Nordische Aktienmärkte leuchten

Den europäischen Märkten droht ein Kurswechsel. In Skandinavien scheint das anders: Analysten sind nach Zuwächsen auch für 2018 optimistisch. Im Fokus: Die Baubranche – und ein Unternehmen, das mit Leergut Geld verdient.


Das nahezu abgelaufene Jahr hat sich für Anleger in nordeuropäische Aktien gelohnt. Während die Hauptindizes in Helsinki um sieben Prozent und in Stockholm um acht Prozent zulegten, verzeichnete Kopenhagen ein Plus von 16 Prozent, Oslo sogar von 18 Prozent. Doch es gab auch schlechte Nachrichten: In Finnland war es vor allem der Kurssturz des einstigen Handy-Weltmarktführers und heutigen Netzausrüsters Nokia, der den Anlegern zu schaffen machte, in Schweden waren es der Telekomkonzern Ericsson und die Modekette H & M, die den Index deutlich nach unten zogen.

Interessanter als der Blick zurück sind die Aussichten für 2018. Welche Branchen, welche Aktien werden im kommenden Jahr zu den Gewinnern gehören? Die Analysten der großen nordeuropäischen Banken glauben generell an ein weiteres gutes Jahr an der Börse. „Insgesamt haben wir eine positive Sicht auf den Aktienmarkt 2018“, sagt Mikael Wik, Aktienanalyst bei der schwedischen Bank Swedbank. Er hebt aber auch einen warnenden Zeigefinger. „Uns ist gleichzeitig bewusst, dass die Börse nach einem langen Aufwärtstrend vermutlich in der letzten Phase ist und sich das Szenario schnell verändern kann“.

Als Investor sollte man die unsichere politische und geopolitische Lage im Auge behalten, mahnt er. Swedbank hat für das kommende Jahr europäische Aktien auf „neutral“ heruntergestuft. Amerikanische und schwedische Aktien werden dagegen übergewichtet.


Die schwedische Bank SEB geht davon aus, dass trotz guter wirtschaftlicher Eckdaten im Norden Europas das Potenzial für größere Kursanstiege erschöpft sein kann, da die Kurse vieler Unternehmen bereits Höchststände in diesem Jahr erreicht haben. SEB-Analyst Roger Törnkvist sieht dennoch Chancen für Anleger. „Bei der Suche nach Rendite sehen wir ein gestiegenes Interesse nach Aktien von Unternehmen, die eine gute Dividende zahlen“, sagt der Experte. „Und hier ist die Stockholmer Börse besonders interessant“.

Bei den Großbanken Nordea, Handelsbanken, Swedbank und auch bei seinem Arbeitgeber SEB erwartet Törnkvist für 2018 in etwa doppelt so hohe Ausschüttungen wie im Börsendurchschnitt. Die Bewertung der Banken sei ungewöhnlich niedrig, gleichzeitig ist der Dividendenanteil am Gewinn hoch.

Zu den Branchen, denen auch 2018 gute Wachstumschancen eingeräumt werden, zählt seiner Ansicht nach auch die Bauindustrie, die von den Wohnungsbauprogrammen der Regierung profitiert. Und das trotz jüngster Meldungen auf dem Wohnungsmarkt: Erstmals seit vielen Jahren sind die Preise für Wohnungen und Häuser in den Großstadtregionen leicht gefallen. Auch die SEB geht von fallenden Immobilienpreisen im ersten Halbjahr 2018 aus. Allerdings rechnet die Bank 2019 wieder mit steigenden Preisen. „Wir gehen nicht von einem kräftigen Preisfall aus und sehen mehrere Bauunternehmen als interessant an“, so Törnkvist.

Das gilt insbesondere für die an der Stockholmer Börse notierten Konzerne Bravida und Skanska, teilweise auch für NCC. Eine dritte Branche, in der es Unternehmen mit hohen Dividendenausschüttungen gibt, ist die Telekombranche. Hier gelten die schwedisch-finnische Telia und die norwegische Telenor als interessante Anlagen. „Telias Ambition, sich aus dem eurasischen Raum mit Ländern wie Usbekistan, Kasachstan und anderen zurückzuziehen und den Fokus auf Übernahmen im Norden zu legen, hat das Risiko in dem Unternehmen verringert. Das kann den Aktienkurs beflügeln“, sagt Törnkvist.


