„Bin noch total aufgewühlt“: Betroffene berichten über die Rettung aus den Gondeln

Der Angestellte steht im Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung.

„Am schlimmsten waren die Ungewissheit und die Bullenhitze“, erzählt Denise Gauter. Die 24-jährige saß mit ihrer Freundin Rebecca Koch (27) und deren beiden Kindern Joleen (5) und Aidan (4) in der Gondel unmittelbar hinter dem Unglücksgefährt. Am Tag danach steht die Sekretärin einer Kölner Anwaltskanzlei noch ganz unter dem Eindruck des Erlebten. „Das steckt mir noch in den Knochen. Ich fühle mich total aufgewühlt.“ Trotzdem sei sie heute zur Arbeit gefahren, um sich etwas abzulenken.

Es hat die beiden Erwachsenen viel Kraft gekostet, gegenüber den Kindern in dieser Extremsituation Gelassenheit auszustrahlen – trotz der eigenen Angst. „Immer wieder haben die Kleinen gefragt, ob wir jetzt gleich abstürzen und sterben müssen.“ Sie hätten gegen die Angst Musik gehört, gesungen und Spiele gespielt.

Gleichzeitig hätten sie um sich herum beobachtet, wie immer mehr Feuerwehr zusammengezogen wurde. Während der Rettung selbst, seien die Kinder dann sehr stark gewesen, hätten sich einfach der Feuerwehr anvertraut. Auch hinterher seien der Junge und das Mädchen diejenigen gewesen, die sich am schnellsten wieder gefasst hätten.

„Zuerst fanden wir den Stopp ganz gut“

„Von der Feuerwehr gerettet zu werden, das war für Aidan ein eindrucksvolles Erlebnis. Er wollte nach der Rettung sogar gleich nochmal in den Feuerwehraufzug.“ Für die Erwachsenen hallt das Erlebte länger nach. Gauter jedenfalls kann sich erstmal nicht mehr vorstellen, eine Seilbahn zu benutzen.

Im Gegensatz zu Mirjam Wüthrich (30) und ihrem Verlobten David Kalbermatten (34), die für einen dreitägigen Städtetrip aus der Schweiz nach Köln gekommen sind. Auch sie waren rund vier Stunden in einer Gondel gefangen, „doch wir wollen auch in Zukunft nicht darauf verzichten. Allerdings packen wir uns dann vorher auf jeden Fall Verpflegung ein“, sagt Wüthrich. Nur zwei kleine, nicht mehr ganz volle Wasserflaschen hatten die Touristen mit sich. „Das war echt hart, weil es mit der Zeit so unglaublich heiß in der Gondel wurde. Obwohl die Fenster durchgehend geöffnet waren“, so Kalbermatten.

Eigentlich wollte das Paar nach einem Besuch im Zoo um 15.30 Uhr nur kurz die Rheinseite wechseln. Mit der Gondel kamen sie fast bis über die Claudius Therme. Dann blieben sie stehen und es passierte nichts mehr. „Zuerst fanden wir das noch ganz gut, weil wir so in Ruhe Fotos machen konnten. Doch nach einer halben Stunde wird man dann doch unruhig, wir wussten überhaupt nicht, was los war. Bis wir die vielen Feuerwehrwagen gesehen haben“, erzählt Wüthrich.

Gerettete bedanken sich mit einem Kasten Kölsch

Erst dann schalteten sie die mobilen Daten ihres Handys an und erfuhren online von der Ursache. Erst gegen 19.30 Uhr erreichten die Retter ihre Gondel. „Und dann kam plötzlich die Angst. Ich bin vorher noch nie geklettert und musste mich plötzlich abseilen lassen. Das hat sehr viel Überwindung gekostet, die Gondel zu verlassen und dem Seil zu vertrauen“, sagt die 30-Jährige.

