Nur Donald Trump stört den Aufschwung der deutschen Wirtschaft

Viele Exporte, sinkende Arbeitslosenzahlen, steigende Staatsausgaben – gute Vorzeichen für die deutsche Wirtschaft. Wenn nur Trumps Zollpolitik nicht wäre.


Boom, Boom, Boom. In diesem Jahr, dem neunten des Langzeitaufschwungs, wird Deutschland für hiesige Verhältnisse kräftig wachsen, 2019 dann aber wohl längst nicht mehr so stark. Soweit sind sich die Ökonomen an diesem Mittwoch einmal erstaunlich einig. Die Bundesregierung liegt mit ihrer im Februar auf 2,4 Prozent für 2018 erhöhten offiziellen Prognose im Mittelfeld.

Am vorsichtigsten sind die Wirtschaftsweisen: Die fünf Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung trauen sich nur zu einer minimalen Erhöhung ihrer Herbstprognose von 2,2 Prozent auf jetzt 2,3 Prozent: Die Exporte laufen ein wenig besser als erwartet, die Binnenkonjunktur aber befindet sich schon am Wachstumslimit.

„Die Knappheit an Arbeitskräften dürfte die Wachstumsdynamik zunehmend bremsen“, schreiben die Weisen in ihrer neuen Konjunkturprognose. 2019 trauen sie Deutschland nur noch ein Wachstum von 1,8 Prozent zu.



So pessimistisch für das kommende Jahr ist auch das Handelsblatt-Research Institute, das in diesem Jahr mit seiner 2,5 Prognose fast so optimistisch bleibt wie das Ifo-Institut mit 2,6 Prozent.

Prognosen sind natürlich keine Gewissheiten. Meist zeigt sich aber, dass die Frühjahrsschätzungen für das laufende Jahr im Wesentlichen zutreffen. Die Nachkommastellen stehen allerdings für eine Genauigkeit, die das Fortschreiben der Entwicklung des letzten Jahres und der ersten zwei Monate nicht wirklich leisten kann. Die Wirtschaft in Deutschland wächst also, zusammenfassend gesagt, 2018 ungefähr um Zweieinhalb Prozent.

Was sich in den März-Prognosen in den erläuternden Texten fast aller Ökonomen geändert hat: Sie sehen Deutschland jetzt in einer „Hochkonjunktur“. Vor einem Jahr weissagte dies allein das IfW-Kiel. Diese Diagnose bedeutet, dass die Wirtschaft an Wachstumsgrenzen stößt: Die Fabriken produzieren an der Kapazitätsgrenze, es wird schwieriger, Arbeitskräfte zu finden.

Wie stark dies den Aufschwung ab nächstem Jahr verlangsamen wird, dürfte mit davon abhängen, wie schnell es den Firmen gelingt, ihre Investitionen in neue Anlagen hochzufahren und die Produktion auszuweiten.  

Dass die Konjunktur stärker ist als von vielen erwartet, liegt daran, dass etliche deutsche Ökonomen die Erholung im Euro-Raum im vergangenen Jahr unterschätzt hatten. Es ist der wichtigste Absatzmarkt für die deutsche Exportwirtschaft, die deshalb seit Mitte 2017 stärker in Schwung gekommen ist. „Die Warenexporte dorthin entwickelten sich zuletzt äußerst positiv“, schreiben die Wirtschaftsweisen.

Und erstmals seit der Finanzkrise 2008 wachsen aktuell alle Wirtschaftsräume der Welt synchron, Auch das heißt: Aufträge für Maschinen- und Autobauer sowie die Chemieindustrie aus Deutschland. Der IWF erwartet auch vom Welthandel mit fast vier Prozent plus in diesem und nächstem Jahr Impulse für die Weltwirtschaft.



Nur ist der Welthandel so ernsthaft von Protektionismus bedroht wie lange nicht. „Die positiven Wachstumsaussichten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung zuletzt zugenommen haben“, warnen die Wirtschaftsweisen um seinen Vorsitzenden Christoph Schmidt. Das Risiko heißt Donald Trump.

Wie werden die neuen Zölle aussehen, die der US-Präsident verhängen wird? Gegen wen genau werden sie sich richten, welche Antworten finden die EU und China? Sicher ist nur: „Eine Spirale aus protektionistischen Maßnahmen hätte deutliche negative Auswirkungen auf die globale und die deutsche Wirtschaft“, so die Weisen.

Und der Brexit und die unsichere Lage in Italien nach den Wahlen drücken ebenfalls die eigentlich optimistische Stimmung der Wirtschaft. Für die Binnenkonjunktur erwarten die Optimisten unter den Konjunkturbeobachtern, wie Ifo-Experte Timo Wollmershäuser, einen weiteren Schub: „Die Wirtschaftspolitik der neuen Bundesregierung wirkt anregend, da staatliche Transferleistungen und Ausgabenprogramme ausgeweitet werden“, sagte er.

Gerade Beschäftigte mit niedrigen Einkommen dürften mehr Geld netto haben und dieses in den Konsum stecken. Eher pessimistische Forscher wie die Wirtschaftsweisen erwarten weniger vom privaten Konsum.

Wegen der latenten Überhitzungsgefahr, die in einer Hochkonjunktur droht, verlangen die Wirtschaftsweisen eine Zinswende der EZB. Die Forscher vom IfW-Kiel beobachten allerdings. dass auch vor deutlichen Schritten der EZB eine „sanfte Zinswende“ bereits begonnen hat, Kredite bereits etwas teurer sind als vor einem Jahr.


2018 2019
Sachverständigenrat Wirtschaft  2,3 1,8
Institute
HRI 2,5 1,8
Ifo 2,6 2,1
IfW-Kiel 2,5 2,3
RWI 2,4 1,9
DIW 2,4 1,9


Der Industrieverband BDI sieht die deutsche Wirtschaft bei einer Kapazitätsauslastung mit 85 Prozent „am Limit“, so BDI-Präsident Dieter Kempf am Mittwoch. Am deutlichsten zeigt sich das in der Bauwirtschaft: Deren reales Wachstum wird nach Einschätzung der Institute nicht weiter zulegen, sondern auf dem allerdings hohen Niveau des Vorjahres bleiben: Jedes zusätzliche Plus wäre nur höheren Preisen geschuldet, so DIW-Bauexperte Claus Michelsen gegenüber dem Handelsblatt. „Die Entwicklung am Bau läuft seit Mitte 2017 recht schwach. Die Zeichen stehen auf Verlangsamung“, sagte er.

Wie langsam die Konjunktur 2019 wird, darüber gehen die Ökonomen-Meinungen noch weit auseinander. Die Prognosen liegen zwischen 1,8 und 2,3 Prozent. Ohne Scheingenauigkeit zusammengefasst: Knapp zwei Prozent Wachstum sind auch 2019 noch möglich – je nach Schwere des Handelskonflikts.