Nord Stream liefert wieder nichts - Angst vor Gas-Stopp geht um

(Bloomberg) -- Die am Mittwoch beginnende Wartung der Gaspipeline Nord Stream erinnert Europa erneut daran, dass russische Null-Lieferungen der neue Normalzustand werden könnte. Damit drohen Stromausfälle, Rationierungen und eine schwere Rezession.

Die Wartung und die damit verbundene Lieferpause sind zwar nur auf drei Tage angesetzt, doch die Sorge ist verbreitet, dass Moskau wieder einen Vorwand finden wird, seine Lieferungen zu drosseln und Europa der Gnade des Wetters auszuliefern.

Bereits wenige Stunden vor dem geplanten Lieferstopp hatte die staatliche Gazprom ein Zeichen in diese Richtung gesetzt, indem sie dem französischen Energieversorger Engie SA kurzerhand den Gashahn abdrehte, da es zu Unstimmigkeiten bei den Zahlungen gekommen sei. Eine weitere Lieferkürzung, die vom Westen weithin als Vergeltung Russlands für die Sanktionen im Zusammenhang mit der Ukraine-Invasion gesehen werden.

“Wie wir erwartet hatten, setzt Russland Gas als Kriegswaffe ein”, sagte die französische Energieministerin Agnes Pannier-Runacher am Mittwoch. “Wir haben die Mittel, um mit dieser Situation umzugehen und durch den Winter zu kommen.”

Das Worst-Case-Szenario für Europa wäre die völlige Einstellung der Gasversorgung aus Russland bei einem gleichzeitigen frühen Kälteeinbruch. Da es nur wenige alternative Lieferquellen gibt, würde ein sprunghafter Anstieg der Nachfrage nach Heizmaterial die Preise weiter in die Höhe treiben, womöglich zu sozialen Unruhen führen und die Entschlossenheit Europas zur Unterstützung der Ukraine auf die Probe stellen.

Laut Gazprom sind routinemäßige Wartungsarbeiten und Inspektionen an einer Kompressorstation der Pipeline erforderlich. Die Aktion ist die jüngste Folge eines Katz-und-Maus-Spiels zwischen dem Kreml und Europa. Die Arbeiten finden nur wenige Wochen nach einer längeren Abschaltung in diesem Sommer und angesichts der sich abzeichnenden kühleren Herbsttemperaturen statt.

Der Kreml weist jede Verantwortung von sich und macht die europäischen Sanktionen für die Pipelineprobleme verantwortlich. Eine Ersatzturbine hängt seit Wochen in einer Warteschleife, weil Moskau und Berlin sich nicht darüber einigen können, welche Dokumente erforderlich sind, um sie nach Russland zurückzubringen.

“Außer den technischen Problemen, die durch die Sanktionen verursacht werden, behindert nichts die Gaslieferungen”, versicherte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag erneut.

Am Montagmorgen wurde Nord Stream wie angekündigt abgeschaltet. Die Gaspreise am Markt implizieren eine 30%ige Chance, dass sie nicht einmal auf das drastisch reduzierte Niveau der letzten Wochen zurückkehren werden, sagt Leon Izbicki, ein Gasanalyst bei Energy Aspects Ltd.

Im Zentrum der Krise steht weiterhin Deutschland. Hier dockt Nord Stream an das europäische Gasnetz an, hier sind Haushalte und Fabriken nach jahrzehntelanger Gewöhnung besonders abhängig von dem russischen Brennstoff.

Wenn der Winter nicht zu kalt und der Gasverbrauch um mindestens 20% gesenkt wird und außerdem neue Gasquellen gefunden werden, wäre die kommende Heizsaison zu schaffen, meint Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur. “Wenn wir es nicht schaffen, kann es schwierig werden”, sagte er dem Münchner Merkur letzte Woche.

Die deutschen Gasspeicher sind inzwischen immerhin zu 85% gefüllt. Doch selbst die Zielmenge von 95% würde weniger als drei Monate der Wärme-, Industrie- und Stromnachfrage decken, wenn Russland die Lieferungen vollständig einstellt.

Volkswirte erwarten eine “schwere Rezession“ in Deutschland, wenn das russische Gas komplett ausbleibt. Ähnliche Risiken sieht etwa die Ratingagentur Fitch auch für Österreich und Italien.

Allerdings wird die komplette Einstellung nicht als der wahrscheinlichste Fall gesehen, da sie für Russland eine wichtige Einnahmequelle darstellen. Experten von Goldman Sachs etwa erwarten, dass die Lieferungen über Nord Stream mit einem Niveau von 20% der Kapazität wieder anlaufen werden. Für einen Winter mit normalen Temperaturen könnte das gerade ausreichen, so Niek van Kouteren, ein leitender Händler beim niederländischen Energieunternehmen PZEM.

Bisher sehen die Prognosen dafür vielversprechend aus. Die Temperaturen werden Anfang Oktober über dem Durchschnitt erwartet, so das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen. Deutschland arbeitet auch mit Hochdruck an der Diversifizierung seines Energiemixes. Kohlekraftwerke werden wieder angeschaltet, Flüssiggas-Terminals im Eilverfahren eingerichtet, und selbst ein Weiterbetrieb der letzten Atomkraftwerke ist im Gespräch.

“Wir können ganz gut umgehen mit den Drohungen, die uns begegnen vonseiten Russlands, das Gas zum Beispiel als Teil der eigenen Strategie im Krieg gegen die Ukraine einsetzt”, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz vor der Regierungsklausur im brandenburgischen Meseberg am Dienstag. “Wir haben uns vorbereitet. Das ist die gute Erkenntnis.”

Überschrift des Artikels im Original:

Europe Braces for Rationing Risks as Russia Showdown Intensifies

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