Nullnummer in Wembley: Löw auf der Suche nach dem Überfall-Fußball

Joachim Löw schwankte zwischen Lob und Kritik. Der erste "WM-Härtetest" gegen England brachte ihm wichtige Erkenntnisse - nicht alle waren positiv.

Zwischen Big Ben und Buckingham Palace bekam Joachim Löw im nebligen London Zeit zum Grübeln. Der Klassiker der Experimente gegen England hatte den Bundestrainer einerseits zufriedengestellt, ja. Andererseits: "Es lässt jetzt auch nicht die Emotionen in die Höhe springen", sagte Löw nach dem 0:0 im anfangs guten, später dann reichlich faden Prestigeduell im legendären Wembleystadion.

Löw verarbeitete beim samstäglichen Sightseeing nach einem ersten WM-Härtetest, der irgendwie keiner war und "niemanden vom Hocker gerissen hat", einige Erkenntnisse für den Sommer in Russland. Nicht alle waren positiv. Löws Urteil: Die deutschen Fußball-Weltmeister haben in einer makellosen, jedoch kaum herausfordernden Qualifikation den Sinn fürs Blitzartige verloren.

Löw vermisst das "überfallartige Ausbrechen"

"Wir müssen nach Ballgewinnen schneller umschalten, mit Dynamik zum Tor. Das haben wir versäumt. Es ist wichtig, dass wir das Richtung WM wieder einschleifen", sprach Löw recht laut in den Pressesaal hinein, denn sein Mikrofon funktionierte nicht. "Tschechien, Norwegen, Nordirland - das ist nicht unser Maßstab."

Löw knetete seine Hände, die Botschaft war ihm wichtig. "Wir verpassen es, schnell zu spielen", sagte er, "das müssen wir wieder lernen. Gegen solche Gegner muss man überfallartig ausbrechen und durchziehen." Er kündigte für das Trainingslager in Südtirol Ende Mai an, "konsequent" daran zu arbeiten. 

Gelegenheiten gab es in der schwungvollen ersten Halbzeit genug. Der agile Leroy Sane traf die Querlatte (20.), er war zudem an einer kuriosen Dreifach-Riesenchance beteiligt, bei der auch Timo Werner und Julian Draxler scheiterten (23.). Werner stand später alleine vor Torhüter Jordan Pickford, der großartig rettete (39.). 

Dann begann gegen verletzungsgeplagte Engländer die Zeit des Durchbeißens, mit der Manager Oliver Bierhoff gerechnet hatte. "Der November ist fast immer der schwierigste Monat. Da gibt es immer das erste Loch. Die Plätze werden schwerer, es wird kälter", sagte er. Dennoch, betonte der Bundestrainer: "Es war ein klasse Testspiel auf gutem Niveau. Das war das Allerwichtigste."

Ordentliches Debüt von Leipzigs Marcel Halstenberg

Es gab schließlich auch Erfreuliches zu notieren. Löws Systemtest mit einem ungewohnten 3-4-3 verlief weitgehend ruckelfrei, "das kann gegen andere Gegner noch mal wichtig werden", wie Mats Hummels feststellte. Ilkay Gündogan gab nach einem Jahr Zwangspause ein ansprechendes Comeback, Marcel Halstenberg von RB Leipzig ein ordentliches Debüt. 

"Erst Bundesliga, dann Champions League, jetzt Nationalmannschaft: Das sind ganz große Gefühle, die da rauskommen", sagte der Linksverteidiger. Von der Weltbühne Wembley vor 81.382 Zuschauern ging es in die traute Zweisamkeit: Seine Frau hatte am Samstag Geburtstag, ein Tisch im Restaurant war reserviert.

Die Mitspieler zog es eher ans Ufer der Themse. Die Mannschaft bleibt noch eine Nacht in London - sie meidet am 11.11. den Karnevalstrubel in Köln. Dort geht es für die seit 20 Spielen ungeschlagene Nationalmannschaft am Dienstag (20.45 Uhr im LIVETICKER ) zum Abschluss eines erfolgreichen Länderspieljahres gegen Frankreich.  

Jerome Boateng fällt auch gegen Frankreich aus

Das Testen steht für den Bundestrainer ein weiteres Mal oben auf der Prioritätenliste, "sogar über dem Ergebnis". Löw kündigte personelle Wechsel an - in Wembley hatte er beispielsweise Toni Kroos und Sami Khedira geschont, um die Belastung zu steuern.

"Bei einigen Spielern will ich sehen, wie sie sich gegen die Besten beweisen, die unser Maßstab sein müssen", sagte er. Jerome Boateng wird dann nicht mehr dabei sein. Der Innenverteidiger reist zu Wochenbeginn wegen seiner muskulären Probleme vorzeitig nach München zurück.