Nord-Süd-Achse bleibt bis Oktober dicht

Weitere sechseinhalb Wochen bleibt eine der wichtigsten Achsen im deutschen Schienennetz dicht. Nervig für Pendler, existenzbedrohend für private Eisenbahnbetreiber. Die Industrie macht sich aber noch keine Sorgen.


Schlechte Nachrichten für Bahnfahrer und private Eisenbahnbetreiber: Die wichtigste europäische Nord-Süd-Achse bleibt noch wochenlang dicht. Vor zehn Tagen waren bei Bauarbeiten Gleise der Rheintalbahn bei Rastatt in Baden-Württemberg abgesackt. Daraufhin musste zwischen Rastatt und Baden-Baden der Zugverkehr eingestellt werden – für den Personen- und den Güterverkehr. Die Bahn versprach, das Problem bis Ende August in den Griff zu bekommen. Seit heute ist klar: Daraus wird nichts. Es kommt viel schlimmer. Denn die Reparaturen sollen erst am 7. Oktober fertig sein, teilte die Bahn am Dienstag mit.

„Wir haben uns einen deutlich kürzeren Zeitplan vorgestellt“, sagt Dirk Rompf, Bahnvorstand für Großprojekte. „Doch die Tunnelsicherung und der sichere Betrieb stehen ganz klar im Vordergrund.“ Dieses Mal solle der Zeitplan eingehalten werden, heißt es. Zu den erwarteten Kosten machte Rompf keine Angaben.

Die Baustelle dürfte bei den Pendlern für eine weitere Belastung sorgen: Bis zu 20.000 Reisende müssen jeden Tag stundenlange Umwege in Kauf nehmen. Immerhin: Auf den betroffenen Strecken wurde ein Bus-Ersatzverkehr eingerichtet. Um ihre Kunden etwas milde zu stimmen, kündigte die Bahn an, Abonnenten von Zeitkarten im Nah- und Fernverkehr zu entschädigen: Die Bahnfahrer sollen für die Dauer der Sperrung den halben Preis zurückbekommen.

Mindestens genauso schlimm: Auch der Güterverkehr steht still. Insgesamt fahren auf der Rheintalbahn täglich bis zu 200 Güterzüge. Allein im Güterverkehr der Schweizer Bundesbahnen SBB sind 140 Züge betroffen – jeden Tag. Noch sind die Auswirkungen wegen der Ferien gering. Doch mit der Normalisierung der Produktion könnte es im Nord-Süd-Verkehr noch enger werden. Schon vor der aktuellen Situation galt die Strecke als überlastet.


Theoretisch könnten Güterzüge an der Baustelle vorbei über andere Strecken umgeleitet werden. Doch auch die sind dicht oder keine echte Alternative. Auf der Schwarzwaldbahn, die von Offenburg nach Singen und weiter nach Konstanz führt, dürfen wegen der alten Tunnel aus Kaisers Zeiten keine Containerzüge mit mehr als vier Meter Eckhöhe fahren. Und auch die sogenannte Gäubahn zwischen Stuttgart und Singen ist wegen Bauarbeiten unbefahrbar. Die Bahn versucht, diese Baustelle bis zum 5. September fertigzustellen – eine Woche früher als geplant. Und die für September geplanten Reparaturarbeiten an der Schwarzwaldbahn sollen nach hinten verschoben werden.

Das soll für Entlastung sorgen, denn schon jetzt gibt es im Güterverkehr Rückstau. Nach Angaben des Netzwerks Europäischer Eisenbahnen (NEE) können derzeit nur 20 Prozent der sonst üblichen Kapazitäten der Nord-Süd-Achse über Umleitungen gefahren werden. Selbst bei optimaler Auslastung aller Alternativen würden es im September allenfalls 50 Prozent werden.


