Kims Testrakete fliegt über Japan hinweg

Japan warnt vor einer beispiellos ernsten Bedrohung, Experten reden von einer wohldosierten Warnung an die USA. Doch die Botschaft ist klar: Nordkorea will sich Sanktionen und militärischen Drohgebärden nicht beugen.


Die Bewohner Nordjapans wurden am Dienstagmorgen von einem Raketenalarm auf ihren Handys geweckt. Um etwa sechs Uhr morgens löste die Regierung das J-Alert-Programm in den nördlichen Präfekturen aus, das die Bevölkerung betroffener Regionen vor anfliegenden Raketen warnt. Denn Nordkorea hatte seine Provokationen mal wieder eskaliert.

Um 5.58 Uhr morgens schoss eine Artillerieeinheit eine Mittelstreckenrakete über Japan ab. Nach Informationen der japanischen Regierung überflog sie die Insel Hokaido in mehreren hundert Kilometern Höhe und stürzte 1180 Kilometer von Kap Erimo entfernt in den Pazifik. Im Flug zerbrach sie offenbar in drei Teile.


Japans Regierung reagierte mit harschen Worten. Der Raketentest stelle „eine beispiellos ernste und schwere Bedrohung für Japans Sicherheit dar“, sagte Japans Kabinettamtschef Yoshihide Suga am frühen Morgen in Tokio auf einer Pressekonferenz. Der Test sei eine „problematische, gefährliche Handlung“. Japan werde daher eng mit den USA und Südkorea zusammenarbeiten, um Nordkorea zu antworten.

Südkoreas Regierung verurteilte die „weitere Provokation“ auf das Schärfste und forderte den Norden auf, schnell an den Verhandlungstisch zu kommen. Außenministerin Kang Kyung-wha kündigte darüber hinaus Telefongespräche mit US-Außenminister Rex Tillerson und möglicherweise ihrem japanischen Kollegen Taro Kono an.


Die große Frage bleibt, was genau die USA und ihre Verbündeten unternehmen werden. Denn Nordkoreas Raketenstart „war sorgfältig kalibriert, um Ärger auszulösen, aber eine militärische Antwort zu vermeiden“, meint der Nordkorea-Experte Christopher Green, Berater des Thinktanks Crisis Group.

Tatsächlich ist der Überflug nicht mal ohne Beispiel. Zuletzt hatte Nordkorea 2009 eine Taepodong-Mittelstreckenrakete über die japanischen Inseln gefeuert, ohne das Japan oder die USA viel hätten unternehmen wollen. Dennoch liegt Japans Kabinettsamtschef Suga mit seiner Warnung nicht ganz falsch. Unbestritten ist die Lage deutlich ernster als vor acht Jahren.

Viele Experten warnen sogar, dass das Unsagbare denkbar geworden ist: ein neuer Krieg auf der koreanischen Halbinsel. Denn seit Nordkorea kurz davor steht, die USA ernsthaft mit Atomraketen bedrohen zu können, haben US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Führer Kim Jong Un den schwelenden Konflikt massiv angefacht.


Südkoreas Staatschef droht mit Vergeltung


Trump drohte, dass nun auch militärische Optionen auf dem Tisch lägen, um die atomare Bedrohung zu lösen. Nordkorea antwortete mit einer raschen Folge von Starts von Mittel- und Langstreckenraketen, die immer weiter flogen. Auf einmal scheinen selbst Chicago und New York in Reichweite Nordkoreas zu liegen, meinen Analysten.

Doch damit nicht genug: Auf die Ankündigung Nordkoreas, einen Raketenangriff auf die US-Pazifikinsel Guam zu prüfen, antwortete Trump mit seinem inzwischen berühmten Brandsatz: Ein Angriff werde mit „Feuer und Wut“ bekämpft, wie es die Welt noch nicht gesehen habe.


Seither hat sich die Lage zwar scheinbar wieder beruhigt. Erst am Wochenende bemerkte US-Außenminister Rex Tillerson, dass Nordkorea die USA offenbar respektierten. Überdies zeigte er sich offen für Gespräche. Dennoch warnten Sicherheitsexperten vor einem weiteren militärischen Störfeuer Nordkoreas, besonders während eines laufenden Militärmanövers von amerikanischen und südkoreanischen Truppen.

Nordkorea verurteilt die regelmäßigen Übungen stets als aggressiven Akt und antwortet in der Regel mit eigenen Manövern. Bisher schossen die Militärs eine Salve kleiner Raketen ins Meer und übten Artillerieangriffe auf südkoreanische Stellungen. Auch den neuen Test lesen Experten als wohldosierte Warnung.

