition einer Großen Koalition gegenübersteht, sondern der neuen Bundesregierung eine große Opposition von unterschiedlichen Seiten, könnten sich ja wirklich wieder parlamentarische Sternstunden ereignen wie einst, als Willy Brandt noch im Bundestag saß. Das haben die beiden Talkrunden am Sonntagabend in der ARD schön angedeutet.