Der Branchenverband NEE schätzt die Schäden für die Güterbahnbetreiber ab September auf 20 Millionen Euro – und zwar pro Woche. Bis zur Aufhebung der Sperrung kämen mehr als 100 Millionen Euro an Schaden durch Umsatzausfall und Mehrkosten wegen Umleitungen zusammen. Eine Schadensersatz-Zahlung durch die Deutsche Bahn ist nach den Geschäftsbedingungen der Infrastrukturtochter DB Netz wohl ausgeschlossen. Das NEE hofft aber auf Kulanz der Deutschen Bahn.


Deutsche Industrie befürchtet noch keine Engpässe


Schon vor Bekanntwerden der Bauverzögerung forderte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) für die betroffenen Eisenbahnunternehmen unbürokratische finanzielle Hilfe vom Bund. „Eine wochenlange Sperrung hat katastrophale Folgen, insbesondere für die umfangreich betroffenen Güterbahnen“, sagte VDV-Geschäftsführer Martin Henke. Er befürchtet, dass der Verkehr auf andere Verkehrsträger abwandert und die Eisenbahnunternehmen so „massiv Kunden“ verlieren.

Schon jetzt können die Wettbewerber der Deutschen Bahn die Kunden nur über einen aggressiven Preiskampf gewinnen. Bei außerplanmäßigen Belastungen, so wie mit der jetzigen Sperrung, rechnet sich ein Auftrag schnell nicht mehr. Für manche Unternehmen könne die Situation sogar „existenzbedrohend“ sein, befürchtet der VDV.

Die deutsche Industrie meldet bislang allerdings noch keine Produktionsengpässe. Auch die deutsche Automobilbranche ist nach eigenen Angaben nicht betroffen. „Wir haben keine Meldungen über Probleme vorliegen“, sagte ein Sprecher des Verbands der Automobilindustrie (VDA) der Deutschen Presse-Agentur. „Die Masse der Transporte von Zulieferern geht über die Straße“, außerdem seien die Logistiker flexibel.

Aus der Schweiz ist allerdings zu hören, dass die Sorgen um eine sichere Versorgung wachsen. Je länger die Unterbrechung andauere, heißt es etwa beim Schweizer Chemieverband,  desto schwieriger werde es, die Produktion im gewohnten Umfang hoch zu halten. Das könne zu Umsatzeinbußen und Mehrkosten führen. „Erhebliche Störungen im Warenverkehr zwischen Deutschland und Italien werden die Folge sein, wenn es nicht gelingt, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen“, warnt der private Schweizer Güterbahnbetreiber.


Nur fünf Meter unter den Gleisen hatte sich vor zehn Tagen ein Betonsegment in einer Tunnelröhre verschoben. Die beschädigte Röhre soll inzwischen stabilisiert sein. In dem 160 Meter langen Bauabschnitt werden in den nächsten Wochen nun umfangreiche Arbeiten durchgeführt. Der Tunnel wird verfüllt, auf 150 Metern werden Oberleitungen demontiert, Gleise und Schwellen ausgetauscht. Eine 120 Meter lange und ein Meter dicke Betonplatte soll dann zwischen Oberfläche und Tunnel verbaut werden, um das Konstrukt zu stabilisieren. Erst dann können die neuen Gleise wieder verlegt werden.

Ungeachtet der jüngsten Vorfälle ist die Rheinschiene ohnehin kein Ruhmesblatt deutscher Verkehrsplanung. Vor 20 Jahren hatten Deutschland und die Schweiz im Vertrag von Lugano vereinbart, die Zulaufstrecken zum neuen Gotthard-Tunnel zügig auszubauen – bis zum Jahr 2016. Während die Schweizer ihr Milliarden-Projekt rechtzeitig fertigstellten, steht das Schienenprojekt hierzulande mit Fertigstellungstermin 2035 in der Planung. Die Bahn erweitert auf der über 180 Kilometern zwischen Karlsruhe und Basel die Strecke um zwei Gleise. Der Raststatter Tunnel, der die Sperrung ausgelöst hat, ist Teil des Ausbaus.