Nordkoreanische Charme-Offensive dominiert Beginn der Olympischen Spiele

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un

Mit einer Charme-Offensive hat Nordkorea am ersten Wochenende der Olympischen Winterspiele in Südkorea Zeichen der Versöhnung gesetzt. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ließ seine Schwester eine Einladung an Südkoreas Präsident Moon Jae In zu einem Besuch in Pjöngjang überreichen. Die Reaktionen auf Kims Vorstoß für den ersten Korea-Gipfel seit mehr als zehn Jahren fielen allerdings zunächst verhalten aus. Die USA warnten vor einem Propaganda-Trick.

Kims Schwester Kim Yo Jong überreichte dem südkoreanischen Präsidenten am Samstag bei einem Empfang in Seoul einen Brief ihres Bruders. "Wir hoffen, Sie bald in Pjöngjang zu sehen", sagte sie. Pjöngjang setze darauf, dass Präsident Moon auf dem Weg zur Wiedervereinigung ein "neues Kapitel" aufschlage. Nach dem Treffen in Seoul besuchten Moon und Kim Yo Jong gemeinsam mehrere olympische Veranstaltungen.

Der letzte innerkoreanische Gipfel liegt zehn Jahre zurück. Südkoreas Präsident Moon, der sich seit Langem für Verhandlungen mit Pjöngjang einsetzt, reagierte zurückhaltend auf die Einladung: Zunächst müssten die "passenden Voraussetzungen" für ein solches Treffen geschaffen werden. Moon verlange von Nordkorea, sich ernsthaft um einen Dialog mit den USA zu bemühen.

US-Vizepräsident Mike Pence sprach von einer "Propaganda-Farce" aus Nordkorea. "Die Welt darf nicht die Augen verschließen vor der Unterdrückung und den Drohungen des Kim-Regimes", schrieb er im Onlinedienst Twitter.

Dass die USA und ihr südkoreanischer Verbündeter in der Nordkorea-Frage uneins sein könnten, bestritt Pence: Die USA, Südkorea und Japan seien sich einig, dass Pjöngjang weiterhin wirtschaftlich und politisch isoliert werden müsse, bis das Land sein Raketen- und Atomprogramm aufgebe.

Beobachter halten die diplomatische Initiative für einen Versuch des isolierten Nordkorea, die internationalen Sanktionen abzumildern und das Bündnis zwischen Seoul und Washington zu schwächen. Der Korea-Experte Robert Kelly von der Universität Pusan glaubt jedoch nicht, dass Moon das Bündnis mit Washington zugunsten einer Annäherung mit Nordkorea gefährden werde. Moon werde sich schwerlich von "Lippenstift-Diplomatie" beeindrucken lassen, schrieb Kelly auf Twitter: "Er ist ein Liberaler, aber kein Idiot oder Verräter."

In den vergangenen Monaten hatte sich der Konflikt um das nordkoreanische Atomprogramm verschärft. Die Führung in Pjöngjang verstieß mit Raketen- und Atomtests wiederholt gegen Resolutionen des UN-Sicherheitsrats, dieser reagierte mit neuen Sanktionen.

Seit Jahresbeginn bemühen sich die verfeindeten Staaten der koreanischen Halbinsel aber um eine Annäherung. Die Teilnahme Nordkoreas an den Winterspielen in Pyeongchang gilt als wichtiges Zeichen der Entspannung.

Bereits bei der Eröffnungsfeier am Freitag kam es zu versöhnlichen Gesten zwischen Vertretern beider Staaten. Sportler aus Nord- und Südkorea marschierten gemeinsam in das Olympia-Stadion ein. Moon reichte Kim Yo Jong und Nordkoreas protokollarischem Staatsoberhaupt Kim Yong Nam die Hand.

Offiziell befinden sich Nord- und Südkorea weiterhin im Kriegszustand. Kim Yo Jong ist das erste Mitglied der Kim-Dynastie, das Südkorea seit dem Waffenstillstand von 1953 besucht. "Obwohl ich zum ersten Mal hier bin, fühlt es sich nicht fremd an", sagte Kim Yo Jong einem Bankett, zu dem der südkoreanische Vereinigungsminister Cho Myoung Gyon eingeladen hatte.

Am Samstag schaute sich Kims Schwester zusammen mit Moon und anderen Regierungsvertretern beider Länder das erste Spiel der gemeinsamen Eishockey-Damenmannschaft aus Nord- und Südkorea in Gangneung an. Das Team verlor 0:8 gegen die Schweiz. Kurz vor ihrem Rückflug besuchten Nordkoreas Vertreter am Sonntag gemeinsam mit Moon das Abschlusskonzert des nordkoreanischen Samjiyon-Orchesters.

Vor dem Gebäude protestierten Dutzende Demonstranten unterdessen gegen eine Annäherung. Als einige von ihnen eine nordkoreanische Fahne in Brand setzten, griff die Polizei ein.