Im „nullten Semester“ ausprobieren, was passt — warum Orientierungs-Studiengänge nach dem Corona-Abitur jetzt das Richtige sein können

·Lesedauer: 4 Min.

Schon immer fiel es Abiturienten schwer, sich nach der Schule zu entscheiden, wie es weitergeht. Sie pendeln zwischen Jobben, Praktikum, Gap year in Australien oder Südostasien, Ausbildung oder der Idee, einfach nur zu chillen.

Zwar laufen viele Jobs nun wieder an, etwa, weil die Gastronomie händeringend Personal sucht. Doch Praktika sind nach wie vor rar, es sei denn, man möchte etwas online machen. Aber um herauszufinden, in welche Richtung es in Zukunft gehen soll, brauchen junge Menschen eigene Erfahrungen, Gespräche und Kollegen.

Auch das Reisen läuft zur Zeit noch sehr eingeschränkt. Die USA planen, ab Juli wieder Touristen in ihr Land zu lassen, beschlossen ist dies jedoch noch nicht. Und wer kann voraussehen, wie der Herbst sein wird? Vergangenes Jahr endete für so manchen Backpacker unverhofft in einer Maschine, die Außenminister Maas geschickt hat, um gestrandete Deutsche zurückfliegen zu lassen. Statt Meeresschildkröten in Costa Rica aufzuziehen oder auf einer entlegenen Insel ohne Strom zu campen, strandeten die Schulabgänger wieder in ihren Kinderzimmern. Deswegen sind die Orientierungsstudiengänge, welche viele Universitäten anbieten, dieses Jahr besonders attraktiv.

Verschiedene Angebote

Die TU in Berlin offeriert mit MINTgrün einen Studiengang, in dem Interessierte herausfinden können, ob sie sich für Mathe, Informatik, Naturwissenschaften oder mehr für Technik begeistern. Das Jahr ist ein gemischter Spaziergang durch diese Disziplinen. Die Studierenden schnuppern zwei Semester in die MINT-Bereiche und absolvieren eine Prüfung. Im Modul Wissenschaftsfenster setzen sich die Studenten mit der aktuellen Forschung auseinander. Der Schwerpunkt „nachhaltigen Entwicklung“ („daher MINT-grün“) ist ganz auf die Interessen für ökologische Fragen der jungen Erwachsenen abgestimmt. In dem gewählten Studiengang können sich die Absolventen des Jahres ihre Leistungen anerkennen lassen und so in manchen Fällen die Studienzeit verkürzen.

DieseArt von MINT oder Technik-lastigen Orientierungsstudiengänge offerieren inzwischen mehr als 50 Universitäten und Hochschulen. Die Webseite „Komm mach MINT“ verschafft einen einfachen Überblick die verschiedenen Programme.

So bietet die berühmte Ingenieurschmiede, die RWTH Aachen, mit der FH Aachen ein gemeinsam organisiertes Orientierungssemester, das „nullte Semester“ an. Während des Sommersemesters können die Studierenden Kurse aus dem Ingenieurbereich besuchen. Ausprobiert werden kann, ob eine Fachhochschule oder die Universität besser passt. Neben einem Grundlagenprogramm mit Fächern wie Mathematik und Physik sowie einem Wahlprogramm mit Kursen aus den Ingenieurstudiengängen wird insbesondere ein Rahmenprogramm für den erleichterten Studienstart organisiert. Erst zum folgenden Wintersemester müssen sich die Teilnehmenden für eine Hochschule entscheiden und können hier ihr Studium fortsetzen. Die Anmeldungen starten jährlich voraussichtlich Anfang Dezember.

Einen noch breiteren Studien-Schnupperkurs hat die Uni Hannover auf die Beine gestellt. Studieninteressierte haben hier die Möglichkeit, sich Lehrveranstaltungen aus allen Fakultäten und zahlreichen Studiengängen anzuschauen. Sie können ausgewählte Vorlesungen, Seminare und Übungen aus dem regulären Lehrveranstaltungsangebot besuchen und haben so die Chance, bereits vor Beginn des Studiums die Universität Hannover kasuzuprobieren. Alle Studieninteressierten können ohne Anmeldung und ohne formale Voraussetzungen während der gesamten Vorlesungszeit an ausgewählten Lehrveranstaltungen ein paarmal teilnehmen.

Flexiblere Fächerauswahl

Leon aus Berlin (Name geändert) hat letztes Jahr mit „Liberal Arts“ in Groningen angefangen. Begeistert erzählt er, dass er alle paar Wochen ein neues Thema bearbeitet, „Künstliche Intelligenz, Neurowissenschaft, Stadtentwicklung, Kunstaktivismus, eines ist interessanter als das andere“, schwärmt der junge Mann. Nach fünf Wochen schrieb er das erste Essay. Den Mix aus Kursen stellt er selbst zusammen, im zweiten Jahr seines insgesamt dreijährigen Bachelors kann er schon gezielter die Richtung vorgeben, je nachdem, welche Interessen bei ihm geweckt werden. „Ich belege einen Kurs Bildhauerei, das finde ich sehr spannend“. Auf diese Art muss sich der Studierende erst später festlegen, was er genau machen möchte.

Danach möchte er einen Master aufsatteln, am liebsten am MIT in den USA. Auch dort bildet die Uni eher Generalisten auf hohem Niveau aus, die verschiedene Jobs in der Wirtschaft, Gesellschaft, Kunst oder Medien arbeiten können. Sehr reflektiert parliert der junge Mann über die Folgen des Einzugs der Künstlichen Intelligenz in das Leben der Städte, die Vernetzung von Apparaten mit dem Gehirn oder der Frage, welche gesellschaftlichen Debatten durch den Aktivismus on der Kunst ausgelöst werden. Nach einer Stunde Gespräch möchte man am liebsten wieder an die Uni, und zwar nach Groningen. Der Studiengang ist definitiv gut für experimentierfreudige junge Erwachsene, die sich nicht auf Jura, BWL und Medizin festlegen mögen.

Wer noch nicht weiß, ob er studieren oder eine Ausbildung machen möchte, kann sich auch beim Program Veronika erkundigen. Das Verbundvorhaben hochschulischer und beruflicher Partner „Verzahnte Orientierungsangebote zur beruflichen und akademischen Ausbildung“ bietet ein Orientierungsjahr für junge Menschen mit dem Zugang für die Hochschule.

Das kann das Fachabitur sein oder eine in einigen Fällen eine abgeschlossene berufliche Ausbildung. Nach diesem Jahr können sich die Interessierte für eine berufliche oder hochschulische Ausbildung entscheiden, wobei das absolvierte Jahr voll auf das Studium oder die Ausbildung angerechnet wird.

Das vom BMBF geförderte Verbundvorhaben wird in drei Bundesländern — Baden-Württemberg, Berlin, Hessen — gemeinsam von Akteuren der beruflichen und akademischen Bildung im Themenspektrum von Ingenieurwissenschaften bis zur Sozialen Arbeit entwickelt. In Darmstadt können Interessierte sich so entscheiden, ob sie Soziale Arbeit studieren oder beispielsweise bei der Caritas, dem Roten Kreuz oder der Diakonie eine Ausbildung anstreben wollen. Dabei soll das Orientierungsjahr auf das Studium oder die Ausbildung voll angerechnet werden.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.