O.J. Simpson wird 75: Prophet des postfaktischen Zeitalters

Der Schlüsselmoment im Prozess gegen O.J. Simpson: Der Angeklagte probiert in Gerichtssaal ein Paar Lederhandschuhe an - scheinbar passen sie ihm nicht. (Bild: Getty Images / AFP / VINCE BUCCI)
Der Schlüsselmoment im Prozess gegen O.J. Simpson: Der Angeklagte probiert in Gerichtssaal ein Paar Lederhandschuhe an - scheinbar passen sie ihm nicht. (Bild: Getty Images / AFP / VINCE BUCCI)

Er stand im Zentrum des amerikanischen "Jahrhundertprozesses" und wurde trotz Freispruch erkennbar des Lebens nicht mehr froh. Nun vollendet O.J. Simpson das 75. Lebensjahr - der Mann, dessen Fall am Beginn mancher verheerenden sozialen Entwicklung steht.

Seinen 70. Geburtstag vor fünf Jahren verbrachte der Strafgefangene Orenthal James Simpson hinter den Gittern des Lovelock Correctional Center in Nevada. Dort saß der ehemalige Footballspieler und Filmstar ein, weil er zwei Sammler von Fan-Artikeln mit Waffengewalt zur Herausgabe persönlicher Erinnerungsstücke zwingen wollte. 2017 wurde O.J. Simpson, wie alle Welt ihn nennt, auf Bewährung aus der Haft entlassen. Seit 2021 gilt er als freier Mann. Die weit berühmtere Tat, für die er nie strafrechtlich verurteilt wurde, bestreitet er - mit nunmehr 75 Jahren - noch heute.

"Die Leute glauben mir das oft nicht, aber ich könnte jederzeit neben dem echten Mörder sitzen, ohne es zu wissen", ließ Simpson unlängst einen Reporter des Magazins "The Atlantic" wissen. In seiner Wahlheimat Las Vegas verbringe er nach überstandener Corona-Infektion die meiste Zeit mit Golfen und der Erwiderung öffentlich bekundeter Zuneigung. "Die Leute wollen mir Drinks ausgeben, ich muss dauernd Selfies mit Fans machen. Frauen umarmen mich."

Vor Gericht wurde O.J. Simpson (rechts) unter anderem von seinem Freund Robert Kardashian (Mitte) vertreten. (Bild: Vince Bucci/AFP via Getty Images)
Vor Gericht wurde O.J. Simpson (rechts) unter anderem von seinem Freund Robert Kardashian (Mitte) vertreten. (Bild: Vince Bucci/AFP via Getty Images)

Weit mehr als ein amerikanischer "Cold Case"

Es ist die absurd anmutende Pointe einer Geschichte, die 1994 mit einem heute noch nicht offiziell aufgeklärten Doppelmord begann - und die weit mehr ist als nur ein amerikanischer Kriminalfall. Die Strafsache "The People of the State of California vs. Orenthal James Simpson" entwickelte eine Bedeutsamkeit über die schwierige Wahrheitsfindung hinaus.

Ganz ähnlich wie unlängst im Verleumdungsprozess zwischen den Hollywoodstars Johnny Depp und Amber Heard, den viele Beobachter als Bruch in der "MeToo"-Ära deuteten, kulminierten im Gerichtssaal soziale Spannungen, die den eigentlichen Zweck des Verfahrens schier erdrückten. Show-Effekte wie Simpsons berühmtes Hantieren mit dem scheinbar zu kleinen Lederhandschuh stachen Indizienketten aus.