Endlich am Boden angekommen, wurde das Paar von Brandmeister Matthias Halke in Empfang genommen. Und genau den besuchten die Schweizer Touristen am Montag auf der Feuer- und Rettungswache 4 in Bickendorf – mit einem Kasten Kölsch im Gepäck. Zur Freude der anwesenden Feuerwehrmänner. „Das kommt hier nicht oft vor, dass wir Besuch von Opfern bekommen, die sich bedanken wollen. Das ist wirklich toll“, sagt Halke, der die beiden auf der Wache sofort wiedererkannte.

Die Aufregung vom Vortag war Mirjam Wüthrich und David Kalbermatten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr anzumerken. Dankend nahmen sie das Angebot von Halke an, einmal mit der Drehleiter des Feuerwehrwagens in 30 Meter Höhe zu steigen, um den Blick über Köln zu genießen. Dieses Mal aber von vornherein mit Helm und Sicherheitsgurt.

Albträume und Schlafstörungen sind möglich

Ob und wie schnell Menschen wie Denise Gauter solch traumatische Erlebnisse verarbeiten, hänge allein von ihnen selber ab, sagt Susanne Altmeyer, Chefärztin der „Traumaklinik“ in Wesseling. „Wenn man in so eine Situation gerät, bekommt man erst einmal einen großen Schreck. Ängste entstehen. Man fragt sich: Wie geht es weiter? Ist Hilfe in der Nähe?“ Glücklicherweise sei die Rettungsaktion gut gelaufen, die Helfer seien ruhig und besonnen gewesen. „Die Menschen haben gesehen, dass nichts Schlimmes passiert ist und Hilfe nahe ist.“

Dennoch könnten Albträume und Schlafstörungen die Folge sein. Doch auch das, so Altmeyer, sei individuell verschieden. „Das hängt von der Vorerfahrung ab. Wer bislang nichts Schlimmes erlebt hat in seinem Leben, der wird die ganze Geschichte in zwei, drei Tagen verarbeitet haben. Vielleicht schläft er ein, zwei Nächte nicht gut. Am besten hilft, viel darüber zu reden.“ Heftigere Reaktionen seien bei Menschen zu erwarten, die bereits Ähnliches durchgemacht hätten.

Anzeichen einer Traumatisierung seien „Albträume, Schlafstörungen und eine ständige Anspannung“, so die Traumexpertin. „Wer nach ein paar Tagen noch immer nicht aufhören kann, über das Geschehen nachzugrübeln, sollte sich professionelle Hilfe suchen.“

Seilbahnstation am Montag verwaist

Die Seilbahnstation ist am Tag nach dem Unglück verwaist. Das Gebäude an der Riehler Straße ist geschlossen, ein kleines Schild an der Eingangstür meldet lakonisch: „Der Betrieb der Seilbahn ist wegen Reparatur- und Wartungsarbeiten eingestellt.“ Noch in der Nacht war die Unglücksgondel geborgen und alle übrigen Gondeln eingeholt worden.

Mit zusammengekniffenen Augen späht Günter G. durch ein großes Fernglas hinauf zu den leeren Drahtseilen über ihm. Mehr als 40 Jahre hat der Rentner, der seinen Namen nicht nennen möchte, bei der KVB gearbeitet, sechs Jahre war er bei der Seilbahn eingesetzt. „Natürlich interessiert mich, was gestern passiert ist.“ Eine plötzliche Windböe könnte an dem Unglück schuld sein, mutmaßt er.

G. ist einen Tag nach dem Unglück der einzige Mensch vor Ort. Ein merkwürdiger Kontrast zu dem Trubel am Sonntag, als Hunderte Passanten jeden Geretteten mit begeistertem Applaus begrüßten. Für ihn bleibe die Kölner Seilbahn trotz allem so sicher wie kein anderes Verkehrsmittel, konstatiert der Rentner. Er weist hinauf zu den armdicken Seilen. „Damit können Sie gar nicht abstürzen.“...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta