Norwegen will das Elektro-Flugzeug

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Norwegen will das Elektro-Flugzeug

In der Luftfahrtbranche sind Elektro- und Hybridantriebe ein heiß diskutiertes Thema. Die Umsetzung ist aber mau. Norwegen will nun dafür sorgen, dass E-Flugzeuge nicht nur besprochen, sondern gebaut werden.

Die Kurzstrecke im Elektroflieger – für Norwegen ist das keine schöne Idee mehr, sondern ein fester Plan. Geht es nach den Skandinaviern, so werden ab 2040 alle Kurzstreckenflüge im Land rein elektrisch erfolgen. Auf einer Konferenz in Oslo mit dem Titel „Emissionsfreie Luftfahrt im Jahr 2040“ stellte Norwegen seine Pläne und Ideen vor. Die norwegische Regierung hat das Staatsunternehmen Avinor, das im Land 46 Flughäfen betreibt, damit beauftragt, Pläne für einen Umstieg auf Elektroflugzeuge zu entwickeln.

Das Ziel: 2040 soll der norwegische Luftverkehr komplett elektrifiziert sein. Schon ab 2025 besteht laut Avinor die Chance, dass zu Testzwecken eine erste kommerzielle Route in Norwegen nur mit Elektro-Flugzeug bedient werden könnte. Es ist nicht der erste Schritt gen Elektrifizierung, den das skandinavische Land macht. Zu einen unterstützt Norwegen Elektroautos, indem Elektroautofahrer unter anderem steuerfrei unterwegs sind. Zum anderen möchte Norwegen auch Elektro-Projekte in der Schifffahrt voranbringen. Dass auch die Luftfahrt elektrifiziert werden soll, ist in Norwegen deshalb nur ein logischer nächster Schritt.

„Die Luftfahrt ist für Norwegen von zentraler Bedeutung, und die Industrie muss ihren Teil der Verantwortung übernehmen, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren“, sagt Avinor-Chef Dag Falk-Petersen. „Wir wollen diejenigen, die an diesen Themen arbeiten, zusammenbringen, um Know-how und Erkenntnisse für den weiteren Weg zu teilen.“


Machbarkeitsstudien im Auftrag des norwegischen Unternehmens hätten belegt, dass 30 Prozent aller Flugkraftstoffe an den Avinor-Flughäfen bis 2030 nachhaltig sein könnten – sei durch Biokraftstoff oder elektrische Antriebe. Schon heute können Flugzeuge an zwei Flughäfen Brennstoff aus Forstabfällen bekommen. Die Flughäfen in Oslo und Bergen verfügen über den Biokraftstoff – allerdings ist die Verfügbarkeit begrenzt. „Derzeit wird weltweit nur sehr wenig nachhaltiger Biotreibstoff hergestellt, und das Wenige gibt es zu einem Preis, der nicht wettbewerbsfähig ist“, sagt Torbjørn Lothe, Geschäftsführer des norwegischen Luftfahrtverbandes. Um das Ziel, 30 Prozent nachhaltige Antriebe oder Kraftstoffe, zu erreichen, seien öffentliche Mittel notwendig.

Bei Elektroflugzeugen rechnet Norwegen schneller mit größeren Fortschritten. Das Interesse daran sei deutlich gestiegen, heißt es bei Avinor. Zusammen mit dem Norwegischen Flugsport-Verband hat der Staatskonzern ein langfristiges Projekt zur Einführung von Elektroflugzeugen in der norwegischen Luftfahrt gestartet. Unterstützt wird das Projekt von der Regierung. Zu den Projektpartnern gehören neben der Klimastiftung Zero die norwegische Regionalfluggesellschaft Widerøe und die skandinavische Fluggesellschaft SAS. Norwegen will mit einem öffentlichen Anreizprogramm Unternehmen dazu motivieren, mehr in die Entwicklung von Elektroflugzeugen zu investieren. Geht es nach Avinor-Chef Falk-Petersen, so könnte es schon in ein bis zwei Jahren die ersten Ausschreibungen für Elektroflugzeuge mit bis zu 50 Sitzplätzen gemacht werden.


„Noch vor kurzem waren elektrische Flugzeuge unvorstellbar. Nun behaupten einige Großunternehmen, dass sie in wenigen Jahren in Norwegen Flugzeuge mit elektrischen Lösungen für den inländischen Linienverkehr ausstatten können“, sagt Marius Holm, Chef der norwegischen Klimastiftung Zero. Das wollen die Skandinavier nutzen und ihre Vorreiterrolle in der Elektromobilität erneut bestätigen. „Damit wird Norwegen den Weg weisen und zeigen, wie wir die Luftfahrt neu ausrichten können“, sagt Holm.

Am Projekt Elektroflugzeug wird schon seit einigen Jahren gearbeitet. Einen großen Durchbruch gab es bislang nicht. Möglicherweise fehlte ohne die Kundennachfrage den Unternehmen der Anreiz – darauf schieben es zumindest die Norweger. Mittlerweile sehen viele zumindest Potenzial in elektrischen und hybridelektrischen Flugzeugen. Viele Start-ups sind am Thema dran, aber auch die großen Flugzeugbauer Boeing und Airbus arbeiten an elektrisch angetriebenen Flugzeugen.



Airbus und Boeing lassen an E-Fliegern tüfteln


Beim europäischen Luftfahrtkonzern Airbus laufen verschiedene Projekte nebeneinander. Siemens und Airbus etwa haben gemeinsam mit dem britischen Triebwerkshersteller Rolls-Royce an einem Elektro-Hybridantrieb für Flugzeuge. Im November stellten die drei Firmen das Projekt vor der Royal Aeronautical Society in London vor und kündigten an, dass ihr Antrieb namens „E-Fan X“ 2020 erstmals fliegen soll. Für erste Tests soll an einer BAe 146, einem Passagierflugzeug aus den 1980ern, eines von vier Düsen-Triebwerken durch einen „E-Fan X“ ersetzt werden. Nach erfolgreichen Tests, soll dann ein Flugzeug extra für den E-Hybridantrieb konstruiert werden. Der E-Fan an sich ist übrigens schon seit ein paar Jahren im Einsatz. 2015 schaffte es ein Leichtflugzeug bereits mit dem elektrischen Antrieb den Ärmelkanal zu überqueren. Zudem tüfteln Siemens und Airbus in Ottobrunn bei München seit dem Frühjahr 2016 an einem Elektroantrieb für sogenannte „Lufttaxis“. Abgehoben ist dort allerdings noch kein Flugzeug – auch nicht zu Testzwecken.


Doch damit nicht genug: Im Silicon Valley arbeitet Airbus mit seinem Ableger A³ an Vahana – einem bislang unbemannten, autonom fliegenden Miniflugzeug, das entwickelt wurde, um Lieferungen oder eine Person durch die Stadt zu befördern. Ende Januar hob der Prototyp auf dem Testgelände im US-Bundesstaat Oregon erstmals ab. Parallel dazu arbeitet CityAirbus an einem autonomen Flugtaxi, das bis zu vier Personen durch die Stadt fliegen soll. Der Jungfernflug ist für dieses Jahr geplant.

Airbus-Konkurrenz Boeing steckt gemeinsam mit JetBlue Airways Risikokaptital in das US-Start-Up Zunum Aero, das an Elektro-Hybridantrieben tüftelt. Im Oktober 2017 kündigten die Entwickler aus Seattle an, dass 2022 ein Zubringerflugzeug mit Elektro-Hybridmotor aus ihrer Entwicklung starten könne. Laut ursprünglichem Konzept soll ein solcher Flieger mit zwölf Personen an Bord rund 1100 Kilometer zurücklegen können. Der Plan von Zunum ist es allerdings eine ganze Familie von Flugzeugen zu bauen, die auch mehr Personen zu weiter entfernten Zielen fliegen können soll. In den 2030ern seien dank neuer Akkus wahrscheinlich größere Regionalflieger mit 50 Sitzen möglich, heißt es vom Zunum-Gründer. Längerfristig denkt das Start-up zudem über den Hybridantrieb hinaus: Ein Übergang zu einem vollelektrischen Antrieb ist bereits mitgedacht – sobald eine passende Batterietechnologie verfügbar wird, will das Unternehmen schnell reagieren.


Vielversprechende Konzepte anderer Player

Beim reinen E-Flieger lohnt sich derzeit der Blick auf zwei weitere Start-ups. Zum einen Eviation aus Israel. Die Gründer sehen ihren E-Flieger zunächst vor allem auf regionalen Flugrouten. Ihr autonomes Flugzeug „Alice“ soll vollelektrisch fliegen und Platz für bis zu elf Passagiere bieten. Die Reichweite von derzeit 1000 Kilometer soll langfristig noch ausgebaut werden. Ein Prototyp soll 2019 seine ersten Testflüge absolvieren können. Noch fehlt es an Entwicklungsgeldern, die womöglich durch einen Börsengang gesammelt werden sollen.

Zum anderen lohnt ein Blick nach Kalifornien auf das Start-up Wright Electric. Das Unternehmen hat für ein Start-up schon ein sehr ehrgeiziges Ziel: ein Elektro-Flugzeug mit 120 bis 200 Sitzen. Die angepeilte Reichweite ist noch nicht riesig – knapp 540 Kilometer, reicht aber für Städteverbindungen wie New York und Boston oder Paris und London. Für Kurzstrecken-Verbindungen also schon ein durchaus interessantes Angebot – das auch bereits einen wichtigen Interessenten angezogen hat. Europas Billigfluggesellschaft Easyjet hat sich im September 2017 eine Partnerschaft mit Wright Electric gesichert. Sobald es die Technologie erlaubt, soll die Flugzeugfamilie bei Wright Electric erweitert werden und auch Flugzeuge für mehr Passagiere und mit besserer Reichweite gebaut werden.


2021 soll der erste Prototyp des Passagierfliegers abheben. Mit einer Markteinführung rechnen die Kalifornier in rund zehn Jahren.

Noch einmal gut zehn Jahre weiter möchte Norwegen dann rein elektrisch sein in der Luft. Wenn die derzeitigen Pläne der Flugzeugbauer – ob groß oder klein – umgesetzt werden können, scheint dieses Ziel zumindest von der Angebotslage her machbar.