In einer Verhandlungspause seines Zivilverfahrens 1997 demonstrierte O.J. Simpson Zuversicht. Hier jedoch wurde der ehemalige Footballspieler, anders als im vorausgegangenen Mordprozess, schuldig gesprochen. (Bild: Frederick M. Brown / Getty Images)
In einer Verhandlungspause seines Zivilverfahrens 1997 demonstrierte O.J. Simpson Zuversicht. Hier jedoch wurde der ehemalige Footballspieler, anders als im vorausgegangenen Mordprozess, schuldig gesprochen. (Bild: Frederick M. Brown / Getty Images)

Eine Verfolgungsjagd als mediales Live-Event

Niemand hat das besser herausgearbeitet als Ezra Edelman. Den "Prozess des Jahrhunderts" sowie seine Vor- und Nachwehen hat der US-Filmemacher 2016 zu dem fast acht Stunden langen Doku-Meisterwerk "O.J. Simpson: Made in America" collagiert, das mit dem Oscar gekürt wurde. Aus dem gleichen Jahr datiert die hervorragende TV-Serie "The People v. O. J. Simpson". Wer wissen will, wie die USA die strauchelnde Demokratie wurden, die sie heute sind, findet wenig, das die Anfänge mancher Fehlentwicklung besser veranschaulicht.

Dem amerikanischen TV-Publikum dürften Protagonisten, Aussagen, Schlüsselszenen aus dem Mordprozess allzu bekannt vorgekommen sein. Schließlich wurden sämtliche Geschehnisse im Gerichtssaal live im Fernsehen übertragen - die Urteilsverkündung sahen 150 Millionen Zuschauer weltweit. Bereits O.J. Simpsons Flucht im weißen Ford Bronco auf dem Interstate Highway 405 war ein von Hubschrauberkameras live in die Wohnzimmer gesendetes TV-Ereignis. Es war die Stunde, in der die ganze verheerende Kraft der Massenmedien entfesselt wurde.

2017 wurde O.J. Simpson (Mitte) auf Bewährung entlassen. Seither lebt er in Las Vegas. (Bild: 2017 Getty Images/Pool)
2017 wurde O.J. Simpson (Mitte) auf Bewährung entlassen. Seither lebt er in Las Vegas. (Bild: 2017 Getty Images/Pool)

"Ich bin nicht schwarz, ich bin O.J."

Im Zentrum dieses Tornados: O.J. Simpson, ein talentierter Footballspieler, der nach seiner Profikarriere vom Sport- zum Unterhaltungsstar wurde und der sich jenseits aller Rassengrenzen wähnte: "Ich bin nicht schwarz, ich bin O.J.", lautet das wohl berühmteste Zitat des allseits beliebten Charmeurs, der Mitglied im Golfklub wurde und Teil der High Society von Brentwood war, dem Reichenvorort von Los Angeles.

Die konfliktbehaftete Wirklichkeit pflegte er auszublenden. Den Rassismus, der beim LAPD vonseiten des Polizeipräsidenten quasi öffentlich abgesegnet wurde. Die Willkür und überzogene Gewaltanwendung, die sichtbar wurde etwa am Fall des schwarzen Taxifahrers Rodney King. Nach einem Geschwindigkeitsvergehen wurde der im März 1991 von Polizeibeamten krankenhausreif geprügelt. Obwohl ein Hobbyfilmer den Exzess dokumentiert hatte, wurden die Beamten später freigesprochen.

Um zu verstehen, warum der schwarze Sportstar O.J. Simpson vier Jahre später trotz erdrückender Beweislast gleichfalls freigesprochen wurde vom Vorwurf des Mordes an seiner weißen Ex-Frau Nicole Brown Simpson und ihrem Begleiter, dem Kellner Ronald Goldman, ist es unumgänglich, den Urteilsspruch der überwiegend schwarzen Geschworenenjury im zeitgeschichtlichen Kontext zu sehen.

