Nur noch Magerkost


Gleich mehrfach rutschte den Besitzern von Anleihen in diesem Jahr das Herz in die Hose. Zu Jahresbeginn machten die anstehenden Wahlen in Frankreich den Anlegern Sorge, weil lange Zeit nicht ausgeschlossen war, dass die rechtsextreme Marine Le Pen, die in Frankreich den Euro abschaffen wollte, das Rennen macht. Bis Mitte Februar hatte sich der Risikoaufschlag französischer zu deutschen Staatsanleihen auf knapp 0,8 Prozentpunkte fast verdoppelt. Die Rendite zehnjähriger französischer Bonds stieg in diesem Zeitraum auf 1,1 Prozent. Das entsprach einem Kursverlust von fast vier Prozent. Diese Größenordnung gilt am Anleihemarkt als heftige Bewegung. Als sich aber der Sieg des europafreundlichen Emmanuel Macron abzeichnete, beruhigte sich die Lage schnell wieder.

Ende Juni schickte dann EZB-Chef Mario Draghi die Anleihekurse auf Tauchstation. Dabei waren es nur wenige Worte, die der Chef der Europäischen Zentralbank beim jährlichen Treffen der Notenbank im portugiesischen Sintra gesprochen hatte. Die Anzeichen deuteten auf eine breitere Erholung in der Euro-Zone hin und deflationäre Kräfte, die die Teuerung belasten, seien durch reflationäre Kräfte, also preissteigernde Faktoren, ersetzt worden, sagte Draghi. Investoren interpretierten dies als Hinweis auf einen schneller als erwarteten Ausstieg der EZB aus ihren milliardenschweren Anleihekäufen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg innerhalb von neun Tagen von 0,25 auf bis zu 0,6 Prozent, der Kurs sackte um knapp vier Prozent ab.


Seither ist erneut Ruhe eingekehrt. Im Oktober hat die EZB angekündigt, ihre Anleihekäufe ab Januar für zunächst neun Monate auf 30 Milliarden Euro zu halbieren. Die Anleihekurse stiegen sogar wieder leicht, die zehnjährige Bundesanleihe rentierte entsprechend zuletzt mit rund 0,4 Prozent. Das liegt laut Fondsmanagern und Analysten vor allem daran, dass die Ankündigung gut vorbereitet war. Zudem fielen zuletzt einige Konjunkturdaten nicht ganz so gut aus wie erwartet. Das war für einige Investoren Grund genug, Kapital aus risikoreicheren Anlagen wie Aktien in Zinspapiere wie Bundesanleihen umzuschichten. Auf Jahressicht haben Anleger mit deutschen Bundesanleihen dennoch einen Verlust gemacht – gemessen am deutschen Staatsanleihen-Index von ICE BofAML sind es 1,2 Prozent.

Mit Anleihen der Euro-Randländer erwirtschafteten Anleger dagegen auf Jahressicht erstaunliche Gewinne. So summierten sich die Gesamterträge aus Zinseinnahmen und Kurssteigerungen bei portugiesischen Staatspapieren auf rund 14 Prozent. Die wirtschaftliche Lage in Portugal hat sich gebessert, und das würdigte im Herbst die Ratingagentur Standard & Poor’s, indem sie Portugals Rating zum ersten Mal seit fünfeinhalb Jahren wieder im Investment-Grade für kreditwürdige Schuldner einstufte.

Mitte Dezember zog auch Fitch Ratings nach und gab Portugal ebenfalls wieder ein Investment-Grade Rating. Noch mehr Gewinne machten Anleger mit griechischen Staatsanleihen. Hier sind die Handelsumsätze jedoch sehr niedrig und viele große institutionelle Investoren halten sich in Griechenland nach wie vor zurück, auch weil Griechenland in keinem großen Staatsanleiheindex mehr vertreten ist.


Italien ist dagegen ein Schwergewicht in den Bond-Indizes, und mit italienischen Bonds machten Anleger ein Plus von immerhin 1,3 Prozent. Bei spanischen sind es 1,5 Prozent. Dabei schwankten die Kurse aber deutlich mehr als bei Bundesanleihen. Elmar Völker, Stratege bei der Landesbank Baden-Württemberg, geht davon aus, dass Staatsanleihen – ebenso wie Firmenbonds – aus Südeuropa auch im kommenden Jahr noch von ihrer höheren laufenden Verzinsung zehren werden. Dabei sei aber nicht mehr mit geringeren Mehrerträgen zu rechnen als in diesem Jahr.