Kim demonstrierte mit der Mittelstreckenrakete den USA nicht nur, dass amerikanische Garnisonen in Ostasien nicht sicher sind. Er zeigte außerdem, dass seine Artillerieeinheiten zunehmend flexibel werden. So startete die Rakete nicht von einer der üblichen Basen, sondern aus der Nähe der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang.

Doch auch wenn die USA und ihre ostasiatischen Verbündeten nicht militärisch reagieren sollten, nehmen die Spannungen weiter zu. So schlägt selbst der neue südkoreanische Präsident Moon Jae-in, der von konservativen Koreanern als heimlicher Nordkorea-Beschwichtiger verdächtigt wird, immer martialischere Töne an.


Der linksliberale südkoreanische Staatschef hält sich zwar die Tür für Gespräche mit dem Norden offen. Aber am Montag drohte er mit massiver Vergeltung, wenn Nordkorea unbestimmte Linien überschreite oder gar Südkorea angreife. Außerdem ordnete er an, die militärischen Fähigkeiten des bereits hochgerüsteten Militärs gegen die nukleare Bedrohung zu verstärken.

Dabei hob er die drei Pfeiler der südkoreanischen Verteidigungsstrategie hervor: das neue Raketenabwehrsystem, das Moon ausbauen will, Fähigkeiten zu harter Bestrafung und massive Gegenschläge. Damit geht das Schattenboxen zwischen Nordkorea und seinen Feinden in die nächste Runde.

KONTEXT

Welche Sanktionen der UN-Sicherheitsrat gegen Nordkorea verhängte

Erster Atomtest

Oktober 2006: Der Sicherheitsrat verhängt ein Handelsembargo für alle Waren, die mit dem nordkoreanischen Raketen- und Nuklearprogramm zu tun haben könnten. Auch schwere konventionelle Waffen und Luxusgüter dürfen nicht mehr ein- und ausgeführt werden.

Zweiter Atomtest

Mai 2009: Der Rat verschärft seine Sanktionen: Unter anderem soll Fracht nach Nordkorea stärker auf verbotene Waffenlieferungen kontrolliert werden. Zudem soll Pjöngjang keine Investitionsmittel oder Darlehen mehr von der internationalen Gemeinschaft erhalten - es sei denn, sie kämen der Bevölkerung in Form von humanitärer oder Entwicklungshilfe zugute.

Raketenstart

Dezember 2012: Mehrere ranghohe Mitarbeiter der an dem Start beteiligten Unternehmen dürfen nicht mehr ins Ausland reisen. Ihre Auslandskonten und die ihrer Unternehmen werden eingefroren.

Dritter Atomtest

Februar 2013: Die neue Resolution richtet sich gezielt gegen Diplomaten des Regimes. Zudem dürfen viele Luxusgüter nicht mehr nach Nordkorea exportiert werden. Bestehende Sanktionen wie Reiseverbote und Kontensperrungen werden verschärft.

Vierter Atomtest

Januar 2016: Die darauf folgende Resolution 2270 sieht unter anderem Kontrollen aller Frachter von und nach Nordkorea sowie ein Verkaufsverbot von Handfeuerwaffen vor. Zu den Maßnahmen gehört auch ein Exportverbot für bestimmte Bodenschätze.

Fünfter Atomtest

September 2016: Der Sicherheitsrat verhängt Exportverbote für Kupfer, Nickel, Silber und Zink. Die Ausfuhr von Kohle und Eisen ist nur noch erlaubt, um der "Existenzsicherung" der nordkoreanischen Bevölkerung zu dienen. Hinzu kommen weitere Reiseverbote und das Einfrieren weiterer Vermögen.

Neuer Raketentest

Der UN-Sicherheitsrat verschärft seine Sanktionen, nachdem Nordkorea am 28. Juli trotz aller Verbote des Sicherheitsrates eine Interkontinentalrakete getestet hat, die nach Berechnungen von Experten eine theoretische Reichweite von rund 10.000 Kilometern hätte und damit das Festland der USA treffen könnte. Die neuen Strafmaßnahmen verbieten der Regierung in Pjöngjang die Ausfuhr von Kohle, Eisen, Blei und Fisch, um die Exporteinnahmen von bisher drei Milliarden Dollar jährlich um ein Drittel zu kappen. Auch Joint-Ventures mit Nordkorea sind künftig verboten.