In Dänemark gilt unter Analysten der Insulinhersteller Novo Nordisk als weiterhin interessante Anlage. Zwar ist der Kurs seit Jahresanfang um über 40 Prozent gestiegen, doch Analysten sehen weiteres Aufwärtspotenzial. Denn der weltgrößte Insulinhersteller forscht an einem oral einzunehmenden Insulinmedikament. Erste Studien sehen erfolgsversprechend aus. Diabetiker könnten bei einem endgültigen Erfolg auf das umständliche Spritzen von flüssigem Insulin verzichten. Die Schweizer UBS hat deshalb eine Kaufempfehlung für die Novo-Nordisk-Aktie ausgesprochen. So ganz einig sind sich die Experten allerdings nicht. So rät die deutsche DZ Bank zum „Verkaufen“, da sie den Insulinmarkt vor allem in den USA unter Preisdruck sieht.

In Norwegen sehen Analysten noch Potenzial bei Tomra. Das Unternehmen ist weltweit führend bei Leergut-Rücknahme-Systemen. Allein in Deutschland hat der Hersteller mehr als 30.000 Automaten für Mehrwegflaschen, Dosen und Kunststoffflaschen aufgestellt. Was das vor über 40 Jahren gegründete Unternehmen von seinen Konkurrenten unterscheidet, ist das komplette Produktsortiment. Der unabhängige Aktienanalyst Marcus Hernhag sieht Aufwärtspotenzial in der Tomra-Aktie. Auch, weil die Rücknahmeautomaten alle acht bis zehn Jahre ausgetauscht werden müssen und außerdem immer mehr Länder ein Pfandsystem einführen.


Stabile Konjunktur


Allen nordischen Ländern gemeinsam ist die derzeit stabile konjunkturelle Lage. In Finnland rechnet die Regierung mit einem Wachstum in diesem Jahr von über drei Prozent. Auch in den kommenden zwei Jahren geht sie von einem stabilen Wachstum aus, das allerdings unter dem von 2017 liegen dürfte. Norwegen und Dänemark blicken ebenfalls positiv in die Zukunft. Die schwedische Wirtschaft brummt, und ein Abflauen ist derzeit nicht zu sehen. Die Zentralbank in Stockholm geht in den kommenden zwei Jahren von einer starken Konjunktur in Schweden aus. Die Inflation dürfte sich nach ihrer Prognose im kommenden Jahr bei rund zwei Prozent einpendeln. In diesem Bereich werde sie auch 2019 und 2020 liegen, urteilt die Bank.

Die schwedische Zentralbank hat kurz vor Weihnachten angekündigt, ihr Wertpapierkaufprogramm nicht über das Jahresende hinaus zu verlängern. Allerdings will sie die quantitative Lockerung der Geldpolitik nicht vollends aufgeben. Denn die Beträge aus auslaufenden Anleihen und die Zinseinnahmen aus bestehenden Verträgen sollen reinvestiert werden. Die Bank muss allerdings angesichts einer auf Hochtouren laufenden Wirtschaft und einer Inflation nahe dem Zielbereich verhindern, dass die Krone zu stark wird. Das würde die exportorientierte Wirtschaft des Landes mit Unternehmen wie Ericsson oder Volvo schwer treffen.

Die schwedische Währung hat gegenüber dem Euro und dem Dollar in den vergangenen drei Monaten deutlich an Wert verloren. Insofern könnte der Schritt der Zentralbank zum richtigen Zeitpunkt gekommen sein, meinen einige Analysten. Der Fall der Krone begann im Spätherbst, da die Furcht vor einer Korrektur des schwedischen Immobilienmarktes gewachsen war.


2018 wird die Zinspolitik in Schweden im Fokus der Anleger stehen. Zentralbankchef Stefan Ingves kündigte vergangene Woche an, die Minuszinsen von 0,5 Prozent vorerst beizubehalten. Erst „Mitte 2018“ sei mit einer Anhebung des Leitzinses zu rechnen. Analysten glauben allerdings nicht, dass die Zinsanhebungen bereits Mitte kommenden Jahres, sondern vielmehr erst im dritten Quartal 2018 beginnen werden.

Von der Abkehr von negativen Zinsen würden vor allem die nordeuropäischen Banken wie Danske Bank, die norwegische DnB, Nordea, SEB, Swedbank und Handelsbanken profitieren, deren Kursentwicklung die Anleger in diesem Jahr nicht verwöhnt hat. Eines muss bei Anlagen im Norden Europas aber bedacht werden: Außer Finnland nimmt keines der nordischen Länder am Euro teil, insofern besteht immer das Risiko von eventuellen Währungsverlusten.


Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 15 Teile und läuft vom 21. Dezember bis 4. Januar 2018. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 7 (27.12.): Aktien Skandinavien

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis

KONTEXT

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ. Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.