Das zeigt: Es ist schwierig geworden, mit Anleihen Geld zu verdienen. Im nächsten Jahr dürfte sich dieses Problem noch verschärfen. Ein Grund dafür ist, dass sich die EZB als großer Käufer nach und nach vom Anleihemarkt zurückziehen wird. Damit sinkt die Nachfrage nach Zinspapieren. Das Anleihekaufprogramm wird zwar nach Ansicht von David Zahn, Europa-Anleihechef beim Fondshaus Franklin Templeton, auch im September nicht schlagartig auslaufen, zumal die EZB fällige Anleihen noch lange in Bonds reinvestieren wird. Dennoch: Unter dem Strich erwarten die meisten Strategen leicht steigende Renditen und damit fallende Kurse am Bondmarkt.


Stärkere Schwankungen erwartet


Die fallenden Kurse stören nur die Anleger nicht, die Anleihen kaufen, bis zur Fälligkeit halten und somit Kursverluste aussitzen. Doch Buy-and-Hold lohnt sich bei Bonds immer noch nicht. Wer jetzt noch zehnjährige Anleihen kaufen und bis zur Fälligkeit halten will, bekommt in Deutschland dafür nur 0,4 Prozent Rendite pro Jahr. Das lohnt sich angesichts der Inflationsrate von zuletzt 1,8 Prozent ganz und gar nicht. Bis Ende des Jahres rechnen Volkswirte mit einem Anstieg der zehnjährigen Bund-Rendite auf 0,9 Prozent. Auch in den Euro-Randländern gibt es für Einsteiger nicht mehr viel Rendite. Zehnjährige Staatsbonds rentieren in Spanien mit 1,5 Prozent, in Italien sind es 1,9 und in Portugal 1,7 Prozent. Lediglich in Griechenland gibt es noch vier Prozent – das Land ist aber nach wie vor auf Hilfen der europäischen Partner angewiesen.

Unternehmen haben die Investoren am Anleihemarkt mit Blick auf die Rendite ebenfalls auf Diät gesetzt. Wer jetzt noch Unternehmensanleihen mit ordentlicher Bonität kauft, bekommt dafür im Schnitt gerade mal eine Rendite von 0,7 Prozent. Der Renditeaufschlag zu Bundesanleihen ist auf 0,8 Prozentpunkte gesunken und liegt damit so niedrig wie seit zehn Jahren nicht. „Der zurzeit geringe Risikoaufschlag bei Staatsanleihen dürfte sich ausweiten“, ist Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkundenstrategie bei der Deutschen Bank, überzeugt. Auch Pieter Jansen, Stratege bei NN Investment Partners sieht die Gefahr von steigenden Risikoprämien bei Unternehmensanleihen. Dabei müssen sich Anleger im neuen Jahr auch bei Firmenbonds auf stärkere Schwankungen einstellen als 2017. Das gilt laut Stephan von der Deutschen Bank vor allem ab dem nächsten Sommer, wenn die Diskussionen über das Aus der EZB-Anleihekäufe nach dem September 2018 hochkochen.


In den USA sind die Renditen zwar schon höher als im Euro-Raum, aber attraktive Einstiegschancen sehen Strategen auch hier nicht. Das gilt vor allem für Privatanleger, die Währungsrisiken nicht absichern. Zwar rechnen die meisten Devisenanalysten damit, dass der Dollar in diesem Jahr zum Euro steigt. Das hatten sie bereits für 2017 Jahr vorausgesagt – doch der Dollar brach zum Euro auf Jahressicht um mehr als elf Prozent ein.

Dabei rechnen Ökonomen auch in den USA im nächsten Jahr mit leicht steigenden Anleiherenditen und damit fallenden Kursen. Laut Prognosen wird die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen 2018 von zuletzt 2,5 Prozent auf knapp drei Prozent steigen. Viel hängt davon ab, wie stark die US-Notenbank die Leitzinsen weiter erhöht. In diesem Jahr hat sie den Leitzins in drei Schritten auf ein Band zwischen 1,25 bis 1,5 Prozent angehoben. Für das kommende Jahr hat die US-Notenbank drei weitere Zinsschritte avisiert.

In diesem Umfeld schlägt die Stunde der Strategen. Geld lässt sich am Bondmarkt nur noch verdienen, wenn man viele verschiedene Anleihen mixt, riskantere Zinspapiere von schwachen Schuldnern beimischt und kurzfristig erzielte Gewinne schnell realisiert, also Anleihen verkauft. In großem Stil können das nur aktive Fondsmanager. Bei den Fonds zehren allerdings die Gebühren an der Rendite – und große Gewinne gibt das Umfeld einfach nicht her. Auch bei Rentenfonds müssen sich Anleger somit auf Magerkost einstellen.


Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 15 Teile und läuft vom 21. Dezember bis 4. Januar 2018. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 7 (27.12.): Aktien Skandinavien

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis


KONTEXT

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ. Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.