O.J. Simpson nach seiner Verhaftung am 17. Juni 1994. Was folgte, war ein Strafprozess, der in die Geschichte einging. (Bild: Getty Images)
O.J. Simpson nach seiner Verhaftung am 17. Juni 1994. Was folgte, war ein Strafprozess, der in die Geschichte einging. (Bild: Getty Images)

Menschen glauben keine Fakten, sondern Geschichten

Am Fall O.J. Simpson lassen sich frappierende Entwicklungslinien ins sogenannte "postfaktische Zeitalter" ziehen, in dem wir heute leben. Damals wurde es erstmals so drastisch offenbar: dass unter dem Brennglas der medialen Öffentlichkeit eben nicht die Wahrheit zum Vorschein kommt, sondern dass sie überlagert wird von Geschichten, die Menschen gerne glauben möchten. Darunter auch Verschwörungserzählungen, wie sie den Ermittelnden damals unterstellt wurden. Filterblasendenken heißt so etwas heute, und hätte es den Begriff "Fake News" schon vor gut 20 Jahren gegeben, er wäre ziemlich strapaziert worden.

Der Freispruch, verkündet am 3. Oktober 1995, entzweit Amerika noch heute - eine Nation, die dem programmatischen Versprechen, "united" zu sein, kaum noch gerecht wird. Dass O.J. Simpson in diesem Spannungsfeld ebenfalls eine zerrissen wirkende Persönlichkeit blieb, passt nur zu gut ins Bild.

Alle liebten O.J.: Der ehemalige Football-Star galt als Charmeur und Unterhaltungstalent. Von der dunklen, gewalttätigen Seite Simpsons ahnten viele lange Zeit nichts. Teil 5 der Doku "O.J. Simpson - Made in America" ist noch bis Ende Juli in der ZDF-Mediathek zu sehen. (Bild: ZDF / ESPN Films Inc)
Alle liebten O.J.: Der ehemalige Football-Star galt als Charmeur und Unterhaltungstalent. Von der dunklen, gewalttätigen Seite Simpsons ahnten viele lange Zeit nichts. Teil 5 der Doku "O.J. Simpson - Made in America" ist noch bis Ende Juli in der ZDF-Mediathek zu sehen. (Bild: ZDF / ESPN Films Inc)

Eine Skandalbuch gewordene Provokation der Hinterbliebenen

1997 wurde der zuvor Freigesprochene in einem Zivilprozess des Doppelmordes schuldig erkannt. Von der festgesetzten Schadensersatzleistung an die Hinterbliebenen von 33,5 Millionen US-Dollar floss jedoch nur ein winziger Bruchteil. Strafrechtlich bindend war dieses Urteil ohnedies nicht.

2006 schlug das offen klaffende Trauma eine groteske Volte. Simpson kündigte beim Fernsehnetzwerk Fox an, ein Buch zu veröffentlichen, in dem er den Tathergang schildern wolle, wäre er der Täter - rein hypothetisch! "If I Did It" ("Wenn ich es getan hätte") hieß das Skandalwerk, das von den Opferfamilien als blanke Provokation aufgefasst werden musste. Die Veröffentlichung wurde zunächst verboten, dann wurde der Text nach Verfügung eines Konkursrichters doch verlegt zu den finanziellen Gunsten der Hinterbliebenen.

Ähnliche Skandalschlagzeilen lieferte O.J. Simpson seit dem Verbüßen seiner Haftstrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls kaum noch. Auf dem Trümmerfeld dieser spektakulär gescheiterten Star-Existenz ist ein wenig Ruhe eingekehrt. Dass aber der nunmehr 75-Jährige auf den Golfplätzen seiner neuen Wahlheimat Las Vegas inneren Frieden finden wird, ist nur schwer vorstellbar.

O.J. Simpson war während und insbesondere nach seiner Karriere als Footballprofi medial allgegenwärtig.  Teil 5 der Doku "O.J. Simpson - Made in America" ist noch bis Ende Juli in der ZDF-Mediathek zu sehen. (Bild: ZDF / ESPN Films Inc)
O.J. Simpson war während und insbesondere nach seiner Karriere als Footballprofi medial allgegenwärtig. Teil 5 der Doku "O.J. Simpson - Made in America" ist noch bis Ende Juli in der ZDF-Mediathek zu sehen. (Bild: ZDF / ESPN Films Inc)
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