Nur die Ruhe vor dem Sturm


In Barcelona herrschte am Samstag gespenstische Ruhe. Die Sonne schien, die Straßencafés waren gefüllt und nichts deutete darauf hin, dass die Stadt ebenso wie die Region Katalonien und ganz Spanien gerade vor den gefährlichsten Moment ihrer jüngeren Geschichte steht.

Dabei haben sich die politischen Ereignisse an diesem Wochenende überschlagen. Am Freitag hat das katalanische Parlament die Unabhängigkeit der Region erklärt. Zeitgleich hat der spanische Senat die Zwangsverwaltung Kataloniens beschlossen. Der spanische Premierminister Mariano Rajoy enthob die komplette Regierung ihres Amtes. Und der just abgesetzte katalanische Ministerpräsident Carles Puigdemont rief per Videobotschaft zu friedlichem Widerstand gegen den Beschluss aus Madrid auf. Einen Widerhall auf der Straße fanden all diese Entscheidungen am Samstag aber nicht. Es schien, als wüsste die Bewegung nun selbst nicht, wie es weitergehen soll.


Möglich ist, dass sich die Bewegung erst sammeln und die nächsten Schritte planen muss. Denkbar ist auch, dass die Verhaftung der beiden Chef der zwei separatistischen Bürgerbewegungen ihre Organisationen stärker geschwächt hat als erwartet. Dafür spricht eine verunglückte Aktion, mit der die beiden Bewegungen ihre Anhänger kurz nach der Verhaftung am Freitag vergangener Woche dazu aufriefen, Geld von ihren Konten abzuheben. Das Ziel war, zu zeigen, dass viele Schritte von Einzelnen eine große Wirkung entfalten können. Beides blieb aus: Es beteiligten sich kaum Anhänger, es gab keine Schlangen vor den Geldautomaten und die Banken berichteten von einem normalen Geschäft.

Auch für den Freitag hatten die Organisationen zur Demonstration vor dem Parlament aufgerufen. Es war der Tag, an dem die Unabhängigkeit nach so vielen Jahren des Kampfes erklärt werden sollte. Doch gerade einmal 17.000 Menschen trieb es zur Feier auf die Straßen. In diesen Tagen keine beeindruckende Zahl.

Und am Sonntag dann folgende Zahlen: Bei der Neuwahl am 21. Dezember müssen die Separatisten Kataloniens nach einer Umfrage mit einem Verlust der Mehrheit im Regionalparlament rechnen. Bei einem Urnengang zum jetzigen Zeitpunkt würden die drei nach Unabhängigkeit der spanischen Region strebenden Parteien zusammen auf höchstens 42,5 Prozent der Stimmen und damit 65 Sitze kommen, wie aus einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage des angesehenen Forschungsinstituts Sigma Dos im Auftrag der Zeitung „El Mundo“ hervorgeht. Für die absolute Mehrheit sind in Barcelona mindestens 68 Sitze nötig.



Bisher noch keine politischen Reaktionen


Doch es dürfte die Ruhe vor dem Sturm sein. Bis auf Puigdemonts knappe Videobotschaft und eine ähnlich geartete Twitter-Nachricht seines Vizes gab es keine politischen Reaktionen in Katalonien. Die werden nicht lange auf sich warten lassen. Spätestens ab Montag wird sich zeigen, wie der friedliche Protest aussehen soll. Dann werden die neuen Chefs aus Madrid in den Ministerien in Barcelona das Regiment übernehmen.

Für etwas Beruhigung inmitten all der Ungewissheit, die nun über Katalonien liegt, sorgte die Reaktion des Chefs der katalanischen Polizei Mossos d‘Esquadra. Madrid hatte auch ihn abgesetzt. Anders als Puigdemont akzeptierte er aber den Verlust seines Postens und appellierte an die Truppe, loyal gegenüber seinem bisherigen Stellvertreter zu sein, der ihn nun ersetzen wird.


Den Mossos wird Untätigkeit in dem Konflikt vorgeworfen, vor allem während des illegalen Referendums. Die schlimmsten Befürchtungen - dass es zum Streit zwischen der spanischen und der katalanischen Polizei kommen könnte – scheinen sich damit nicht zu bewahrheiten. Die Mossos haben den Begleitschutz für die abgesetzten katalanischen Minister bereits eingestellt und halten ihn nur noch für Puigdemont aus Sicherheitsgründen aufrecht.

Es spricht einiges dafür, dass die Zwangsmaßnahmen nicht in ein allen Ministerien so reibungslos verlaufen werden. Die Bürgerbewegungen und auch die antikapitalistische Partei CUP haben bereits zum passiven Widerstand nach dem Motto „Schützt unsere Institutionen“ aufgerufen. Puigdemont hat bislang auch noch nicht definiert, wie der Widerstand denn aussehen soll. Wenn sich die Akteure wieder geordnet haben und ihre Proteste anschieben, werden die Straßen von Barcelona nicht mehr so ruhig sein.

Am heutigen Sonntag schon wird sich das Bild ändern – die Gegner der Unabhängigkeit haben für den Mittag eine Demonstration angekündigt.