Nur noch Blechbieger: Die Autokonzerne haben den Kampf gegen die Tech-Branche verloren

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Der Playstation-Konzern Sony überraschte auf der CES in Las Vegas mit einem eigenen Auto.
Der Playstation-Konzern Sony überraschte auf der CES in Las Vegas mit einem eigenen Auto.

In den vergangenen Jahren war die CES in Las Vegas für Autohersteller das wichtigste Event des Jahres. Der Wunsch der Industrie, sich auf der Messe als zukunftsgewandt zu präsentieren und neue Käuferschichten anzusprechen, wurde mit dem Druck durch die Digitalisierung immer größer.

Verständlich: Denn in Zeiten, in denen Infotainmentsysteme und Fahrerassistenzen die wichtigen Verkaufsargumente sind, ist die CES eine ideale Leistungsschau. Allerdings kommen diese Technologien nicht mehr von den Herstellern selbst. Vor allem selbstbewusste Tech-Unternehmen machten in den vergangenen Tagen deutlich, dass die Autokonzerne mehr und mehr abhängig von den Ideen der Tech-Zulieferer sind.

Intel, Mobileye, Qualcomm und Nvidia überboten sich in Las Vegas mit neuer Hardware. Alle haben die Infotainmentsysteme und das autonome Fahren im Blick und alle vier bieten dafür neue Lösungen. Es entsteht der Eindruck, das autonome Fahren stehe kurz vor dem Durchbruch und sei nur eine Frage der Zeit bis zur Marktreife. Gerechnet wird damit nicht erst bis Ende dieses Jahrzehnts. Schon in den nächsten drei bis vier Jahren soll es soweit sein. Dazu hat die CES gezeigt, welche Automarke in Zukunft welchen Tech-Zulieferer für seinen Fortschritt bevorzugt.

Tech-Konzerne sind Innovationstreiber

Der Chipfabrikant Qualcomm etwa hat sich BMW, Volvo und Renault als Partner gesichert. Nvidia arbeitet exklusiv mit Daimler zusammen und Intel wiederum baut über die Tochterfirma Mobileye seine Technik in eine ganze Reihe von Fahrzeugen ein. Die meisten Hersteller haben es komplett aufgegeben, eigene Betriebssysteme für das autonome Fahren und das Infotainment zu entwickeln. Es ist einerseits zu teuer, andererseits haben viele Marken erkannt, dass ihnen die Kompetenz dazu fehlt. In einem Markt, der sich enorm schnell entwickelt, haben die Hersteller aber nicht die Zeit, den Wandel zum Software-Unternehmen zu vollziehen.

Diese Schwäche hat die Tech-Branche erkannt – und nutzt sie gnadenlos aus. Künftig könnten gar weitere Kernkompetenzen der Hersteller in ihre Hände fallen. So hat Qualcomm ein ganzes digitales Chassis entwickelt, das sich auf alle Fahrzeugmodelle eines Konzerns übertragen lässt. Auch Nvidia hat etwas Ähnliches im Angebot. Die Aussage dahinter lautet: „Wir bauen das Herz des Autos, die Hersteller schweißen das Blech zusammen.“

Der Bedeutungsverlust der Autobranche war global noch nie so deutlich wie in diesem Jahr auf der CES. Natürlich hat Corona eine Präsenz vor Ort nicht zugelassen, aber dass es nur wenige virtuelle Präsentationen gab, spricht Bände. Man hatte einfach nichts zu zeigen, was aus eigener Software-Herstellung kommt. Für die neuen Autos eignen sich die wenigen verbliebenen Autoshows, vor allem jene in China, dann doch immer noch besser.

Nur Daimler bleibt ein Lichtblick

Eine Ausnahme gab es in Las Vegas dann aber doch: Daimler war der einzige Hersteller, der immerhin eine spannende Studie zeigte. In das Modell EQXX haben die Ingenieure alles reingepackt, was Daimler an Technologie zu bieten hat. 1000 Kilometer Reichweite soll das Fahrzeug haben, der Innenraum ist aus recyceltem Material. Der Prototyp soll zeigen, wohin die Reise beim deutschen Hersteller in den nächsten Jahren geht.

Es zeigt auch, dass für die deutsche Autoindustrie noch nicht alles verloren ist. Aber der selbstbewusste Auftritt der Tech-Branche zwingt Konzerne wie Volkswagen, Daimler und BMW zum Umdenken. Die Reichweite eines E-Autos dürfte sicher noch lange die tragende Rolle bei der Kaufentscheidung spielen. Aber wie schon bei den Verbrennungsmotoren heute wird es da in wenigen Jahren kaum noch Unterschiede geben.

Was die Konsumenten dann zum Kauf treiben wird, sind andere Dinge. Das Smartphone ist das beste Beispiel: Neben dem Preis entscheiden vor allem die technische Ausstattung und das digitale Ökosystem über den Kauf. Dieses Öko-System kommt von Unternehmen wie Apple oder Google. Die Autohersteller werden künftig also abhängig von den Innovationen und der Entwicklungsgeschwindigkeit der Tech-Branche sein.

Das unterstreicht auch der Playstation-Konzern Sony. Der gab auf der CES bekannt, selbst ein Auto bauen zu wollen. Gezeigt wurde eine überarbeitete Version eines vor zwei Jahren an gleicher Stelle vorgestellten Prototyps. Neu war die Ankündigung, das Projekt nun tatsächlich umzusetzen. Eine Entwicklereinheit wurde bereits gegründet. Damit steigt Sony nicht unbedingt in den Autohandel ein, aber hält sich zumindest die Option offen.

Der Trumpf, der der Autoindustrie am Ende bleibt, ist das Wissen um die Produktionsabläufe und den Vertrieb der Fahrzeuge. Wie schon Tesla-Chef Elon Musk feststellte, ist es eine Sache, gute Ideen zu haben, eine andere ist es, die Ideen dann in Form eines Autos zu produzieren und zu vertreiben. Dies könnte dann auch die Zukunft der Autoindustrie sein. Man produziert eine Blechhülle, die von Tech-Konzernen zum Leben erweckt wird.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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