Notfalltraining auf hoher See


Die Stunden an Bord der „Aquarius“, mit der die Nichtregierungsorganisationen (NGO) Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterannee Flüchtlinge in Seenot retten, verfliegen. Die Aufgaben sind klar verteilt. Während einige NGO-Mitarbeiter im Schichtdienst mit Feldstechern den Ozean nach Schlauchbooten absuchen, proben andere den Ernstfall.

So auch an diesem Tag: Was muss passieren, wenn zu viele Flüchtlinge gleichzeitig an Bord kommen? Das medizinische Team auf der „Aquarius“ besteht aus einer Ärztin, zwei Krankenschwestern und einer Hebamme. Da sie nicht alle Bedürftigen gleichzeitig versorgen können, müssen sie die am stärksten Notleidenden von den anderen unterscheiden. Bewusstlose, Menschen mit Schusswunden oder starker Unterkühlung sind zuerst an der Reihe. Andere Crewmitglieder kümmern sich dann um die weiteren Geretteten.

Mittlerweile hat die Crew das „Krankenhaus“, zwei Räume unter Deck, vergrößert. Der Schutzraum ist hinzugekommen, der im Normalfall Frauen und Kindern vorbehalten ist. Dort versorgt das Team dann zusätzlich Verletzte und Kranke. Jeder an Bord weiß, was er zu tun hat. Geräte müssen transportiert, die anderen Flüchtlinge mit Wasser und Nahrung versorgt werden – ein großer planerischer und logistischer Aufwand.


„Platsch“. Ein oranges Rettungsboot klatscht auf die Wasseroberfläche. Die Rettungs-Crew steigt ein und fährt ein paar Meter aufs Meer hinaus. Dann beginnt die Simulation eines Notfalleinsatzes, die sich an realen Fällen orientiert: Eine schwangere Frau mit Bauchschmerzen muss von dem Rettungsboot an Bord der „Aquarius“ gehievt werden.

Dort stehen die Helfer bereit, tragen Helme und Rettungswesten. Wie Schatten kleben nichtmedizinische Mitarbeiter, die auf Zuruf für die Mediziner arbeiten, an den Krankenschwestern und der Ärztin. Mal müssen sie eine Wärmedecke besorgen, mal Wasser holen, mal Sauerstoff. Jeder an Bord hat einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert und kann Menschen reanimieren.

Als nächstes muss die Crew eine Bewusstlose versorgen, dann einen Menschen mit Wasser in der Lunge, dann ein kleines, unterkühltes Kind. Defibrillatoren, Rettungsdecken und Medizinkoffer liegen an Deck. Die Crew verständigt sich per Funk. Es gelten klare Regeln und Abläufe, denn bei einer echten Rettung zählen Sekunden. „Nach sechs Minuten Herzstillstand erleidet das Gehirn Schäden“, erklärt Margherita Colarullo, die Ärztin an Bord, vor dem Einsatz.


Nach etwa zwei Stunden ist Schluss mit der Übung. Im Anschluss bespricht die Crew, wie die Simulation gelaufen ist. Die Ärztin, eine erfahrene Entwicklungshelferin und eine Kapitänin haben den Einsatz geleitet. Was muss besser werden, an welchen Abläufen muss die Crew feilen.

Aus Sicht einer Laiin wirkt die Übung so eingespielt, als würde das Team seit Jahren zusammenarbeiten. Dabei sind viele nur für einige Wochen gemeinsam an Bord. Daher müssen alle konzentriert sein und die Notfallpläne streng einhalten. Alkohol ist an Bord übrigens verboten.


Es ist unwahrscheinlich, dass die Retter in den kommenden Tagen Boote in Seenot entdecken. Der Wind bläst in Richtung libyscher Küste und die Wellen sind dort so hoch, dass eine Abfahrt der Schleuserboote kaum möglich ist. Solange patrouilliert die „Aquarius“ weiter etwa 25 Seemeilen vor der libyschen Küste. Aus Sicherheitsgründen vergrößert die Crew den Abstand nachts auf etwa 30 Seemeilen. In der Dunkelheit vermuten die NGOs Öl- oder Waffenschmuggler. Denen will man lieber nicht begegnen.

Unsere Reporterin Anna Gauto berichtet regelmäßig von ihren Erlebnissen auf der „Aquarius“. Lesen Sie hier ihre erste Geschichte „Libysche Küstenwache ruft um Hilfe“.