Nur Tesla kann das drohende Chaos an unseren Ladesäulen noch verhindern

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Die Supercharger von Tesla sind eine ideale Ergänzung zur deutschen Ladeinfrastruktur.
Die Supercharger von Tesla sind eine ideale Ergänzung zur deutschen Ladeinfrastruktur.

Die gute Nachricht zuerst: Deutsche kaufen immer mehr E-Autos. Der Marktanteil der rein Akku-elektrischen Fahrzeuge betrug im Mai knapp zwölf Prozent. Die Tendenz ist seit Monaten stabil, was auch damit zusammenhängt, dass der Bund den Kauf mit saftigen Prämien fördert. Bei den für die Akzeptanz der E-Autos so wichtigen Ladestationen sieht die Lage allerdings anders aus. Pro Monat werden laut VDA-Präsidentin Hildegard Müller in Deutschland nur rund 1.000 neue Ladepunkte installiert. Die schlechte Nachricht: Das ist viel zu wenig.

In Berlin kann man die Folgen des schleppenden Ausbaus schon beobachten. Vielerorts streiten sich mehrere Fahrzeughalter um einen Platz an der Ladesäule. Nicht nur Privatbesitzer suchen einen Stromanschluss, auch die vielen Fahrzeuge der Carsharing-Betreiber wollen teilweise täglich geladen werden. Als erste Reaktion auf die unzureichenden Investitionen vieler Automobilhersteller will die Stadt Berlin nun selbst aktiv werden. An öffentlichen Straßen sollen Schnellladesäulen entstehen, in Parkhäusern und Einkaufszentren Ladestationen für das Aufladen über längere Zeit. Die Rede ist laut Berliner Morgenpost etwa von jeweils zehn Schnellladern pro Bezirk. Bis das Vorhaben vollständig umgesetzt ist, dürfte es allerdings noch einige Jahre dauern.

Das Ladesäulen-Dilemma ist hausgemacht

Wie viele Ladepunkte es bundesweit gibt, ist schwer herauszufinden. Laut der Bundesnetzagentur waren es Stand 1. Juni dieses Jahres insgesamt 37.705 Normalladepunkte und 6.395 Schnellladepunkte. Allerdings müssen Betreiber ihre Angebote bei der Agentur melden und einer Veröffentlichung zustimmen. Daher meldet die App des Startups „Chargemap“ eine andere Zahl. Da sind es rund 78.000 Ladepunkte, wovon rund 14.000 angeblich Schnelllader sind. Chargemap bezieht seine Daten wiederum von den Anbietern der Ladekarten.

Eines ist klar: Der Ausbau wird nicht mit der zunehmenden Verbreitung von E-Autos mithalten. Bundesweit teilten sich im vergangenen Jahr bereits rund 14 E-Autos eine Ladesäule. Im Mai 2021 waren es 17 Fahrzeuge. Besonders eng ist es an Schnellladern, die mehr als 150 Kilowatt leisten. Davon gibt es vor allem in den Städten viel zu wenig. Aber je länger ein Ladevorgang dauert, desto länger ist auch die Ladesäule blockiert.

Hinzu kommt das Problem mit dem Bezahlen. Der Bund hat es verpasst, die Ladesäulenbetreiber von Anfang an zu einem einheitlichen Abrechnungssystem zu verpflichten. So benötigen E-Auto-Fahrer derzeit eine Handvoll Ladekarten, um sich halbwegs schrankenlos durch Deutschland und Europa bewegen zu können.

Ohne Tesla wird es nicht gehen

Die Bundesrepublik wird deshalb ein Mal mehr auf Hilfe von einem US-Unternehmen angewiesen sein: Tesla. Der E-Auto-Pionier aus Kalifornien hat es von Anfang an verstanden, dass man Kunden nicht einfach nur ein Auto hinstellen darf, sondern auch für Komfort und Zuverlässigkeit beim Laden sorgen muss. Weltweit hat Tesla laut dem Datenportal Statista bereits knapp 25.000 Schnelllader installiert, in Deutschland stehen etwa 850 davon. Nutzen dürfen diese bislang aber ausschließlich Besitzer von Tesla-Fahrzeugen. Dabei würden die strategisch gut verteilten Standorte etwa an Autobahnen und Innenstädten die Lage aller E-Autofahrer deutlich verbessern.

Tatsächlich scheint sich nun etwas zu bewegen. Im Dezember 2020 twitterte Tesla-Chef Elon Musk, das Supercharger-Netzwerk für andere Fahrzeuge öffnen zu wollen. Zwischen Musk und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer soll es sogar Gespräche über den Plan gegeben haben. In Norwegen sind die Pläne schon konkreter: Dort sollen Fremdfahrzeuge ab 2022 vereinzelt an Superchargern laden dürfen.

Die Öffnung auch in Deutschland wäre nur zu begrüßen. Sie würde das drohende Chaos an den öffentlichen Ladesäulen wohl verhindern und Städten wie Herstellern mehr Zeit für den Ausbau der eigenen Infrastrukturen geben. Nachteile entstehen allerdings bei Tesla-Kunden, für die das exklusive Supercharger-Netzwerk bislang ein wesentliches Kaufargument ist. Sie müssen damit rechnen, dass vor allem an Autobahnen und zu Urlaubszeiten sehr viele E-Auto-Besitzer fremder Marken die Schnelllader aufsuchen werden. Das ist ein Risiko für Tesla.

Letztlich zeigt das Gezerre um die Ladestationen aber vor allem eines: Die Strategie der Bundesregierung für die Elektromobilität ist unüberlegt. Es reicht nicht, bloß Kaufprämien rauszuhauen. Die Autos wollen auch geladen werden. Und zwar nicht über Stunden, sondern möglichst schnell in Minuten. Vor allem bei den Schnelladern hat es der Bund versäumt, früh in Infrastruktur zu investieren. Die Hilfe von Tesla ist hoffentlich der letzte Warnschuss.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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